Der Juckreiz gehört zu den am wenigsten erforschten Sinnesphänomenen des Menschen. Eigentlich weiß man nicht einmal so richtig, wofür er gebraucht wird. Sicher ist es gut, dass der Körper ein Signal gibt, wenn zum Beispiel die Haut von Parasiten befallen ist oder eine Mücke zusticht. Aber was nützt der Juckreiz, wenn die Mücke schon weg ist oder eine Wunde bereits heilt (ZEIT Nr. 25/08)? Wer sich kratzt, der dämpft den Juckreiz und empfindet zudem Lust, was oft zu einem Juck-kratz-Teufelskreis führt, die Haut entzündet sich, und alles wird noch schlimmer.

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Letztlich ist das Kratzen ein Schmerz, den man sich selbst gezielt zufügt. Bis vor wenigen Jahren nahm man an, der Juckreiz sei der "kleine Bruder" des Schmerzes – beide Empfindungen würden über dieselben Nerven transportiert, und ein echter Schmerz sei einfach nur "lauter" als das Jucken und überdecke es. Inzwischen konnten Forscher jedoch zeigen, dass Juck- und Schmerzreiz unterschiedliche Nervenbahnen benutzen. Ein Indiz dafür ist die Tatsache, dass man das Jucken auch bekämpfen kann, wenn man sich nicht direkt an der betroffenen Stelle wehtut, sondern ein paar Zentimeter davon entfernt. Und vor vier Jahren zeigten Sarah Ross und ihr Team von der amerikanischen Harvard-Universität in Mäuseexperimenten, dass Juckreiz und Schmerz offenbar erst im Rückenmark aufeinandertreffen. Dort gibt es eine bestimmte Sorte von Neuronen, die sozusagen dem Schmerz Vorfahrt gewähren und – nach dem Motto: Genug gekratzt, hier droht eine echte Gefahr – den Juckreiz hemmen. Mäuse, bei denen man diese Neurone ausschaltete, kratzten sich blutig und konnten gar nicht mehr damit aufhören.

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