In der Bundesagentur für Arbeit nennt mancher sie "unsere Gründungsmitglieder". Damit sind jene Menschen gemeint, die Hartz IV beziehen, seit es diese Form der Sozialleistung gibt: seit zehn Jahren. Schon der Zeitraum erscheint unglaublich lang. Noch unglaublicher ist aber, wie viele Menschen diesem imaginären Club angehören: 980.000, fast eine Million.

Dabei gelten die Hartz-Reformen als Erfolg. Im Ausland wird Deutschland dafür bewundert. Fachleute meinen, die Reformen hätten das deutsche Jobwunder mit ausgelöst. Und doch ist das Problem, auf das sich das Herzstück der Agenda-Politik richtete, die Hartz-Reform Nummer vier, bis heute ungelöst: die hartnäckige und extreme Langzeitarbeitslosigkeit.

Katrin Rutten gehört zu den "Zehnjährigen" im Hartz-IV-System. Sie ist von der ersten Stunde an dabei. Aber sie hat nichts mit dem typischen Hartz-IV-Empfänger gemein, wie er seit zehn Jahren im Fernsehen gerne vorgeführt wird – mit Jogginghose, Bierflasche und Schlappen an den Füßen. Sie trägt ein hellblaues Hemd mit einem Firmenlogo darauf, dazu eine hellblaue Schürze und eine hellblaue Schirmmütze. Das ist ihre Arbeitsuniform. An diesem Morgen ist sie um sechs Uhr früh aufgestanden und hat ihren Kindern Frühstück gemacht. Sie hat ihren Jüngsten in die Kita gebracht und ist zur Arbeit gefahren. Jetzt steht sie hinter einem Tresen in der Kantine der Maxim-Gorki-Gesamtschule in Kleinmachnow und wischt Essensreste von einem Teller.

Rutten ist Angestellte einer Firma, die Brandenburger Schüler mit Mittagessen versorgt. In einem Ofen bereitet die 33-Jährige das Essen zu, schnippelt Obst und Gemüse, sortiert Teller und Besteck, gibt am Tresen das Essen aus, wenn der Gong zur Mittagspause ertönt, und fängt bald danach wieder an, abzuspülen und aufzuräumen. Rutten kann also arbeiten, sie ist sich nicht zu schade dazu, und sie hat einen Job.

Ihr Problem: Der Lohn reicht nicht, um den Lebensunterhalt zu decken. Deshalb ist sie eine sogenannte Aufstockerin, bezieht also ergänzend zu ihrem Gehalt Hartz IV. Damit ist sie kein Einzelfall. Rund 1,3 Millionen Menschen in Deutschland sind gegenwärtig Aufstocker. Auch über sie wurde in den vergangenen Jahren viel in den Medien berichtet. Meistens hieß es dann empört: Deutschland braucht einen Mindestlohn! Arbeit muss zum Leben reichen!

Hakt es also an der Lohnhöhe? Wird der gesetzliche Mindestlohn, der zum 1. Januar 2015 eingeführt wird, Menschen wie Katrin Rutten aus Hartz IV holen?

Wohl kaum. Rutten verdient bereits 8,50 Euro die Stunde. Das entspricht der Summe, die als Mindestlohn vorgesehen ist. Und selbst wenn sie doppelt so viel bekäme, wäre es nicht genug. Ihr Problem ist nicht der Stundenlohn, es sind die Stunden – sie arbeitet nur zwischen vier und fünf am Tag. Berücksichtigt man noch die Schulferien, in denen sie nichts zu tun hat, ergibt sich sogar nur eine durchschnittliche Arbeitszeit von 3,5 Stunden pro Tag. So kommt sie auf monatlich 595 Euro brutto. Die allermeisten Aufstocker arbeiten nur wenige Stunden pro Woche. Eine Berechnung des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung ergab, dass 95 Prozent von ihnen nach Einführung des Mindestlohns weiterhin staatliche Unterstützung brauchen werden. Für viele Menschen bleibt Hartz IV deshalb weiterhin, was es eben auch ist: ein Kombilohn. Und nicht bloß Stütze für Menschen in Jogginghose.

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Dieser Artikel stammt aus der ZEIT No 1 vom 30.12.2014.

Dass Katrin Rutten nicht mehr Stunden arbeitet, hat auch mit ihren vier Kindern zu tun. Das jüngste ist erst vier, aber die Väter sind nicht mehr da. Sie hat einen Exmann und ein Bald-Exmann, wie sie es formuliert. Ihre zweite Scheidung läuft gerade. Rutten ist alleinerziehend. Die Namen ihrer Kinder hat sie auf ihrem linken Unterarm tätowiert, auf der "Herzseite", wie sie sagt.

Rund 40 Prozent aller Alleinerziehenden leben von Hartz IV. Häufig fehlt ihnen ein passender Betreuungsplatz für ihre Kinder. Aber das ist es nicht allein. Rutten, die in Ludwigsfelde wohnt, südlich von Berlin, könnte ihre Kinder länger in der Kita lassen. Dort gibt es sogar eine 24-Stunden-Betreuung. Das Jobcenter hätte sie gerne in ein Callcenter vermittelt, wo sie länger arbeiten und mehr verdienen könnte. Ihre persönliche Ansprechpartnerin, kurz "pAp" genannt, bot ihr alternativ dazu an, bei Hornbach eine Lehre zu machen. Eine abgeschlossene Ausbildung hat die junge Mutter nämlich nicht. Doch Rutten sagt: "Da gibt es Arbeitszeiten bis 23 Uhr, da würde ich meine Kinder überhaupt nicht mehr sehen. Das will ich nicht."

Alleinerziehende sind oft sehr lange von Staatshilfe abhängig, das war schon bei der Sozialhilfe zu beobachten. Hartz IV hat das nicht geändert.