Man glaubt gar nicht, welche dramatischen Szenen in der Bibel einfach fehlen, und welche Showdowns vorstellbar wären. Zum Beispiel dieser: Als Moses zum ersten Mal allein in die Wüste geschickt wird, verbannt vom ägyptischen Pharao, gerät er in einen nicht enden wollenden Sandsturm, und als sein erschöpftes Pferd tot umfällt, scheint auch sein Schicksal besiegelt. Der Regisseur Ridley Scott zeigt, wie leicht die Heilsgeschichte hätte scheitern können, noch bevor sie begann. Am Morgen nach dem Sturm liegt der Prophet reglos neben dem Pferdekadaver, plötzlich stehen zwei bewaffnete Beduinen vor ihm. Er habe nichts mehr, was den Raub lohne, flüstert der halb verdurstete Moses, heiser vom Sand, mit geschlossenen Augenlidern. Leider sind die vermeintlichen Räuber gedungene Mörder ...

Auf diesen Dreh hätten natürlich auch schon die Autoren des Alten Testaments kommen können. Dort wurde der Aufrührer Moses zwar nicht in die Wüste verbannt, sondern musste aus Ägypten fliehen, aber die Pointe hätte nahegelegen, dass der Pharao oder sonst jemand vom Hofe in Memphis, um späteren Aufruhr mit Sicherheit zu ersticken, den Mann ermorden lässt. Ridley Scott malt sich die Bibel nach der Logik eines Selbsthelfer-Dramas aus: In der Sekunde, als die Mörder ihre Absicht kundtun, springt Moses auf, zieht – so schnell wie sonst nur Westernhelden ihre Pistole – sein blitzendes Schwert und sticht es beiden Feinden zugleich durch die Brust. Doch der Sieger genießt seine Rache nicht. Mit einer resignierten Geste, die das Sinnlose dieses Sieges illustriert, setzt Moses dem oben liegenden Toten einen Fuß auf die Brust und zieht, ruckartig, die blutige Klinge heraus.

Du sollst nicht töten. Aber du sollst auch nicht töten lassen. Das ist die Moral der berühmten Moses-Geschichte, wie Ridley Scott sie nun für das moderne, nicht unbedingt christliche Kinopublikum erzählt. Sein Held ist kein Prophet mit Bart, sondern ein Kämpfer gegen die Feinde der Menschen. Kein frommer Hirte, kein Gottesknecht und kein Gesetzesempfänger, der demütig die Zehn Gebote in Steintafeln meißelt. Er ist selbst das Gesetz, schon bevor Gott es ihm diktiert.

Exodus heißt die tausendmal beackerte Story von Moses, dem Befreier des Volkes Israel aus der ägyptischen Knechtschaft, und wie in jeder Revolutionsgeschichte kommen darin viele Tote vor. Doch deutlicher als im Original geht es bei Ridley Scott nun um das Wesen des Tötens, um die rohe Sinnlosigkeit menschlicher Gewalt – und dass einer ihr endlich Einhalt gebieten muss, notfalls gewaltsam. Das ist das Dilemma. Um es zu entfalten, hat der Regisseur den biblischen Plot beherzt verändert, hat weggelassen und hinzuerfunden, hat Kleines dramatisch vergrößert (den Schicksalssohn Moses als Feldherr des Pharaos) und Großes radikal verkleinert (den Tanz um das Goldene Kalb, das Zerwürfnis mit Aaron, das Murren in der Wüste).

Das Ergebnis ist eine Befreiungssaga: Vierhundert Jahre schinden die ägyptischen Pharaonen ihre hebräischen Sklaven, bis Moses dem Unrecht Einhalt gebietet. Christian Bale spielt ihn als Revolutionär wider Willen: Aufgewachsen am Hofe der Herrscher, als Ziehbruder des jungen Ramses, wird ihm durch Zufall seine wahre Herkunft enthüllt. Das hebräische Findelkind, der Hüter seines fremden Bruders, soll nun seinen Bruder Pharao bekämpfen. Er tut es ungern. Ein Gerechter, der das Unrecht erst allmählich sehen lernt. Was ihn treibt, ist das Leid der Sklaven. Was ihn provoziert, ist ihre Hilflosigkeit. Moses, der Feldherr, will nicht der religiöse Erwecker der Israeliten sein, sondern der Entfesseler ihres Mutes und ihrer Gegenwehr.

