"Das Leben ist kein Möbelhaus", hieß es auf Plakaten. Gentrifizierung, Autoverkehr, Mietenwahnsinn – wenn Ikea kommt, wird das gemütliche Altona eine zweite Schanze. Vier Jahre lang war der Bau des deutschlandweit ersten Ikea-Möbelhauses mitten in einem Wohngebiet ein Drama aus Protest, Boykott und parolenbesprühten Fassaden. Nun ist Ikea da. Seit sechs Monaten. Und es ist ruhig geworden um das Möbelhaus mitten in der Großen Bergstraße, das aussieht wie ein überdimensionierter Legoklotz.

Das hat einen Grund. Ikea Altona ist zum öffentlichen Raum geworden. Zum Jugendtreff. Zur Stadtteilmensa. Vielleicht ist das Leben kein Möbelhaus, aber das Leben ist im Möbelhaus – wenn auch anders als gedacht.

Mittagspause am benachbarten Gymnasium Allee. Carlotta springt von hinten auf einen Ikea-Einkaufswagen, rollt die Balustrade des Parkdecks entlang. Ihre Freundin Kijara versucht, das Bild mit der Handykamera einzufangen: vorne Carlotta, hinten Hafenkräne, der Michel, die Elbphilharmonie, die Tanzenden Türme. Eine Hamburger Postkartenansicht.

Seit Ikea in die Große Bergstraße gezogen ist, gehen viele Jugendliche aus Altona mittags nicht mehr in die Schulmensa. Im Schnellrestaurant bei Ikea gibt es Hotdogs für einen Euro, außerdem günstig Nudeln und eine Auswahl an Waffeln, Kuchen und Getränken, bei der kein Schulcaterer mithalten kann. Und dann gibt es auch noch das Parkdeck mit seiner grandios-urbanen Kulisse. Der perfekte Hintergrund für Facebook-Fotos und WhatsApp-Nachrichten.

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Klar, Ikea ist ein Möbelhaus. Aber die wenigsten Kunden kommen in die Filiale in Altona, um Möbel zu kaufen. Die Anzahl der täglichen Besucher, die beim Betreten der Filiale automatisch gezählt werden, liegt weit über der in anderen Ikea-Läden bundesweit. Beim Umsatz ist es genau umgekehrt. In Altona kaufen die Kunden nur Kleinigkeiten wie Kerzen oder Servietten. Deshalb ist das Parkdeck immer leer – für eine Kerze reist niemand im Auto an. Und fürs neue Wohnzimmersofa fahren die Kunden nach wie vor zu den Dependancen in Schnelsen oder Moorfleet.

Nur der Umsatz im Schnellrestaurant, der sprengt in Altona alle Rekorde.

Morgens Kaffee und Croissants, mittags Pasta und Köttbullar: Dafür kommen die Menschen.

Es gibt Anwohner, die ihre Kleinkinder in die Ikea-Betreuung bringen, wenn sie in Ruhe auf den Wochenmarkt gehen wollen.

Andere kommen nach der Arbeit zum Essen vorbei, weil sie keine Lust zum Einkaufen und Kochen haben. Erst in der Schlange an der Supermarktkasse warten, dann zu Hause die Küche einsudeln – keine schöne Perspektive für den Feierabend.

Und dann gibt es noch die besonders Kreativen, die Ikea als Funsport-Areal begreifen: Barbara K., eine Mutter aus der Nachbarschaft, fährt regelmäßig die Serpentinen zum Ikea-Parkdeck rauf und runter. Dabei drückt sie dann ordentlich aufs Gaspedal. Ihr Sohn liebt das, es sei für den Kleinen wie eine Karussellfahrt auf dem Dom.

Ikea macht den Altonaern also tatsächlich Spaß. Dabei hatte sich da eine ganz andere Geschichte angebahnt. Anwohner der Altonaer Altstadt haben die Große Bergstraße geliebt, wie sie war: Ein-Euro-Shops, inhabergeführte Reisebüros, Kiosks mit Alkoholausschank und Dönerimbissen. Das Szenario einer urbanen Folklore, die man sich als Teil der Gegenkultur ausmalen konnte.

