DIE ZEIT: Darf man Grundschülern vom Grauen des Holocaust erzählen?

Sarah Hüttenberend: Die Frage, die wir uns stellen müssen, ist: Was wissen Kinder nicht über den Holocaust? Die haben Fernseher und Computer und dadurch viele Wissensfetzen. Es ist viel riskanter, da keinen Rahmen zu geben. Bei unseren Schulbesuchen haben wir schon Kinder erlebt, die sagten: "Hitler war ein Jude."

ZEIT: In Ihrer Ausstellung Heimatsucher sieht man Fotos Überlebender, dazu gibt es schriftliche Interviews, in denen diese ihre teils albtraumhaften Lebensgeschichten erzählen. Das mag für Gymnasiasten kein Problem sein, aber für Grundschüler?

Ruth-Anne Damm: Es gibt Kritiker, die sagen, in diesem Alter könne man das Thema nicht erfassen. Ich sage: Man kann es in keinem Alter gänzlich erfassen. Angst, Gefahr und Ungerechtigkeit können Kinder aber sehr wohl verstehen. Wir lassen für die jüngeren auch extreme Gewaltdarstellungen weg – ohne zu verheimlichen, was passiert ist. Mit der Frage, ob das Thema in die Grundschule gehört, haben wir uns wissenschaftlich auseinandergesetzt.

Hüttenberend: Und dabei kam heraus, dass sich Vorurteile früh bilden. Sie werden von den Eltern übernommen und selten noch geändert. Doch etwa in der vierten Klasse gibt es einen entwicklungspsychologischen Punkt, an dem man gut auf Kinder einwirken kann.

Damm: Kinder in diesem Alter haben ein großes Gerechtigkeitsbewusstsein. Die sind sauer, wenn der eine nicht mehr mit dem anderen spielen darf, weil er Jude ist.

ZEIT: Welche Geschichten bewegen die Kinder denn besonders?

Hüttenberend: Anekdoten, mit denen sie sich identifizieren können. Wenn wir fragen: "Teilt ihr euch mit euren Geschwistern das Zimmer?", melden sich höchstens zwei Kinder. Dann erzählen wir, dass sich im Ghetto bis zu drei Familien ein Zimmer geteilt haben. Da geht ein Raunen durch die Klasse. Den Älteren erzählen wir von Frieda Kliger, deren neue Klassenlehrerin ihr in jedem Fach eine Fünf gab, obwohl sie eine sehr gute Schülerin war – weil Juden ihrer Meinung nach dumm waren. Frieda wollte Physik studieren, aber nach ihrer Zeit in Auschwitz war sie nicht mehr in der Lage, dies nachzuholen. Überfüllte Kinderzimmer, unfaire Notengebung, Träume, die brutal zum Platzen gebracht werden – darunter können sich Kinder etwas vorstellen.

Damm: Wir wollen das Thema aktuell und zugleich menschlich zeigen und so eine aktive Erinnerungskultur erhalten. Die systematische Ermordung von Millionen von Menschen soll nicht vergessen werden. Wir wollen, dass die Menschen sich emotional erinnern, sonst ist der Holocaust womöglich bald aus dem kollektiven Bewusstsein verschwunden.

Hüttenberend: Die Aktiven bei uns Heimatsuchern sind alle in den Achtzigern geboren, haben in der Schule dauernd über den Holocaust geredet. Aber es ging immer nur um das "Dritte Reich", nie um das Schicksal der Überlebenden in der Nachkriegszeit. Deshalb fragen wir die Überlebenden in den Interviews für unser Projekt auch immer nach ihrem ganzen Leben.

ZEIT: Können Kinder die Tragik dieser Leben überhaupt erfassen?

Hüttenberend: Ja. Man merkt das an den Briefen, die sie an die Überlebenden schreiben, nachdem sie deren Geschichten gelesen haben. Es steckt viel Mitgefühl drin, und es werden gute Wünsche für die Überlebenden und die Zukunft geäußert. Das zeigt, dass die Kinder den Kern verstanden haben: Es war schlimm. Es darf nicht wieder passieren.

Damm: Mein Lieblingsbrief ist von einer Siebtklässlerin, die schreibt: "Ich finde das unglaublich, was du erlebt hast. Ich hätte das keine zwei Tage durchgehalten." Sie vergleicht sich und identifiziert sich auf diese Weise.

Hüttenberend: Oder eine Schülerin, die schreibt, dass ihr Kater gestorben sei und dass sie sich, wenn alles schlimm sei, immer sage: "Blümchen, rüttel dich, Blümchen, schüttel dich, wirf deine Blätter über mich."

Katharina Hermes: Ein anderer Schüler schickte einen Brief voller Witze, weil der Überlebende im Interview gesagt hatte, dass er sich selber einen Witz erzähle, wenn es ihm schlecht gehe.

ZEIT: Welche Erfahrung machen Sie in Klassen, in denen auch muslimische Kinder sind?

Dass sich die junge Generation für ihre Geschichten interessiert, bedeutet den Überlebenden viel.
Katharina Hermes

Hüttenberend: Die unterschiedlichen Hintergründe ergänzen sich hervorragend. Wir versuchen das Thema so darzustellen, dass es übertragbar ist auf heutige Konflikte. Viele dieser Schüler wissen, was es heißt, verfolgt zu werden, weil man einen anderen Glauben hat. Es ist sehr schön und spannend, mit solchen Klassen zu diskutieren: Was ist Heimat? Wie ist es, seine Heimat zu verlieren?

ZEIT: Sie überbringen einige Briefe auch persönlich. Wie reagieren die Überlebenden?

Damm: Das schönste Erlebnis hatte ich dieses Jahr in Israel. Ich bin zu einer Überlebenden ins Altenheim nach Tel Aviv gefahren und habe ihr 70 Briefe mitgebracht. Sie saß vor mir in ihrem Sessel und hat jeden einzelnen gelesen und lachte dabei und weinte.

Hüttenberend: Die Briefe der Kinder enthalten oft einfache Worte, die den Kern treffen: "Es tut mir leid", oder: "Ich hoffe, es geht dir bald besser." Erwachsene schreiben nicht. Die sind stumm vor Entsetzen. Dabei tun die Briefe den Überlebenden wahnsinnig gut.

Hermes: Dass sich die junge Generation für ihre Geschichten interessiert, die Erinnerungen weiterträgt, bedeutet diesen Menschen viel. Sie wollen erzählen, weil die anderen nicht mehr reden können. Die Überlebende Erna de Vries bekam als Kind im KZ sogar den Auftrag von ihrer Mutter: "Wenn du hier rauskommst, musst du erzählen, was passiert ist."

Damm: Ein anderer Überlebender hat sein ganzes Leben seinen ermordeten Freunden gewidmet. Er hat bei sich zu Hause Fakten, Daten, Fotos gesammelt, damit diese Freunde nicht in Vergessenheit geraten.

ZEIT: Wie stellen Sie den Kontakt zu den Überlebenden her?

Hermes: In Israel kommt der Kontakt über die Gedenkstätte Jad Vaschem in Jerusalem zustande. Bei unserer Arbeit lesen wir sehr viel über den Holocaust, Forschungsliteratur, Zeitungsberichte. Manchmal stoßen wir so auch auf Berichte von Zeitzeugen. Die schreiben wir dann an und fragen, ob sie mit uns über ihr Leben sprechen wollen. Häufig kommt eine positive Antwort zurück.