Unterstützt wird er dabei von einem Gott, den er erst anzweifelt, dann anruft und schließlich für seine Rachsucht missbilligt. Am Ende führt Moses trotzdem das Volk Israel aus der Knechtschaft. Aber wer denkt, dass die Durchquerung des Roten Meeres eine abgedroschene Episode sei, hat sie noch nicht in 3-D gesehen: himmelhohe Wasser, die sich hinter den Flüchtlingen auftürmen, auftürmen, auftürmen, um endlich auf das Heer der Verfolger niederzubrechen. So viel Action wurde von der deutschen Kinokritik gleich als unangemessen monumental missbilligt. Anscheinend haben die Kritiker schon länger nicht mehr im 2. Buch Mose geblättert. Denn die Heilsgeschichte selbst ist ja monumental, allerdings werden ihre Pointen für unseren heutigen Geschmack oft, nun ja, verschenkt. Ridley Scott macht das große innere Drama der mosaischen Rebellion wieder sichtbar: Freiheit muss erkämpft werden, und Frieden gibt es nicht geschenkt.

Dabei schneidet der Regisseur sich den biblischen Stoff ungefähr so rücksichtslos zu wie vor ihm Gioachino Rossini, Sigmund Freud, Thomas Mann oder Arnold Schönberg in ihren Adaptionen des Alten Testaments. Aber konsequenter setzt er auf ein Motiv, das schon Schiller interessierte: die Befreiungstat. Befreiung heißt die eigene Unfreiheit erkennen. Deshalb gehören zu den besten Filmszenen jene, in denen die herrschende Ordnung als moralische Unordnung entlarvt wird. Zum Beispiel Moses, wie er, noch als Berater des alten Pharaos, die Steinbrüche von Pitom inspiziert. Er sieht, wie die Sklaven blutig gepeitscht werden, wie sie sich zu Tode schuften, wie ihre Kadaver zuhauf brennen – und weist den Statthalter von Pitom zurecht: "Du provozierst den Aufstand, den du fürchtest!" Dann Moses, wie er dem gebeugten hebräischen Ältesten Nun vorwirft, sein Volk habe die Knechtschaft verinnerlicht: "Ihr glaubt nicht mehr an das Gelobte Land. Das ist euer Problem!" Also lehrt Moses die Sklaven, Pfeil und Bogen zu gebrauchen.

Exodus ist kein Rachedrama. Es erzählt in pathetischen Bildern den Abschied von den vielen Göttern Ägyptens und die Hinwendung zu dem einen Gott der Juden, nicht ohne das Verhältnis der Menschen zu Gott zu problematisieren. Moses, der Selbsthelfer, befindet sich im ständigen Widerstreit mit Jahwe. Zunächst glaubt er nicht an ihn. Dann, als Jahwe in Gestalt eines Kindes erscheint, hadert er mit dessen Anweisungen, vor allem mit den Plagen. Das blutige Wasser, die Frösche, die Fliegen, die Heuschrecken, der Hagel treiben ihn zu dem Zornesruf: "Wen bestrafst du?" Und als Gott nicht antwortet: "Versuchst du mir mit deiner Abwesenheit etwas zu sagen? Soll mich das demütig machen? Das tut es nämlich nicht!"

Den letzten Satz brüllt Moses in einen leeren Himmel. Sein Zorn entspringt der uralten Quelle der Aufklärung, dem Zweifel: Wie kann Gewalt göttlich sein? Wie ließe sich auf gewaltlose Weise glauben? Ridley Scott lässt das Problem eskalieren, als die Kinder der Ägypter sterben. Da verflucht Ramses den Bruder Moses: "Ist das dein Gott? Ein Kindermörder? Welche Fanatiker verehren so einen Gott?!" Moses gibt keine Antwort. Er ist mit dem Kindermord nicht einverstanden, er will an keinen Gott glauben, der ihn zum ewigen Gotteskrieger macht, so wendet er sich ab von dem Töten, das neues Töten verursacht.

Ägypten und Marokko haben Ridley Scotts Film soeben verboten, weil darin die Ägypter verteufelt würden. Doch der Film verteufelt nichts als die Gewalt, und sein Moses ist kein Held, weil er Hebräer, sondern weil er ein Mensch ist, der in unmenschlicher Lage Mensch bleiben will. Am Ende, als Gott ihm die Zehn Gebote diktiert, sagt der: "Ich hatte nicht immer dein Einverständnis." Darauf Moses: "Ich auch nicht immer deines." Das ist Ridley Scotts Pointe für das aufgeklärte Publikum in Zeiten des neuen religiösen Fanatismus: Es ist unmenschlich, an Gott zu glauben, ohne an sich selbst zu glauben. Und es bleibt gefährlich, am eigenen Gott nicht zu zweifeln.