Deutsche Kammerphilharmonie Bremen © Julia Baier/Deutsche Kammerphilharmonie Bremen

Natürlich hätte die Sache schiefgehen können, ganz gewaltig sogar. Mehr als 35 Jobs hätte er in diesem Fall auf dem Gewissen gehabt. Und dazu all die Hoffnungen seiner Musikerkollegen, die vom Weltruhm träumen. Was waren das doch für Fragen, die er sich damals gestellt hat: Kann er, der Kontrabassist, der noch nie etwas mit Wirtschaft zu tun hatte, wirklich ein insolventes Orchester retten? Eines, das wie so viele ins Minus gerutscht war, weil mit klassischer Musik kaum noch Geld zu verdienen ist und staatliche Fördergelder mit jeder Sparrunde von Ländern und Kommunen geringer ausfallen?

Heute weiß Albert Schmitt: Er kann das. In nur zweieinhalb Jahren hat der Kontrabassist der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen sein Orchester saniert und von einer dreiviertel Million Euro Schulden befreit. Das war 2002. "Klar hatte ich Schiss", sagt Schmitt heute und lacht mit seiner Baritonstimme. "Aber wichtig ist doch, dass man immer ein bisschen mehr Mut hat als Angst."

Es ist Ende November, und Albert Schmitt ist im Stress. Er war in dieser Woche schon in München, Frankfurt und London, dabei ist heute gerade mal Mittwoch. Er hat mit potenziellen Förderern des Orchesters gesprochen und mit dem Manager seines Dirigenten. Vor ein paar Minuten ist er wieder in der Bremer Altstadt angekommen, im Büro des Orchestermanagements.

Lange wird er dort nicht bleiben. In drei Tagen fliegt er mit seiner Kammerphilharmonie nach Südkorea. Zwei Wochen Asien-Tournee stehen an, und seit Wochen gibt es Ärger mit dem Zoll: Der will die alten Streichinstrumente nur ins Land lassen, wenn sich lückenlos belegen lässt, woher jedes einzelne Bauteil stammt. "Ein Wahnsinn", sagt Schmitt, fährt sich mit der Hand durch seine grau-schwarzen Haare und lacht wieder. Irgendwie, heißt dieses Lachen, werden wir auch das wieder hinkriegen.

Immerhin – die Angst von damals, als das Orchester pleite war, muss Schmitt heute nicht mehr haben. Aus 400 Besuchern, die vor 15 Jahren mit einer Abokarte regelmäßig ins Konzert kamen, hat er bis heute 5.000 gemacht. Mehr als die Hälfte seines Jahresbudgets spielt das Orchester selbst ein. Das ist außerordentlich viel: Deutsche Profi-Orchester schaffen normalerweise höchstens 17 Prozent. Das restliche Budget stammt aus Subventionen und Spenden. Für viele Musikkritiker gehört die Kammerphilharmonie schon seit Jahren zu den besten Orchestern der Welt; in einem der Rankings landete sie sogar unter den besten zehn.

Entgegen dem Trend einer ganzen Branche hat Schmitt ein marodes Orchester in ein florierendes Wirtschaftsunternehmen und sich selbst dabei vom Musiker zum Manager verwandelt. "Reine Abwägungssache", sagt Schmitt. "Wäre ich Kontrabassist geblieben, wären wir heute pleite."

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT No 1 vom 30.12.2014.

Die Geschichte der Kammerphilharmonie beginnt 1980, als sie von Mitgliedern eines Studentenorchesters gegründet wird. Alle sind Kinder der 68er-Bewegung. Mit den gängigen Orchesterhierarchien, in denen die Musiker Angestellte sind und dem Dirigenten gehorchen, können sie nichts anfangen. Sie wollen selbst bestimmen, was sie spielen und wie sie es spielen. Wer sie dirigiert. Wo sie auftreten. Sie wollen die größtmögliche Freiheit, musikalisch ebenso wie finanziell.

Die Musiker gründen eine GbR, eine Gesellschaft bürgerlichen Rechts. Das Orchester gehört seinen Mitgliedern, die alles demokratisch entscheiden. Jeder hat die gleichen Rechte, und jeder haftet mit seinem Privatvermögen für alle Verbindlichkeiten. Ein seltenes Konstrukt für ein Orchester.

Jahrelang geht alles gut. Die Philharmonie spielt vor den Vereinten Nationen und wird in der Carnegie Hall bejubelt. Sie tourt durch Japan und spielt unter dem heute weltberühmten Daniel Harding.

Aufs Geld schaut niemand. Eine Tournee verursacht Schulden? Egal. Die Miete für einen Konzertsaal ist zu hoch? Macht nichts. Es geht den Musikern um Selbstverwirklichung. Ob und wie viel Geld sie verdient haben, erfahren sie oft erst am Ende des Jahres, wenn sie alles ausrechnen.

Marketing und Controlling wirken auf viele Musiker unheimlich

Ende der Neunziger gipfelt diese Sorglosigkeit in der Katastrophe. Drei Geschäftsführer wechseln sich binnen drei Jahren ab: Gemeinsam hinterlassen sie eine dreiviertel Million Euro Schulden. Das Orchester ist bankrott, den Musikern droht die Privatinsolvenz. Zum Glück ist die Bank geduldig.