Die Dresdener Pegida-Demonstrationen der letzten Wochen haben erhebliche Sorgen um den inneren Frieden in Deutschland ausgelöst. Für viele ist es unverständlich, dass die Demonstranten vor einer "Islamisierung des Abendlandes" warnen in einem Bundesland mit so wenig Muslimen; auch in der gesamten Bundesrepublik leben nur circa fünf Prozent Muslime. Viele verstehen nicht, warum sich immer mehr Menschen den Demonstrationen anschließen, neben den Rechtsextremen eine erhebliche Zahl von Bürgern "aus der Mitte der Gesellschaft". Einig sind sich die meisten Kommentatoren darin, dass eine "Islamisierung des Abendlandes" nicht drohe, dass die Motive der Demonstranten sich also nicht aus der genannten Bedrohung speisen könnte, dass sie aber auf Ängste verwiesen, die ernst zu nehmen seien. Wie reimt sich das zusammen?

Wir haben jahrzehntelang ausgiebiges historisches Anschauungsmaterial und vielfache wissenschaftliche Analysen von solchen Ängsten sammeln können, in Deutschland, in Europa und international. Ihr analytisches Themenfeld ist die Vorurteilsforschung, ihr historisches Beispiel die grauenhafte Erfahrung des Judenmords, des Nationalsozialismus und des Antisemitismus. Die Forschungen haben in überwältigender Übereinstimmung gezeigt, dass die Ursachen von Vorurteilen, zumal von aggressiv ressentimentgeladenen, nicht bei den religiösen, kulturellen oder ethnischen Minderheiten liegen, gegen die sie sich richten, sondern in der sozialen und psychischen Befindlichkeit der Menschen, die die Vorurteile hegen. Seit Jahrzehnten ist bekannt, dass der Antisemitismus nicht von den Juden rührt, dass er überdies dort besonders stark ist, wo es wenige oder gar keine Juden (mehr!) gibt. Dasselbe gilt für Ausländerfeindlichkeit, auch für Muslim- oder Islamfeindlichkeit. Sie blüht besonders dort, wo man mit konkreten Muslimen – als Kollegen am Arbeitsplatz oder im Sportverein – wenig oder nichts zu tun hat, keine menschlichen Beziehungen mit ihnen eingegangen ist.

Vorurteil und Ressentiment machen sich vielmehr an den Gruppen fest, die bedrohlich wirken (früher die Bedrohung durch die "jüdische Weltherrschaft", heute durch die "Islamisierung des Abendlandes"), zugleich aber de facto schwach genug sind, um sie gefahrlos angreifen zu können; die vor allem, in der Wahrnehmung derer, die die Vorurteile hegen, von breiten Teilen der Gesellschaft abgelehnt oder gering geschätzt werden. So können sich Ressentiment und Vorurteil eingebettet fühlen im "breiten" Volk. Deshalb verwendet Pegida erfolgreich den ursprünglich gegen die kommunistische Diktatur gewendeten Ruf "Wir sind das Volk". Pegida fühlt sich mit breiten Kreisen der Deutschen einig in der Feindlichkeit gegenüber dem Islam, nicht ganz zu Unrecht, wie Umfragen zeigen.

Deshalb sind auch die Teilnehmer aus der "Mitte der Gesellschaft" nicht verwunderlich. Historisch waren Anhänger und Wähler der Nationalsozialisten nicht die sozial Armen – die waren bei Sozialdemokraten, Gewerkschaften und Kommunisten organisiert und sahen in diesem Kontext ihre positive Zukunft noch vor sich. Anders die von Abstiegsängsten Bedrohten und von Arbeitslosigkeit Gedemütigten, Mitglieder der Mittelschicht, auch des Bildungsbürgertums, die sich vor der Zukunft ängstigten und keineswegs gegen den Antisemitismus gefeit waren, im Gegenteil.

Zwar sind Gesellschaften mit einer breiten Mittelschicht und ohne große soziale Diskrepanzen eine begünstigende soziale Voraussetzung für freiheitliche gemäßigte Politik und Demokratie – wie die Geschichte der politischen Ideen seit zweitausend Jahren lehrt. Wenn aber die Diskrepanzen zwischen Arm und Reich immer größer werden und die Mittelschicht Angst bekommt, zwischen Reich und Arm zerrieben zu werden, wenn auch den einzelnen Menschen jederzeit Prekariat und sozialer Abstieg drohen, dann sucht sich diese mit Ohnmacht gepaarte Angst eben als Blitzableiter jene Menschen, an denen sie ohne Gefahr ihre Wut abreagieren kann.

Europa hat – im Kontext immer größerer globaler Diskrepanzen nicht nur zwischen, sondern auch innerhalb von Nord und Süd – eine gefährliche Entwicklung genommen, die sich gerade viele Deutsche nicht vergegenwärtigen, weil sie auf einer Insel der "Wirtschaftsseligen" zu leben meinen. Die Flüchtlingsströme werden nicht so schnell aufhören. Wenn wir nicht bald aufrichtig sagen, was uns erwartet, umsteuern und vor Ort wie global Solidarität praktizieren, werden Ängste und Feindseligkeit bei uns wie anderswo so zunehmen, dass wir sie vielleicht nicht mehr steuern können.

Wir müssen auf allen Ebenen politisch und zivilgesellschaftlich handeln: vor Ort gegen soziale Isolierung und aggressive Vorurteilsbereitschaft, im Staat gegen die schamlose Durchsetzung von Partikularinteressen gerade derer, die gar nicht mehr wissen, wohin mit ihrem Geld, in Europa gegen ein verachtendes Desinteresse an den ärmeren Staaten, in denen ebenfalls viele Reiche leben, und zugleich global, weil die gegenseitige Interdependenz einen ganzheitlichen Ansatz der Umkehr erfordert.

Wer zumal angesichts der deutschen Geschichte die Bedrohlichkeit und das mörderische Potenzial von Vorurteilen und aggressiven Ressentiments nicht zur Kenntnis nimmt, wer ignoriert, dass der Gegenstand von Ressentiments austauschbar ist, weil sie einen ganz anderen Ursprung als den öffentlich vorgetragenen haben, der handelt verantwortungslos. Viele meiner jüdischen Freunde fühlen sich durch antimuslimische Vorurteile genauso bedroht wie durch antisemitische. Die jüngsten Stellungnahmen des Zentralrats der Juden zu Pegida belegen das.

Gesine Schwan ist Politologin und Expertin für die Geschichte des sozialen Vorurteils.