Russische Touristen fliegen in den Weihnachtsferien gern nach Deutschland, um dort ausgiebig einkaufen zu gehen. Bis vor wenigen Jahren noch bevorzugten sie Städte wie Baden-Baden, München oder Berlin. Jüngst aber kamen immer mehr nach Dresden. Inzwischen landet dort täglich ein Flieger aus Moskau. Längst buhlen auch Einzelhändler um die Luxus-Shopper aus Russland. Wer in den vergangenen Tagen durch Dresdens Zentrum lief, der sah Banner mit Weihnachtsgrüßen in kyrillischer Schrift. Was bringt das? Wir haben mit der Chefin der Altmarkt-Galerie, des größten Einkaufszentrums der Innenstadt, gesprochen

DIE ZEIT: Frau Strauß, ist Weihnachten für Sie erst am 29. Dezember so richtig losgegangen?

Nadine Strauß: Dann zumindest begann unser zweites Weihnachten. Wir haben "russische Festtage" ausgerufen und die ganze Altmarkt-Galerie in den Nationalfarben Blau und Weiß geschmückt. Russen feiern ja erst am 7. Januar Weihnachten, und viele machen in dieser Zeit ausgedehnte Shoppingreisen. Zahlreiche Produkte sind in Deutschland noch günstiger als in Russland, zudem können sich Nicht-EU-Bürger die Mehrwertsteuer zurückholen. Das zieht viele russische Gäste nach Deutschland, seit einigen Jahren insbesondere auch nach Dresden.

ZEIT: Wie viele Besucher sind es denn?

Strauß: Ganz genau wissen wir das nicht, es sind definitiv mehrere Tausend in der Weihnachtszeit.

ZEIT: Für die haben Sie blaue Teppiche verlegt, zusätzliche Mitarbeiter eingestellt. Reichlich Aufwand, oder?

Strauß: Aber er lohnt sich. Wissen Sie, der russische Kunde legt sehr großen Wert darauf, in seiner Muttersprache angesprochen zu werden. Die tschechischen Besucher sind da anders. Die kommen ebenfalls zahlreich zu uns, reden aber meist Deutsch oder Englisch. Für die Russen haben wir uns etwas Besonderes überlegt. Zum Beispiel Hostessen engagiert, die nur dafür da sind, mit den Gästen aus Moskau oder Krasnodar in Kontakt zu treten. Zwei Hostessen stehen jeden Tag um 13.20 Uhr am Flughafen …

ZEIT: … dann landet der Flieger aus Moskau.

Strauß: Richtig, sobald die Passagiere am Ausgang erscheinen, bekommen sie von unseren Hostessen kleine Geschenke und Flyer in die Hand. Die sind natürlich in russischer Sprache verfasst und weisen den Weg zu unserem Shoppingcenter.

ZEIT: Dort bin ich gerade Väterchen Frost nebst seiner Enkelin Snegurotschka begegnet …

Strauß: In den Kostümen stecken russische Muttersprachler, die wir eigens engagiert und geschult haben. Sie sollen die Kinder ein bisschen unterhalten und den Erwachsenen Fragen beantworten. Nach Geschäften – oder auch nach den Dresdner Highlights: wo sie etwa die Sixtinische Madonna finden. Allein im vergangenen Jahr haben wir Tausende solcher Anfragen gezählt.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT-im-Osten Ausgabe 2 vom 8.1.2015. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Und in diesem Jahr? Am besten wüssten dies ihre beiden Mitarbeiterinnen an der Infotheke, sagt Nadine Strauß. Die zwei Frauen, das fällt gleich auf, sehen sehr unterschiedlich aus. Eine von ihnen trägt ein weißes Felljäckchen und auf dem Kopf eine Plüsch-Schapka. Damit sie gleich auffällt als Ansprechpartnerin für die russischen Kunden. Aber kommen denn noch so viele wie im Vorjahr? Nein, sagt die Hostess, es seien weniger Russen unterwegs als noch vor zwölf Monaten. Hinzu kommt: Ein Finanzdienstleister errechnete vor wenigen Wochen, dass russische Touristen neuerdings weniger Geld in Dresden lassen als zuvor: Ihre Ausgaben hätten sich um knapp ein Drittel verringert.

ZEIT: Frau Strauß, was dachten Sie eigentlich, als Russland vor einigen Monaten die Krim annektierte und daraufhin der Westen Sanktionen verhängte?

Strauß: Ich habe mir schon Sorgen gemacht. Die Russen sind wichtig für uns. Ich wünsche mir sehr, dass diese Probleme schnell gelöst werden.

ZEIT: Offenbar hat zu diesem Weihnachtsfest das Geschäft mit den Russen nachgelassen.

Strauß: Sagen wir einmal so: Der 500-Euro-Schein sitzt nicht mehr ganz so locker wie in den zurückliegenden Jahren, was unter anderem an der Abwertung des Rubels liegt. Früher haben viele Russen vor allem Luxusprodukte gekauft, inzwischen interessieren sie sich für die Artikel aus dem mittelpreisigen Segment. Wie ich gelesen habe, reisen neuerdings viel weniger russische Gäste als zuvor nach Prag oder Baden-Baden. Insofern bin ich froh, dass wir hier bis jetzt noch glimpflich davonkommen.

ZEIT: Gibt es Gäste, die Sie auf die politischen Reizthemen, die Ukrainekrise oder die Wirtschaftssanktionen, ansprechen?

Strauß: Aber nein. Wir besprechen mit unseren Gästen nicht die politische Situation. Sie sollen sich bei uns wohlfühlen. Hier wird geshoppt.