Den Beamten des Corpo Forestale bot sich ein trauriges Bild. Auf einer kampanischen Wasserbüffelfarm unweit des Küstenortes Castel Volturno fanden sie die Kadaver von vierundzwanzig ausgewachsenen Büffeln und einem Kalb, in "fortgeschrittenem Verwesungszustand". Die Tiere seien verhungert, teilte die Behörde, die in Italien über die Einhaltung von Tierschutzbestimmungen wacht, im Frühjahr vergangenen Jahres der Öffentlichkeit mit. Zuletzt hatten sich die Büffel nur noch von dem wenigen Grün ernährt, das wild auf der Farm wuchs. Zu wenig zum Überleben.

"Cimitieri dei bufali" – Büffelfriedhöfe – sind die dunkle Seite des in aller Welt berühmten und begehrten Mozzarella di bufala. Meist handelt es sich bei den getöteten Tieren um wenige Tage oder Wochen alte männliche Büffelkälber. Weil sie keine Milch geben und ihr Fleisch niemand essen mag, haben die Bauern kein Interesse an ihrer Aufzucht. Die Tiere einfach verhungern zu lassen sei eine "weit verbreitete Praxis" speziell im Gebiet von Castel Volturno mit seinen zahlreichen Zuchtbetrieben, stellt der Corpo Forestale fest. Jeder Tag, den die Kälber mit Muttermilch oder verflüssigtem Milchpulver gepäppelt werden müssen, ist einer zu viel. Damit niemand das Brüllen der hungrigen "Abfall-Kälber" hören kann, wird ihnen schon mal das Maul zugebunden. Manche Bauern sollen die Tiere sogar in Gülle ertränken.

Die systematische Tötung junger Büffel erinnert an das massenhafte Schreddern männlicher Eintagsküken in der Eierproduktion. Zumindest in Deutschland wird diese Praxis jedoch zunehmend hinterfragt. Im April einigten sich die Landwirtschaftsminister von Bund und Ländern darauf, das alltägliche Küken-Massaker "schnellstmöglich" zu stoppen. Jedes Jahr werden derzeit in Deutschland noch etwa 50 Millionen Küken getötet. Ganz legal. Dagegen nimmt sich die Zahl der getöteten Büffelkälber zwar überschaubar aus. Doch am Skandal, lebende Wesen wie Müll zu behandeln, ändert das wenig.

Rund 380.000 Büffel werden in Italien gehalten, meist für die Produktion der fetten, nahrhaften Büffelmilch, Rohstoff des Mozzarella di bufala. Um Milch zu geben, muss eine Kuh jedes Jahr ein Kalb zur Welt bringen. Etwa die Hälfte dieser Kälber sind männlichen Geschlechts. Die Zahl der Tiere, die entsorgt werden müssen, ob legal im Schlachthof oder illegal, ist sechsstellig. Allein in Kampanien sollen pro Jahr etwa 50.000 männliche Büffelkälber zur Welt kommen, schreibt die Tierschützerin Lorie Esser in ihrem Blog. Sie stützt sich auf Angaben einer in Kampanien lebenden deutschen Tierärztin, die sich gegenüber der ZEIT aber nicht äußern will. Erst 20 Tage nach ihrer Geburt können die Tiere legal zum Schlachthof gebracht werden. Dann ist die Wunde der abgetrennten Nabelschnur verheilt, sind sie nach dem Gesetz transportfähig. Viele Bauern scheinen ihnen nicht einmal diese Frist gewähren zu wollen.

Die internationale Tierschutzorganisation Vier Pfoten hatte im August den Skandal öffentlich gemacht und ein Video veröffentlicht, das schaurige Szenen aus süditalienischen Büffelzuchtbetrieben dokumentieren soll. "Egal, ob die kleinen Büffel nun illegal entsorgt oder legal schon wenige Tage nach der Geburt geschlachtet und bestenfalls zu Hundefutter verarbeitet werden: Tiere als Abfall zu betrachten ist völlig unethisch", sagt Elisabeth Penz von Vier Pfoten. "Noch dazu im Zusammenhang mit einem Produkt, das zu stattlichen Preisen als Luxusartikel vermarktet wird." Die Tierschützer machten österreichische und deutsche Supermarktketten auf die Praxis aufmerksam. Kaufland kündigte daraufhin an, "gemeinsam mit Vier Pfoten eine Verbesserung der Haltungsbedingungen von Büffeln herbeizuführen".

Unweit von Cancello ed Arnone nähern wir uns einer Büffelfarm. Im nahen Flüsschen Volturno, so ein Rechercheur, der mit der Situation vor Ort vertraut ist, seien in der Vergangenheit immer wieder Büffelkadaver gefunden worden. Erinnerungen an China werden wach, wo im März 2013 Tausende tote Schweine in einem Fluss trieben. Die Kadaver, die ein Zuchtbetrieb in dem Gewässer entsorgt hatte, drohten das Trinkwasser von Shanghai zu verseuchen.

Betonmauern umgeben die Farm. Um hineinzukommen, geben wir uns als Touristen aus, die Büffel-Mozzarella gekauft hätten und sehen wollten, wo die Milch dafür herkomme. Die durchweg männlichen Mitarbeiter der azienda scheinen arglos und führen uns zum Stall, der verwahrlost aussieht. Vor ein paar Stunden erst hat eine Büffelkuh ein Kalb geboren. Es ist noch feucht, die Mutter leckt es ab.