Nicht nur die Handarbeit, die selbst gemachte Marmelade und die schützende Zweierbeziehung kommen wieder in Mode, auch der gute alte Abi-Ball erfreut sich einer Renaissance, samt seinen sittsamen Zeremonien. Es ist ein warmer Frühsommerabend im Jahr 2014, als sich der Abiturientenjahrgang eines deutschen Gymnasiums im Festsaal einfindet, begleitet von Eltern, Großeltern, Geschwistern. Die jungen Herren tragen Anzug, einige auch Krawatte, die jungen Damen lange Abend- oder schicke Cocktailkleider.

Ein Schülerkomitee hatte bereits im Winter mit der Vorbereitung des Balls begonnen, dessen organisatorischer Präzision es deshalb, von der Tischordnung bis zum Ablaufplan der Reden, an nichts fehlt. Die jungen Leute werden den nerdigsten Nerd und das hübscheste Liebespärchen ihres Jahrgangs küren und in launigen Sketchen die Schrullen ihrer Lehrer auf eine Weise in Erinnerung rufen, welche diese nicht im Geringsten verärgern muss. Sie werden keine faulen Eier werfen und keine Protesttransparente entrollen, sondern ein Fest optimistischer Harmonie und atemberaubender Verbindlichkeit feiern.

Ein Fest, dessen Erscheinungsbild die soziologischen Zuschreibungen vollauf zu bestätigen scheint, die auf die Alterskohorte der 15- bis 30-Jährigen, Generation Y, neuerdings auch Generation Merkel genannt, notorisch angewendet werden: angepasst und unpolitisch, leistungs- und sicherheitsorientiert, egotaktisch und materialistisch. Als "Kinder der Stille" bezeichnete sie der Spiegel-Autor Dirk Kurbjuweit in einem wohlmeinenden, gleichwohl irritierten Gruppenporträt, das der Frage nachging, ob sich der Mehltau des Merkelschen Regierungsstils auf die Mentalität junger Bundesbürger übertragen habe, und sie bejahte.

Sarkastischer klingt der Titel Die Liegenden, die der italienische Kolumnist Michele Serra, Jahrgang 1954, für seinen aktuellen Bestseller wählte. Aus Serras Perspektive besitzt die Daseinsweise heutiger Jugend, die er mit spitzer Feder illustriert, Ähnlichkeit mit der von Lazarettinsassen. Nur dass die horizontal gelagerten Teenager nicht an Tröpfen hängen, sondern an diversen elektronischen Gerätchen. Simsen, chatten, surfen, downloaden – mehr geschieht nicht im Leben der Halbleichen. Ihre rühmlichste Eigenschaft dürfte in ihrer Harmlosigkeit bestehen. Ernst nehmen, so die Botschaft von Serras Satire, könne und müsse man diesen Nachwuchs eher nicht.

Er liegt – buchstäblich – in einem Trend, den die Titelgeschichte der ZEIT in der vergangenen Woche, abgedruckt im ZEITmagazin, analysierte: im Trend zur Weltflucht, zum Rückzug in neobiedermeierlich gestaltete Wohlfühlzonen. Die Existenz dieses Trends ist so wenig zu bezweifeln wie die Prägung der, rund gerechnet, nach 1980 Geborenen durch einen eher konformen denn kämpferischen Zeitgeist.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT No 2 vom 8.1.2015.

Die Frage ist nur, wie man diesen Zeitgeist bewertet. Die Frage ist auch, welcher historischen Prämisse die geradezu reflexhafte Geringschätzung dieser jüngeren Jahrgänge eigentlich ihre Berechtigung verdankt. Es mag ja sein, dass sie noch vor der Ausbildung einen Bausparvertrag anstreben. Und es stimmt sicherlich, dass sie, so ein Umfrageergebnis, zu 90 Prozent mit ihren Eltern ein gutes Verhältnis pflegen und auch deshalb gern bis Mitte zwanzig zu Hause wohnen.

Aber wer sagt, dass sich Sorge um Bausparvertrag und Sorge um den Ukraine-Konflikt, konforme Verhaltensweisen und Engagementbereitschaft im Kopf eines jungen Menschen ein für alle Mal ausschließen? Wer legt fest, dass Rebellion gegen die Eltern unabdingbar zum Jungsein gehört? Wer definiert lautstarken Aktionismus als Maßstab gesellschaftlicher Teilnahme? Und wer bestimmt, dass Abiturienten, die im Jahr 2014 ihren Abi-Ball liebevoll organisieren, weniger politische Anerkennung verdienen als ihre Vorgänger, die im Jahr 1974 ein solches Ereignis allenfalls zur Zelebrierung ihres Abscheus oder gar einer kleinen Randale genutzt hätten?

Hier sind wir beim neuralgischen Punkt. Beim großen mythischen "Damals". Bei jener bundesrepublikanischen Zeitstrecke zwischen 1968 und 1980, die sich einer einzigartigen rückwirkenden Heroisierung erfreut und deren Nachwirkung auch deshalb nicht endet, weil sie fortwährend als Vergleichs- und Interpretationsfolie der Nachfahren dient. Wenn Klaus Hurrelmann, Jahrgang 1944, Autor der Shell-Jugendstudien, akademischer Godfather zeitgenössischer Generationensoziologie und Erfinder von Labels wie "Egotaktiker" und "Leistungsstreber", äußert, die Ypsiloner fänden "nicht zu einer kollektiven Solidarisierung, mit der frühere Generationen gemeinsam auf die Straße gegangen sind", dann sagt er damit wenig über die Realität der heute 20-Jährigen aus. Aber viel über den Bewertungsrahmen, den er an diese Realität anlegt: seine eigene Jugend. Und wenn der Rahmen nun eben ein anderer ist? Und Solidarisierung sich anders äußert?

Beispielsweise in der digitalen Plattform No Hate!, auf der sich während des jüngsten Nahostkrieges israelische, palästinensische, amerikanische und europäische Jugendliche trafen und ihre Ablehnung der Rachelogik dieses Krieges manifestierten. Oder in der Twitter-Kampagne I’ll ride with you, die von der 17-jährigen Australierin Tessa keine 24 Stunden nach der Geiselnahme in Sydney ins Leben gerufen wurde. Als Angebot an muslimische Mitbürger, die Anfeindungen befürchteten, sie bei Fahrten in Bus, Zug und U-Bahn zu begleiten. Waren es dreißig, fünfzig oder mehr Schüler, die sich in den Wochen vor den Bundestagswahlen (zum Schrecken ihrer Eltern) um Mitternacht in rechtslastigen Berliner Bezirken trafen, um NPD-Plakate zu überkleben? Und war es bei Hurrelmanns "früheren Generationen" in Wahrheit nicht auch nur ein kleinerer Teil der Jugend, der rund um die Uhr protestierte und politisierte, während eine schweigende Mehrheit ihr persönliches Fortkommen betrieb?

Wer glaubt, Weltflucht und Neobiedermeier seien exklusive Erfindungen des 19. und des frühen 21. Jahrhunderts, der hat die Selbsterfahrungsexzesse, inklusive Bhagwan-Tourismus der siebziger Jahre des 20. Jahrhunderts und des vor Spießigkeit strotzenden Biederkeitskults, der die Alternativ- und die Ökobewegung in ihrer Frühzeit umgab, entweder verdrängt oder nicht erlebt.