Die Lebensgeschichte der in Heilbronn lebenden Künstlerin Hal Busse liest sich geradezu exemplarisch für die Lebensgeschichten vieler Künstlerinnen ihrer Generation. Geboren 1926 im ländlichen Süddeutschland, wuchs Busse in einer Künstlerfamilie auf und zeigte früh schon großes Talent für die Malerei. Nach dem Zweiten Weltkrieg studierte sie an der Stuttgarter Kunstakademie, als dort die sogenannte Stuttgarter Avantgarde mit Malern wie Willi Baumeister tonangebend war. Sie durchlief, wie es sich für progressive, modernistische Künstlerinnen und Künstler gehörte, diverse Stadien vom Nachimpressionismus bis hin zur Abstraktion, erhielt renommierte Stipendien, traf Alberto Giacometti in seinem Pariser Atelier, stellte im In- und Ausland aus und dann – Heirat, Kinder, Karriereknick. Zwar versuchte sie, die Mutter- und die Künstlerinnenrolle unter einen Hut zu bekommen, musste jedoch klare Zugeständnisse gegenüber der Ersteren machen und erfuhr niemals die Aufmerksamkeit, die ihr eigentlich gebührt hätte.

Um zu verdeutlichen, wie nahe Busse an den Tendenzen der Neoavantgarde dran war, sei nur auf folgendes Beispiel verwiesen: In den späten 1950er Jahren produzierte sie etwa zeitgleich mit Günther Uecker Nagelreliefs. Doch im Gegensatz zur hammerharten, puristischen, letztlich klischeehaft männlich konnotierten Kunst Ueckers leitete sie ihre Nagelreliefs aus mimetischen Zusammenhängen ab – etwa aus der Darstellung von Menschenmengen – und bemalte die Nagelköpfe mit bunten Farben, was ihren Reliefs einen freundlicheren Charakter gab und sie im Resonanzraum der Malerei beließ.

Abgesehen vom Umstand, dass die malende Mutter nicht gerade dem Idealbild des Künstlers als freiem, nur sich selbst verpflichtetem Kulturhelden entsprach und noch immer entspricht – woran liegt es, dass Busses Bekanntheit sich heute vor allem auf Heilbronn erstreckt, wo die Städtischen Museen viele ihrer Werke beherbergen? Vielleicht daran, dass ihre Arbeiten stets, wie sie selbst bekundete, um das "Menschenbild" kreisten – einen Begriff, der spätestens seit den Darmstädter Gesprächen von 1950 mit großer Skepsis beäugt wurde, zumindest von den radikalen Avantgardisten. Diese verwiesen auf den Menschenbild-Kult der totalitären Regime und setzten Fortschritt mit Abstraktion gleich. Busse hingegen liebäugelte zwar ebenfalls mit der Abstraktion, hatte jedoch kein Problem damit, weiterhin Figürliches wie eine Mutter mit Kind oder das typische Motiv der Klassischen Moderne, die Badenden, auf die Leinwand zu bringen.

Vielleicht blieb Busse auch deshalb eine Unbekannte, weil sie sich nie auf einen Stil festlegte – und damit fast automatisch ins Hintertreffen geriet, gierte der Kunstmarkt der Nachkriegszeit doch nach Künstler-Marken mit hohem Wiedererkennungswert, etwa nach Richard Serra mit seinen Stahlskulpturen oder nach Andy Warhol mit seinen Siebdrucken. Hal Busse indes war nicht daran interessiert, eine marktkonforme Marke zu sein. Sie fühlte sich in den 1950er Jahren der Zero-Gruppe nahe, experimentierte in den 1960er Jahren mit der Pop-Art, wandte sich in den 1980er Jahren wieder der Landschaftsmalerei zu. Ist das ein Manko, ein Zeichen von Schwäche? Nur wenn man ein Kunstverständnis pflegt, das dem stereotypen Bild des männlichen, selbstidentischen Einzelkämpfers mit einer singulären Mission verpflichtet ist. Hal Busses Beispiel verweist auf die Möglichkeit eines anderen Künstlerinnenbildes: Neugier statt Marktmacht, Empfindsamkeit statt Rigorismus, Suche statt Statement, Mehrdimensionalität statt Machotum. "Durchsetzen ist nicht mein Ding", hat sie einmal gesagt. Eine Haltung, die erst auf den zweiten Blick als solche erkennbar ist – und deshalb so wertvoll.