Die Bezirkspolitiker hingegen waren über die schmucklose Straße so verzweifelt, dass sie die frühere Fußgängerzone sogar wieder für Autos öffneten, allerdings erfolglos. Entsprechend galt Ikea in der offiziellen Stadtplanung als letzte Chance, einen sterbenden Stadtteil ökonomisch aufzumöbeln. Dass das Lokalkolorit durch den Bau einer Abholzentrale für Spanplattenmöbel leiden könnte, war erst einmal zweitrangig. Die Anwohner reagierten entsprechend: Sie gingen für ihren Kiez, der noch nicht so schick war wie die benachbarte Schanze oder Ottensen, auf die Barrikaden. Ikea war plötzlich das Sinnbild der Gentrifizierung.

Ikea Altona ist zum öffentlichen Raum geworden

13 Uhr, Mittagszeit. Das Ikea-Restaurant im ersten Stock ist brechend voll, eine gelbe Einkaufstasche aber hat fast niemand dabei. Rentnerehepaare sitzen beim Tee zusammen. Geschäftsleute der umliegenden Läden sind zum Mittagstisch da. An einem Tisch sitzen fünf ältere Türkinnen im Kreis. In der Mitte ein einzelner Teller mit Pommes, von dem alle hin und wieder picken. Ikea-Einkäufe? Fehlanzeige. Man isst, trinkt, geht.

Mit der Rolle als Stadtteilkantine hat sich Ikea inzwischen arrangiert. Man sei "zum Treffpunkt geworden", sagt Christian Mollerus, Chef der Filiale in Altona, und damit das so bleibt, wurde kulinarisch nachgebessert. Seit Neuestem gibt es ein täglich wechselndes Tagesgericht, das zieht die Geschäftsleute aus den umliegenden Läden an. Außerdem kann man das Essen jetzt auch mitnehmen – Köttbullar to go für den schnellen Lunch am Schreibtisch. Seit Ende August gibt das Restaurant zudem für seine Stammkunden Bonuskarten aus: Wer sechsmal kommt, isst einmal kostenlos. Und wenn man schon beim Zielgruppen-Feintuning ist: Kindergeburtstag kann nicht nur McDonald’s, sondern jetzt eben auch Ikea.

Während die Eltern vor einem Jahr noch lautstark protestierten, sitzen ihre Kinder nun im Restaurant und mampfen Nudeln oder Lachsfilet. Sarah zum Beispiel. Ihre Clique hat einen Tisch am Fenster ergattert. Die Mädchen gehen auf die Rudolf Steiner Schule in der Bleickenallee. Zehn Minuten dauert der Fußweg zu Ikea. Ein strammer Marsch, der den Mädchen die Sache wert ist. "Weil es hier echt lecker ist", sagt eine. Und außerdem gibt es WLAN. Extrem wichtig fürs Chatten und Surfen, um auf der Höhe der digitalen Zeit zu sein.

Sarahs Eltern waren entschieden dagegen, dass der Möbelriese in die Nachbarschaft zieht. Sie haben sich geschworen, dort niemals hinzugehen. Aber die Aversion gegen den schwedischen Besatzer hat sich mit der Zeit etwas gelegt. Denn hier, sagt Sarah, "kriege ich mittags zumindest immer was Warmes".

Carlotta und Kijara haben heute nichts bei Ikea gegessen. Dafür ist das Wetter zu gut und die Sicht vom Ikea-Dach zu überragend. Die beiden gehen zum Fotografieren aufs Parkdeck, von einer Seite aus können sie nicht nur den Fernsehturm sehen, sondern auch Carlottas Haus. Die roten Vorhänge vor ihrem Zimmerfenster leuchten aus der Ferne.

Carlottas Mutter war gegen Ikea, hat damals auch demonstriert. "Natürlich hat sich viel verändert", sagt sie. "Viele der alten Läden sind weg." Doch dass sich die Jugendlichen den Raum für ihre Zwecke erobert haben, das findet sie gut. "Ist also doch für die Anwohner. Irgendwie."