Jon Steins erste Aktie war ein Fehlgriff. Es war im Jahr 2001, der Kurs des Riesenkonzerns hatte schon um die Hälfte nachgegeben, da schlug der Harvard-Absolvent zu und kaufte ein paar Unternehmensanteile. "Ich dachte, es wäre ein Schnäppchen", sagt Stein. Doch dann ging die Firma überraschend pleite. "Es war, wie in ein fallendes Messer zu greifen", erinnert sich Stein. Der Name des Unternehmens: Enron.

Für Stein, der Wirtschaft und Psychologie studiert hatte, war klar: Die Gier hatte ihn verleitet. "Wir kommen uns ständig selbst in die Quere und treffen furchtbare Entscheidungen. Wir sind unseren Trieben hilflos ausgeliefert", sagt der Mann. Stein ist 35 Jahre alt, doch mit legerem Pulli und Jeans, mit blonden Wuschelhaaren und Stoppelbart sieht er zehn Jahre jünger aus. Er ist der Gründer von Betterment, einem Robo-Berater mit Sitz im "Silicon Alley" genannten Flatiron District in New York, wo sich die Tech-Elite der Ostküste ansiedelt.

Robo-Berater wie Betterment, Wealthfront, Jemstep oder Personal Capital arbeiten mit rein mathematischen Modellen. Bei diesen Firmen entscheiden Maschinen über die Geldanlage. Ihre Dienste sind daher günstiger als die herkömmlicher Berater. Die Branche wächst rasant und setzt die traditionellen Anbieter unter Druck. "Robos werden ein immer heißeres Thema", sagt Will Trout, Analyst bei der IT-Beratung Celent, "die Technologie wird alles umwälzen." Amerikanische Wirtschaftsmedien sprechen wortstark von einer "Invasion der Robo-Berater", von einer Revolution.

Die Anwendung ist meist simpel: Die Kunden geben via Internet ihre Informationen ein – das Sparziel, etwa ein Haus, das verfügbare Kapital und die eigene Risikotoleranz, die meist über einen ausführlichen Fragebogen ermittelt wird. Algorithmen berechnen dann auf Basis historischer Werte und eines Risikoausgleichs das optimale Portfolio. Innerhalb des vorgegebenen Rahmens wird das Geld dann vom Computer automatisch angelegt und bei Bedarf auch selbstständig neu aufgeteilt, wenn das Portfolio anders auszubalancieren ist. Natürlich gibt es für die Kunden, die jederzeit an ihr Geld können, keine Garantie, dass ihnen Verluste erspart bleiben. So steht es auch im Kleingedruckten der Anbieter. Den Notgroschen sollten Geldanleger also besser woanders deponieren.

Als Anlage bieten die meisten Robo-Berater lediglich börsengehandelte Indexfonds an, die relativ wenig kosten und steuerlich günstig sind. Einige greifen auch auf einzelne Wertpapiere oder Anleihen zu. Im Unterschied zu den herkömmlichen Discount-Brokern wie E-Trade, Charles Schwab oder Fidelity sind Robos "registrierte Investmentberater", kurz RIA. Das bedeutet, dass rechtlich sie – und nicht etwa die Kunden – für die Investmententscheidungen verantwortlich sind.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT No 2 vom 8.1.2015.

Besonders bei jüngeren Interessenten kommen die Neuen gut an. Viele Nutzer sind mit Computern und der Finanzkrise groß geworden, den traditionellen Investmenthäusern trauen sie nicht mehr blind. Sie wollen Transparenz und geben wenig auf einen Berater im feinen Zwirn. "Technologie hat nicht mal einen schlechten Tag oder empfiehlt eine Aktie, weil am Morgen etwas darüber in der Zeitung stand", sagt Jon Stein.

Algorithmen folgen Regeln, sie sind frei von Gier, Angst und anderen Emotionen, die uns Menschen häufig zu schlechten Finanzentscheidungen verleiten. Die Firmen kommen mit wenigen Mitarbeitern aus, ihre Kosten sind deutlich niedriger, somit auch ihre Gebühren. Während herkömmliche Investmentberater in der Regel mindestens ein Prozent der angelegten Summe verlangen, nehmen Robo-Berater im Schnitt nur ein Drittel davon.