Als Steffen David vor zehn Jahren ein Haus in Tokio kaufte, um es zu renovieren, brachte er es damit in japanische Designzeitschriften. "Das war eine richtige Sensation", sagt der deutsche Unternehmer. Das Dach seines schmalen, dreistöckigen Gebäudes im Stadtinneren ließ er zum Wintergarten ausbauen, die Räume wurden hell und offen. Aber die japanische Presse hat sich gar nicht so sehr für Innenarchitektur begeistert. Unbegreiflich schien den Journalisten, dass jemand ein altes Haus renovierte – statt es abzureißen und neu zu bauen.

In Tokio, der mit 35 Millionen Einwohnern größten Metropole der Welt, sind Häuser kurzlebiger als anderswo. Im Schnitt stehen sie zwischen 20 und 30 Jahren, dann gibt es die Radikalkur: Abriss. In Deutschland liegt das Durchschnittsalter von Häusern bei 50 Jahren und mehr.

"Wenn ich in einer Gegend der Stadt mal zwei Jahre nicht war, ist sie fast nicht wiederzuerkennen", sagt der Architekt Keiji Ashizawa, der ein Büro nördlich des Zentrums hat und ein Dutzend Mitarbeiter beschäftigt.

Die japanische Geschichte von Erdbeben, Holzhausbränden und letztlich der totalen Zerstörung zum Ende des Zweiten Weltkriegs haben ein wohl einmaliges Wertverhältnis zu Grund und Gebäude entstehen lassen: Diese Kultur schätzt keine Altbauten. Der Preis einer Immobilie errechnet sich in der Regel zu drei Vierteln aus dem Land, auf dem sie steht. Nach 15 Jahren ist das durchschnittliche japanische Haus wertlos.

Der Baubranche beschert das einen ewigen Boom. Sie baggert und hämmert ohne Unterlass und beschäftigt fünf Millionen Menschen.

Innovationen verbreiten sich bei solchen Neubauraten schneller als anderswo, und das gilt auch für die Innenausstatter: Toto etwa, ein japanischer Hersteller von Sanitäranlagen, ist Weltmarktführer für Hightech-Toiletten. Er liefert sie mit wärmenden Klobrillen, dem Klang von Meeresrauschen, Düften, den Hintern reinigenden Wasserstrahlen sowie Fernbedienung. Daneben wurden in Japan Wannen mit Timer und Temperaturregler entwickelt. Zum Standard gehört inzwischen ein Mechanismus, der ständig frisches Wasser zuführt, damit mehr Menschen nacheinander baden können.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT No 1 vom 30.12.2014.

Weiterer Innovationsdruck geht von dem chronischen Platzmangel in Tokio aus. Wenn Japaner Gäste in ihre Wohnung bitten, brummeln sie oft entschuldigend ein Wort: semai (Platzmangel), oder auch: "Es ist so eng hier." Eine Familie mit zwei Kindern kann froh sein, wenn sie 60 Quadratmeter zur Verfügung hat, Single-Haushalte beschränken sich in der Regel auf 20 Quadratmeter.

Durch diese Verhältnisse ist die Tokioter Standardwohnung entstanden: der Schlauch. Er beginnt mit einem Eingangsbereich von einem Quadratmeter für Schuhe und Jacken. Dann folgt die Küchenzeile mit etwas Stauraum darüber und auf der anderen Seite das Bad.

Dieses folgt heutzutage dem Konzept der Minitherme. "Man geht barfuß oder mit Schlappen ins Bad, und da liegen auch keine Teppiche oder Abtreter rum. Man geht nämlich davon aus, dass der ganze Raum sowieso nass wird", sagt der Wahl-Tokioter Steffen David. Neuere Badezimmer können auch zu kubikmetergroßen Trocknern für frisch gewaschene Wäsche umfunktioniert werden, indem einfach die Duschkabine aufgeheizt wird.

Aus dem Flur der Standardwohnung führt dann eine weitere Tür geradeaus ins Wohnzimmer, das Schlaf- und für immer mehr Menschen auch Arbeitsplatz sein muss.