Smartphone mit einer Software namens Home Chat. Sie soll es Anwendern ermöglichen, ihre Haushaltsgeräte durch Textnachrichten zu steuern. © Robyn Beck/AFP/Getty Images

Als mein Toaster dann aber eines Morgens zu singen begann – es war, glaube ich, Somewhere Over the Rainbow – und selbst der Fenstergriff ein rhythmisches Zirpen von sich gab, da konnte ich es nicht länger leugnen: Die Zukunft des Wohnens hatte begonnen.

Das war zwar nur ein Tagtraum, allerdings einer, der mir ziemlich realistisch vorkam. Es würde mich jedenfalls überhaupt nicht wundern, wenn die Geräte demnächst das Trällern lernten. Wenn sich die Dinge selbstständig machten, wenn sie ein Eigenleben begännen. Denn sie sind ja nicht mehr, was sie waren. Die Dinge sind nicht länger stumm und taub. Sie beginnen zu fühlen, sie werden gescheit, sie wissen plötzlich, wer ich bin. Und wahrscheinlich stehen sie gerade vor meiner Haustür und möchten einziehen, lauter neue Mitbewohner, die mich und mein Leben verändern.

Seit gut zwei Jahrzehnten träumen die Ingenieure schon vom intelligenten Haus. Von einer Badewanne, die ich anrufen kann, damit sie mich randvoll und dampfend bei meiner Heimkehr erwartet. Von einem Kühlschrank, der mich rechtzeitig wissen lässt, dass ich noch Milch einkaufen muss. Von Fenstern, die selbsttätig zuklappen, wenn es draußen regnet. Und von der Herdplatte, die mich anfunkt, weil ich sie nicht abgeschaltet habe. Unzählige solcher Technikträume wurden schon erprobt, viele Zukunftshäuser errichtet, um aller Welt zu demonstrieren, wie komfortabel, sicher und energiesparend es sich in einem Smart Home wohnt. Nur kam man über Prototypen bislang selten hinaus. Zu teuer, zu kompliziert waren die Erfindungen. Jetzt aber ändert sich das – aus dem Haus wird, wenn ich es richtig sehe, mein Hüter.

In Zukunft bekommt es die Heizung mit, wenn ich mich auf den Nachhauseweg mache und dreht rechtzeitig die Ventile auf. In Zukunft wissen meine Lampen, wie sie leuchten sollen, wenn ich Besuch habe, und unterrichten auch die Stereoanlage, doch bitte zur programmierten Lichtstimmung die richtige Musik aufzulegen. In Zukunft registriert es mein Bett, dass ich gleich aufwachen werde, und sagt es weiter an die Kollegen Kaffeemaschine, Dusche, Radio: Achtung, Dienstbeginn! Denn in der Welt der klugen Dinge, in der sich alles mit allem verbindet und vernetzt, muss ich meine Wünsche nicht mal mehr denken, damit sie sich erfüllen. Ich und die Dinge, wir werden eins.

Gewiss hätte Martin Heidegger daran seine helle Freude gehabt. Wohnen, das war für den Philosophen weit mehr als nur das Hausen. Wohnen hieß: "als Sterblicher auf der Erde sein". Und wo ließe sich dieses Auf-der-Welt-Sein inniger erfahren als dort, wo wir die Dinge und die Dinge uns erkennen? Nicht, dass Heidegger von einem Eigenheim als digitaler Monade geträumt hätte. Er schwärmte ja für das Verwurzelte, für Schwarzwaldhäuser, für die Wahrheit zerbeulter Tiegel und Töpfe. Ein technisch aufgerüstetes Wohnen wäre ihm als Widerspruch in sich erschienen, denn Technik, das hielt er für ausgemacht, entfremde den Menschen von der Welt. Wohnen hingegen bedeutete: sich mit der Welt verbinden. So schrieb er: "Das altsächsische ›wuon‹, das gotische ›wunian‹ bedeuten ebenso wie das alte Wort bauen das Bleiben, das Sich-Aufhalten. Aber das gotische ›wunian‹ sagt deutlicher, wie dieses Bleiben erfahren wird. Wunian heißt: zufrieden sein, zum Frieden gebracht, in ihm bleiben."

Heidegger, ein Arbeiter im tiefen Bergwerk der Sprache, wäre ähnlich verrätselt wie ich, hätte er all die neuen Begriffe vernommen, die dem schönen neuen Wohnen anhaften: Da geht es nicht mehr um wunian, nicht um wuon, dafür um Funkschaltaktoren, Wandtaster oder intuitive Einrichtungsassistenten. Und doch könnte die technische Aufrüstung auf eine verrückt-dialektische Weise dem entgegenarbeiten, wovon Heidegger träumte: den Menschen nicht länger als Zentrum der Welt zu denken. Denn je wissender die Dinge werden, je umsichtiger, je vorausschauender, desto mehr Eigenmacht werden sie haben. Auf eine neue Art, so könnte es kommen, wird Heideggers alter Traum vom bergenden und geborgenen Wohnen erfüllt.

Lesen Sie dazu den gesamten Schwerpunkt Wohnen im Wirtschaftsteil der aktuellen ZEIT.

Die klugen Dinge wollen sich meiner annehmen. Sie sorgen für mich, sie wachen über mich. Sie schlagen Alarm, sobald ein Dieb sich nähert. Sie rufen den Arzt, sollte ich stolpern und nicht mehr aufstehen können. Und rührend sind sie um meine Gesundheit besorgt. Selbst aus dem Abort wird ein Onort, eine Stätte der unausgesetzten Fürsorge. Dann ist das WC zugleich ein kleines Labor, das sämtliche Ausscheidungen analysiert, den Blutzuckerspiegel ermittelt, den Stuhl begutachtet und auf Wunsch die Daten an die nächste Arztpraxis weiterleitet. Alternativ wird das WC auch gern mit Kühlschrank und Herd konferieren, darüber, dass mir weniger Salz, weniger Fleisch und überhaupt viel weniger von allem ganz gut tun würde.

Nicht zu Unrecht spricht der Designer und Entwickler Tony Fadell vom conscious home, von einem Heim mit Bewusstsein. Fadell war erst bei Apple, ist jetzt für Google tätig und gehört zu den Pionieren der Mensch-Maschine-Harmonie. Wenn die Wohnung morgen mein bester Freund ist, dann sei sie, sagt Fadell, auch mein bester Coach, mein Gesundheitstrainer, mein Diätenkontrolleur. Sie will ja nur mein Bestes, und global vernetzt, wie sie ist, versteht sie sich auf dieses Beste am allerbesten. Also werde mir meine künftige Wohnung ein paar ermunternde Vorschläge unterbreiten, sagt Fadell. Sie ruft mir ein "Hey, so könnte es noch besser laufen" zu. Sie sagt: "Du schlägst dich heute richtig wacker." Manchmal wird sie auch ein wenig strenger sein: "Verglichen mit deinen Nachbarn könntest du dich vielleicht noch verbessern." Denn das ist das Wunderbare an der neuen Wohnwelt: Meine Dinge kennen nicht nur mich, sie kennen auch die Dinge der anderen.