Den Höhepunkt seiner Berühmtheit erreichte Friedrich Gottlieb Klopstock ausgerechnet in einem Buch des Mannes, in dessen Schatten sein eigener Ruhm sehr bald mit gespenstischer Lautlosigkeit zerging: in Goethes Werther. Während des Balls, auf dem sich Lotte und Werther kennen lernen und der erste Funke überspringt, kommt es zu einem kräftigen Sommergewitter. Der Regen prasselt in die Wiesen. Die beiden jungen Leute stehen am Fenster und schauen auf die dampfende Natur. Lottens Augen sind "tränenvoll". Als der letzte Donner in der Ferne verweht, legt sie ihre Hand in die Werthers und sagt: "Klopstock."

Say no more! Dieser Name ist eine Losung, über die sich Liebende blind verständigen konnten – so wie das heute mit Band-Namen als Chiffren gemeinsamer Weltrepräsentation funktioniert.

Wenn man damals, in der Mitte des 18. Jahrhunderts, "Klopstock" sagte, sagte man dreierlei. Erstens: Ich bin ein empfindendes Gemüt, empfänglich für die erhabene Schönheit von Gottes Schöpfung. Zweitens: Ich sage mit Emphase "ich", weil meine Seele der subjektive Spiegel der göttlichen Natur ist. Und drittens: Dieses Ich möchte seine Gefühle teilen – entweder in der Liebe oder in der Freundschaft, jedenfalls in einer kommunikativen Intimbeziehung.

Klopstock war der Miterfinder schwärmerischer Subjektivität. Die Epoche, der er zugerechnet wird, heißt nicht ohne Grund Empfindsamkeit. Die Dichter des Göttinger Hainbunds gehörten dazu, mit denen Klopstock, als ihre Vaterfigur, in enger Verbindung stand. Sie zelebrierten die Freundschaft und die Gefühle, und es war wichtig, möglichst oft in Tränen der Rührung auszubrechen, um sich als Mensch zu zeigen.

Wenn Lotte beim Anblick eines Sommergewitters "Klopstock" sagt, dann denkt sie an dessen berühmte Ode Die Frühlingsfeier, die in ekstatischem Hymnenton in Blitz und Donner die Gegenwart Gottes preist: "Und die Gewitterwinde? Sie tragen den Donner! / Wie sie rauschen! Wie sie die Wälder durchrauschen! (…) Hört ihr, hoch in den Wolken, den Donner des Herrn?"

Klopstocks Hymnen haben etwas von der Halleluja-Seligkeit einer Pfingstgemeinde. Klopstock war Pietist. Der Pietismus entinstitutionalisierte den Glauben und verlegte die Frömmigkeit auf dem Weg der Selbstbeobachtung in die eigene Seele. Er war der Geburtshelfer des modernen Subjekts. In diesem Kontext waren Klopstocks Oden mehr als nur Gedichte – sie waren das Sprachrohr einer neuen Form, Mensch zu sein: Die Dämme des steifen Hofzeremoniells waren gebrochen, die Jugend weinte gemeinsam und schwelgte in ihren Gefühlen. Klopstocks Gedicht Der Eislauf begeisterte eine ganze Generation für das Schlittschuhlaufen – auch der junge Goethe war vom Eislauffieber gepackt.

So gesehen, hat Klopstock eigentlich alles richtig gemacht: Er hat die deutsche Lyrik aus dem regelpoetischen Korsett befreit, er hat das Erlebnis in die Mitte des Gedichts gestellt, er war der Erweckungspriester einer ganzen Generation.

Doch dann kam Goethe. Goethe schritt auf Klopstocks Pfaden – nur ging er so viel weiter, dass er das Klopstock-Terrain hinter sich ließ. Auch Goethe schuf seine berühmtesten Sturm-und-Drang-Gedichte aus dem Erlebnis heraus, auch er sagte beispiellos selbstbewusst "ich", aber er tat es in einer Weise, mit der verglichen Klopstock plötzlich hölzern, posenhaft und frömmelnd wirkte. Verglichen mit Goethes sprachlicher Spontan-Individualität, klang Klopstock wie Rollenprosa. Und anders als Klopstock brauchte Goethe kein religiöses Dekor mehr, um die Regungen eines leidenden und liebenden Subjekts vor Sturmkulisse zu feiern.

Klopstocks Stern sank dann schneller als eine Sternschnuppe. Schon 1753 dichtete Lessing spöttisch über Klopstocks gewaltiges Versepos Messias: "Wer wird nicht einen Klopstock loben? / Doch wird ihn jeder lesen? – Nein! / Wir wollen weniger erhoben / und fleißiger gelesen sein." Und in Grabbes Theaterstück Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung benutzt der Teufel Klopstock als "altes, unfehlbares Schlafmittelchen". Wenn es eine Wasserscheide der Zeitgenossenschaft gibt, dann verläuft sie zwischen Klopstock und Goethe: Wir sind noch immer Goethes Zeitgenossen, aber für Klopstock sind wir taub.