Ein alter Brauch: Zum Jahreswechsel wird ein Stückchen Blei geschmolzen und in kaltes Wasser getaucht. Es erstarrt zu Formen, die der Deutungskunst viel Spielraum lassen. Das Feuilleton hat kurz vor Silvester ein Bleigießen veranstaltet und eine rätselhafte Figur aus dem Wasser gezogen. Was sagt sie über uns und unsere Zukunft? Hier ein paar Erklärungsversuche

Engel (1)

Als Engel noch Boten Gottes waren, vormodern und ironiefrei zur Verkündigung vorgesehen, konnte es vorkommen, dass einer zum gefallenen Engel wurde, große Luzifersache, mit heilsgeschichtlichen Folgen. Was damals indes nicht geschah, war, dass ein Engel einfach nur umfiel, zack, Beinchen nach oben, Flügelsalat, betrunkener Engel wahrscheinlich. Oder sehr müde. Oder ins Offene unterwegs, Ziel aus den Augen verloren, Ziel ganz vergessen und also aus der Kurve geflogen. Das kann alles leicht heute passieren, Stand Jahresende 2014. Was man für 2015 angesichts dieses Bleigesichtchens einfach nicht wissen kann: ob dem Umgefallenen etwas Unfertiges anhaftet, ob sich nicht irgendein Flügel aus dem Salat noch entfaltet und doch etwas Engelerotik versendet. Gespenst. Engel der Geschichte. Läge ja alles drin in seinem Repertoire. Die Engel, wusste Paul Klee, lange bevor dieser bleierne Engel hier seine dürren Beinchen gen Himmel reckte, sind im Werden. Manche in bunt. Elisabeth von Thadden

Grabbeigabe

Es handelt sich offenkundig um die Grabbeigabe eines gefallenen Peschmerga-Kämpfers. Die wenige Zentimeter hohe Figur zeigt Reste einer deutschen Maschinenpistole (MP5) oder des ebenfalls beliebten serbischen Karabiners (Zastava M92) zwischen den verstümmelten Knien, daneben ist das Magazin zu erkennen, das an einen im Todeskampf erigierten Penis erinnert. Gesicht und Körper wirken wie verbrannt, unklar bleibt, ob es sich hierbei um nachträgliche Einwirkung von Feuer oder heißem Wüstensand handelt oder ob es auf eine Verwundung durch taktische Atomwaffen seitens der gegnerischen IS-Truppen verweisen soll. Insgesamt das Vorzeichen einer Welt eskalierender Bürgerkriege, nicht nur in Nahost, sondern (Herkunft der Waffe!) auch in Mittel- und Osteuropa. Arme und Hände fehlen, was auf unsere Ohnmacht deutet, kommendes Unheil abzuwehren. Jens Jessen

Gletscherleiche

Im Tauwetter des April 2015 wird in den Ötztaler Alpen ein verirrter norddeutscher Skifahrer mit einem ungeschickten Stemmbogen die hier abgebildete Gletscherleiche freilegen und dabei schwer stürzen. Es werden nicht nur Skier und Stöcke brechen, sondern auch das linke Bein des Skifahrers und die Hüfte des Toten. Die Splitter der Skier werden sich mit den Waffen des Gletscherwesens vermischen, und da der Unfall in der Nachmittagsdämmerung auf abgelegenem Gebiet geschieht, wird man den Toten und den Verletzten erst am nächsten Tag entdecken: Skier (Atomic) und Waffen (Kupfersteinzeit) sind da schon zu einem bizarren Konglomerat zusammengefroren, das erst an der Uni-Klinik Innsbruck in seine Einzelteile zerlegt werden kann. Aufgrund der Klimaerwärmung werden 2015 weitere Gletscherleichen zutage gefördert, die zuvor jahrtausendelang unter stabilen Eismassen geruht haben. So wird der Fund der "Atomic-Mumie" kaum internationales Aufsehen erregen. Eine gewisse Berühmtheit wird allerdings der Skifahrer erlangen, namentlich sein Versuch, mithilfe von Anwälten und Genforschern die Nachfahren des Eistoten aufzuspüren, um sie auf Schmerzensgeld zu verklagen. Peter Kümmel

Fledermaus

Oje, was ist denn das? Eine unerhörte Spezies, weder Mann noch Frau, ähnlich einer intersexuellen Fledermaus mit auffällig vergrößertem Steißbein? Sollen wir uns von dieser Fledermaus ein Leben ohne Gender abschauen? Oder ist sie einfach ein Ersatzteil, ein generisches Organ, Phallovulva, nach außen gestülptes Innenleben? Geht das überhaupt mit den alten Geschlechtern zusammen? Was soll man denn, Pardon, mit so was anfangen? Marie Schmidt

Gespenst

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT No 1 vom 30.12.2014.

Alle Gewissheiten dahin, die Welt ausgedörrt, zerfurcht, nur ein grauer Schatten ihrer selbst. So war das bei Alberto Giacometti, dem viel gerühmten Maler und Bildhauer, der lauter wackelige Idole des Zweifels formte – und der, wenn nicht alles täuscht, hier seine Wiederkehr ankündigt, als Gespenst im Mantel. Nicht dass Giacometti je fort gewesen wäre. Seine hageren Figuren werden ständig und überall gezeigt, aber eher als historische Zeugnisse jener Nachkriegszeit, in der man sich gerne einem dunklen Weltschmerz hingab. 2015 aber: die Renaissance des Existenzialismus! Giacomettis Verzweiflung, so prophezeit es uns die fragile, in sich verworfene Bleigestalt, wird die Verzweiflung der Zukunft sein. War metaphysische Obdachlosigkeit lange bloß ein Wort, so ist sie jetzt zu spüren: auf Pegida-Märschen, im Schwerterkampf der Kalifen, auch hoch oben in den Türmen der Geldmacht. Es ist ein Theater der Leere, ganz im Sinne eines Samuel Beckett, des Geistesbruders Giacomettis. Und Trost? Allenfalls den, dass die Stelzenmänner dieses Künstlers die denkbar höchsten Preise erzielen. Verzweiflung kann ein gutes Geschäft sein. Hanno Rauterberg