Mona Lisa traute ihren Augen nicht. Über Jahrhunderte suchten die Menschen ihre Nähe, um sie verzückt anzustarren. Nun aber wandten sich immer mehr Louvre-Besucher von ihr ab, fuhren eine Metallstange aus, an deren Ende ein Mobiltelefon befestigt war, und knipsten sich selbst – mit ihr als schnöder Kulisse. Spätestens seit dem Jahr 2014, seit der sogenannte Selfie-Stick zum Top-Touri-Tool avancierte, ist die umfassende Verstangung der Welt nicht mehr aufzuhalten.

Im Frühjahr berichtete die Huffington Post noch von einem neuartigen Selbstauslöserstangenphänomen. Die Erfindung stammt aus Asien, von wo aus Reisende seit jeher zu den Sehenswürdigkeiten der Welt aufbrechen, um von dort möglichst viele Selbstporträts mit wechselndem Bildhintergrund mitzubringen. Inzwischen bieten Internethändler einen ganzen Wald verschiedener Selfie-Stangen an, mit Handyhalterung oder Schraubgewinde für schwere Spiegelreflexkameras, mit und ohne Bluetooth-Sender, um das Fotohandy zum Knipsen zu bringen. Die Idee hat sich durchgesetzt, die ursprüngliche Bezeichnung "Monopod" hingegen nicht.

Der Stick erlaubt es dem Benutzer, ein mehr als doppelt so großes Umfeld zu nerven, als dies nur mit ausgestrecktem Arm möglich war. Durch die größere Entfernung zum Subjekt konnte sogar der uralte Menschheitstraum vom Gruppenselfie verwirklicht werden.

Die ausgefahrene Stange sah der erstaunte Reisende diesen Sommer erstmals in Athen und damals noch vereinzelt. Doch schon einige Wochen später in Rom kannten die Straßenhändler nur noch einen Ruf: "Selfie? Selfie!" – und schwangen die glitzernden Stangen. Vor dem Kolosseum standen die Ego-Shooter im Getümmel, drehten dem Objekt ihrer Bildbegierde den Rücken zu und frönten begeistert der fotografischen Ipsation. Traurig ist der Triumph des Teleskopstocks nur für die Scharen ehrenamtlicher Gelegenheitsfotografierer, die bislang vor Baudenkmälern und Brunnen, vor Brücken und Bergkulissen herumlungerten, um im Bedarfsfall Fotohilfe zu leisten. Sie werden in Zukunft ohne Beschäftigung sein.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT No 1 vom 30.12.2014.

Seit Beginn seiner Zivilisierung legt sich der reisende Mensch Ersatzextremitäten zu, um mit der Welt zurechtzukommen. Über Jahrtausende waren Wanderstock und Hirtenstab seine treuen, stummen Begleiter. Eine Sonderform des Tourismus verließ sich auch auf Speer und Hellebarde. Das Aufkommen des Skisports schuf neue Möglichkeiten für den Einsatz spitzer Stöcke, allerdings blieben sie auf die verschneite Bergwelt begrenzt. Erst durch die Erfindung der Nordic-Walking-Stöcke war es einem Millionenheer stocktragender und -schlagender Enthusiasten vergönnt, auch das Tiefland und die Städte zu überrennen. Nun sind die Stäbe bis in die Kirchen und Museen vorgedrungen und erobern den bislang ungenutzten Luftraum vor zwingend zu fotografierenden Motiven.

Vor Leonardos Mona Lisa im Louvre, der Traumdestination aller Digitalknipser, lieferten sich die Stangenhalter in der Vorweihnachtszeit bereits erbitterte Gefechte um die beste Position, sich verkehrt herum vor dem Bild aufzupflanzen. Wer nicht mehr sehen konnte, wo das Gemälde hing, nutzte den ausgefahrenen Stab samt Handy als Periskop, um sich durch den Stangenwald zu manövrieren. Das sind unwürdige, ja unhaltbare Zustände, da muss endlich eine Lösung her!

Glücklicherweise gibt es sie, und zwar in Form von Fotodrohnen. Nur ferngesteuerte Flugobjekte sind in der Lage, über den Metallstangenverhau hinwegzufotografieren, während man selbst auf einem mitgebrachten Hocker steht, um auch noch aufs Bild zu gelangen. Und mit dem dann frei gewordenen Selfie-Stick die umherschwirrenden fremden Drohnen zu vertreiben.