Ein Indiz für die Qualität eines Kriminalroman-Plots ist die Zuordnung von Schuld. Je eindeutiger der Autor seinem Personal Schuld und Unschuld zuteilt, desto trivialer ist meist der Krimi. Unter diesem Gesichtspunkt (und unter etlichen anderen) verdient Das Vergessen, der elfte Kriminalroman der schottischen Autorin Denise Mina, höchstes Lob: Unschuldig ist hier niemand, nicht einmal die Kinder.

Eines dieser Kinder ist Rose. Sie lebt im Heim. Ihr Lebenshalt ist Sammy, der die Minderjährige unter den Glasgower Roués prostituiert. Rose ist vierzehn, und 1997 tötet sie in der Nacht, in der auch Lady Di starb, in Panik zwei Männer: Pinkie Brown, der sie zurückweist, und ihren Zuhälter. So weit die bittere Vorgeschichte. Fünfzehn Jahre später steht Detective Inspector Alex Morrow, eine von ihren Kollegen gemobbte, wegen ihres Gerechtigkeitsfanatismus von den Chefs fast schon abgeschriebene, überlastete Mutter von kleinen Zwillingen, im Gerichtssaal und macht ihre Aussage gegen den mickrigen Michael Brown. Michael hat ein Leben im Knast verbracht, vor Jahren verurteilt wegen Mordes an seinem Bruder Pinkie. Wie das? Der Leser staunt. Hat nicht Rose diesen Pinkie erstochen?

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT No 2 vom 8.1.2015.

Denise Mina spielt auf besondere Art mit ihren Lesern. Bei ihr müssen sie nicht rätseln, wer was getan hat. Indem Mina in verzweigten Erzählsträngen Einblick in die Motive und Biografien einiger ihrer Figuren gibt, weiß der Leser mehr als die ermittelnde Alex Morrow. Er versteht Roses Motive, er ahnt Zusammenhänge und Hintergründe, die Morrow erst mühselig aufdecken muss. Morrow will eigentlich nur vom Angeklagten Hinweise auf eine indisch-arabische Geldwäsche-Connection erlangen. Doch als bei der Leiche eines ermordeten Spendensammlers Fingerabdrücke entdeckt werden, die dem in Untersuchungshaft sitzenden Angeklagten Brown zugeordnet werden, gerät sie auf neue, buchstäblich abwegige Spuren. Hat jemand vor fünfzehn Jahren Browns Fingerabdrücke gefälscht? Wurde ihm, damals noch ein Kind, der Mord an seinem Bruder angehängt? Morrow wühlt sich durch die Katakomben der Strathclyde Police, stößt auf Deals zwischen Gangstern, Anwälten und Polizisten. Minas Sittenbild einer korrupten Rechtspflege ist ein bitterböser Kommentar zur damals vollzogenen Polizeireform, die sich als "Verbesserung der Sicherheit und des Wohlbefindens von Personen und Gemeinden" deklarierte. Wortwörtlich überragendes Symbol des auf Schwindel errichteten Glasgow sind die im englischen Titel genannten Wohntürme der Red Road. Die einstigen Landmarken gefühlten Wohlstands sind Ruinen vor dem Abriss, gerade noch zur Ablage von Leichen geeignet. Die Autorin setzt mit nüchterner Stimme die Tradition des großen Glaswegian William McIlvanney fort, dessen epochaler Roman Laidlaw erst jüngst wieder neu übersetzt wurde. Denise Mina ist als mitreißende Erzählerin zu entdecken.