Sogar Kim Jong Un hatte die Seiten gewechselt. Unter einem gelben Regenschirm posierte er gemeinsam mit seinen Verbündeten: Bruce Lee, Batman, Spiderman, Gandhi, Jesus, Abraham Lincoln und vielen mehr. Die wunderliche internationale Taskforce aus Politikern der Gegenwart, altehrwürdigen Geschichtsheroen und neomythologischen Comicfiguren hatte sich eingefunden, um für die Demokratie zu streiten. Auch die ulkigen Minions aus dem Zeichentrickfilm Ich – Einfach unverbesserlich waren mit dabei und standen Seite an Seite mit John Lennon, Yoko Ono und Václav Havel gegen die kommunistische Zentralgewalt. Unzählige solcher Szenerien konnte beobachten, wer im Oktober oder November dieses Jahres im Occupy-Central-Camp des sogenannten Umbrella Movement an der U-Bahn-Haltestelle Admiralty in Hongkong weilte. Natürlich ereignete sich all das nur auf Plakaten und auf Zeichnungen, in Form von Plastiken und Installationen – der echte Batman war leider, wie so oft, verhindert. Und natürlich war Kim Jong Un nicht zur Demokratie konvertiert, wie die ironische Vereinnahmung durch die Demonstrierenden suggerierte. Doch gerade das, was der Hongkonger Kurator, Professor für Kulturmanagement und Umbrella-Unterstützer Oscar Ho eine "Explosion der Kreativität" nennt, zählt neben den politischen Folgen zu den wichtigsten Errungenschaften der Demokratiebewegung.

Die Zeltstadt der Occupy-Aktivisten, die Anfang Dezember von Sicherheitskräften geräumt wurde, war mehr als ein Ort des Widerstands. Einem Rhizom gleich, wucherte sie um die Sockel phallisch in den Himmel ragender Hochhäuser und bildete dort ein faszinierendes, pulsierendes Labor für eine mal ernste, mal alberne, mal hintersinnige, mal plakative Politästhetik globalen Zuschnitts. Da trafen die erwähnten Comic-Helden auf Figuren der asiatischen Zeitgeschichte, chinesische Schriftzeichen auf westliche Slogans, die Codes der Konsumkultur auf die Agitprop, Readymades auf Basteleien, romantische Sehnsüchte auf Politiker-Bashing. Bemerkenswert war, dass künstlerische Beiträge kaum von denen zu unterscheiden waren, die nicht von Künstlern erschaffen wurden. So stammte eine große Installation aus Regenschirmen, die baldachinartig zwischen zwei Brücken aufgespannt war, von Hongkonger Künstlern. Doch sie hätte auch von jenem anonymen Typen stammen können, der einer Reproduktion von Eugène Delacroix’ Gemälde Die Freiheit führt das Volk (1830) zwei Regenschirme beigefügt hatte. Oder von jenem, der das "Yellow Submarine" der Beatles mit einer gelben Schleife, dem Symbol der Occupy-Central-Bewegung, versehen hatte. Ein kleiner Zettel mit dem Satz "It’s an Ordinary Miracle" (Es ist ein gewöhnliches Wunder), der an der vom Prager Vorbild inspirierten John Lennon Wall klebte, brachte diese Mischung aus Avantgarde und Alltag auf den Punkt.

Im Jahr 2013 rief Peter Weibel im Karlsruher Zentrum für Kunst und Medientechnologie in der Ausstellung Global Activism den Kunststil Artivismus aus: Allerorten mache sich die Geburt neuer Kunst aus dem Geiste des Protests bemerkbar. Die nonchalante Ästhetik von Comic-trifft-auf-Kunstinstallation-trifft-auf-John-Lennon in Hongkong erhärtete diese Diagnose. Gleichzeitig zeigte sich, dass es sich bei der Kunst im Aktivismus mitnichten um einen programmatischen "-ismus" handelt, sondern vielmehr um ein Sammelbecken für gegenbewegte Ästhetiken der Emergenz. Diese ergaben sich in Hongkong auf organische und performative Weise aus der Situation heraus, wie auch Oscar Ho im November in einem Brief an europäische Kollegen schrieb: "Überall entsteht Kunst: Poster, Skulpturen, Tänze und Dokumentarfilme. Alle Bürger sind nun Künstler, die nichts lieber wollen, als sich durch alle erdenklichen Medien auszudrücken." Im Interview mit dem Autor betonte der junge Occupy-Aktivist und Community-Künstler Lee Chun Fung auf ähnliche Weise den integrativen Aspekt der Bewegung: "Occupy zeichnet sich vor allem dadurch aus, dass sich Menschen frei ausdrücken. Und zwar unabhängig davon, ob sie Künstler sind oder nicht. Alle tragen etwas dazu bei. Kunst oder Nichtkunst – das ist eine elitäre Diskussion. Freie Diskussion, freier Ausdruck – darauf kommt es an." Oscar Ho hat die Occupy-Artefakte mit Studierenden dokumentiert und erwägt, eine Ausstellung mit dem Titel Die Kunst des Demonstrierens zu organisieren. Das wäre ganz im Sinne des Kunsthistorikers und ehemaligen Direktors des Warschauer Nationalmuseums Piotr Piotrowski. Dieser fordert in seinen Veröffentlichungen, es sei an der Zeit, die Institutionskritik gegen kritische Institutionen einzutauschen. Das Museum solle ein Ort sein, an dem aktuelle, gesellschaftsrelevante Belange verhandelt und Debatten angestoßen werden.