"In einem Monat ist der Krieg vorbei", sagt Abubakr Buera in der Warteschlange. "Militärisch ist Tripolis schon so gut wie erledigt." Der 73-Jährige, ein gedrungener Mann mit kurzem Hals und Bauchansatz, wird für das Scheitern der ersten Runde der Friedensgespräche verantwortlich gemacht. Er hat sich bei der Abstimmung durchgesetzt und gehört auch der Delegation für die zweite Runde an. "Die Europäer müssen das verstehen: Wir führen Krieg gegen Terroristen."

Buera rückt in der Schlange etwas vor und nimmt sich einen Teller vom Stapel. "Der Krieg muss fortgesetzt werden", sagt er, als er das Salatbuffet erreicht. Eine Waffenruhe verlängere das Leiden nur. Bengasi sei in Teilen zerstört, Zehntausende Menschen seien geflohen. "Es mag sein, dass es uns nicht immer gelingt, unsere Armee von Racheakten zurückzuhalten", sagt Buera und schaut auf den Teller. Es fehlt das Dressing.

Buera führt den Flügel der Föderalisten an. Sie sind der Meinung, die Probleme Libyens ließen sich nur durch eine Dezentralisierung lösen. Teilautonomie für einzelne Regionen. Buera weiß die Sympathien vieler Menschen im Osten des Landes hinter sich. Schon vor einem Jahr gingen in Bengasi Zehntausende Demonstranten auf die Straße, um einen eigenen Bundesstaat zu verlangen. Einige fordern schon mehr. Sie wollen die Unabhängigkeit.

Die Bevölkerung sortiert sich neu

Unter der Spannung der akuten Krise brechen die Risse der Vergangenheit auf. Der Osten Libyens hat sich schon immer vom Westen unterschieden. Unter den Römern sprachen die Menschen hier Griechisch, waren christlich-orthodox, während sie im Westen, in der Provinz Tripolitanien, Latein sprachen und katholisch waren. Auch unter den Osmanen blieben sich die Stämme des Ostens und des Westens fremd. "Der Feind kommt für uns immer aus dem Westen", sagen die Föderalisten im Parlament und meinen Tripolis. Das meiste Öl werde im Osten gefördert, das Geld aber sei immer in den Westen geflossen – wo allerdings auch die große Mehrheit der Bevölkerung lebt.

Der Direktor des Hotels ist auf den Fluren selten zu sehen. Er kommt in den frühen Morgenstunden, schließt sein Büro auf, zeichnet einige Schecks und Finanzanweisungen ab, geht nach fünf Minuten wieder, schließt hinter sich zu.

Einige Abgeordnete misstrauen ihm. Schon vor 200 Jahren sind seine Vorfahren aus Misrata nach Tobruk eingewandert, trotzdem wird er als Westler gesehen. Es heißt, er werde mit seiner Familie bald in seine wahre Heimat zurückkehren.

So geht es in diesen Tagen vielen, deren Ahnen aus dem Westen stammen. Sie fühlen sich im Osten nicht mehr sicher und ziehen weg. In Libyen sortiert sich die Bevölkerung neu.

Noch drei Tage bis zum offiziellen Beginn der Friedensgespräche. Im verschlossenen Plenarsaal diskutieren die Abgeordneten die Vorschlagsliste der Gegenregierung in Tripolis. Schon der Verhandlungsort ist umstritten. Tripolis plädiert für Ghadames, eine Stadt im Dreiländereck zwischen Libyen, Algerien und Tunesien. Das Parlament in Tobruk lehnt Ghadames ab, weil die Stadt mittlerweile unter Kontrolle der Truppen des Westens stehe. Es schlägt seinerseits einen kleinen Ort südlich von Bengasi vor, der von der eigenen Armee beherrscht wird. Das wiederum lehnt Tripolis ab.

Weg da!", ruft er. "Wer, verflucht, hat das autorisiert?!"

Die Kinder der Abgeordneten treffen sich an diesem Abend auf der Terrasse am Pool, aus dem das Wasser abgelassen wurde, damit niemand darin ertrinkt. Einige halten Wettrennen um das Schwimmbecken ab. Es gewinnt, wer am längsten durchhält. "Der Rekordhalter ist Ahmed", sagt einer und zeigt auf einen Zehnjährigen, Sohn des Vorsitzenden des Steuer- und Finanzausschusses. Die kleineren Kinder haben das Fahrstuhlfahren als Zeitvertreib entdeckt. Sie fahren hinauf ins oberste Stockwerk und dann wieder ganz hinunter, stundenlang. Ein paar ältere Jungs hocken im Gang und reden über die Autos, die sie sich einmal kaufen wollen, BMW und Porsche, mit dem Geld ihrer Eltern.

"Wollen Sie mal sehen?", fragt eine Abgeordnete mittags, zwischen zwei Sitzungen. Die Pforte zum Plenarsaal steht offen. Grüne Sitze, ein Halbrund, die Leinwand verborgen hinter einem roten Vorhang. Vorne erhebt sich das zweigestaffelte Podest des Präsidiums, dahinter hängt die Flagge des postrevolutionären Libyens. Plötzlich stellt sich ein Abgeordneter aus der Stadt Sirte, einer früheren Gaddafi-Hochburg, in den Weg. "Weg da!", ruft er. "Wer, verflucht, hat das autorisiert?!"

In der Schlange vor dem Restaurant entschuldigt er sich später, stellt sich als Said Hadija Abubakr vor, von Beruf Elektroingenieur. Er sei etwas durcheinander, vor wenigen Stunden sei sein Cousin entführt worden. Der habe ihn hier im Hotel besucht und sei am Morgen abgefahren. Wenig später hätten Freunde des Cousins einen Anruf von den Kidnappern erhalten. "Er ist nur ein Lehrer, er hat niemandem etwas getan", sagt Abubakr.

Während seine Kollegen im Plenum darüber diskutierten, welche Stadt sie Tripolis als Verhandlungsort vorschlagen sollen, versuchte Abubakr seinen Cousin zu retten, rief bei Milizenführern an, bei Offizieren der Armee, kontaktierte Bekannte bei den Islamisten. "Was ratet ihr mir, was soll ich tun?", fragte er immer wieder. Niemand wusste ihm zu helfen. So viele Menschen verschwinden auf den Straßen.

Millionen Barrel verbrennen

Abubakrs Großfamilie musste aus Sirte fliehen, insgesamt 50 Menschen, die jetzt alle hier in Tobruk sind. Er sucht nun eine Wohnung in der ägyptischen Hauptstadt Kairo, weil er für sich in Libyen keine Zukunft mehr sieht. Sein Vorgänger, der für den Sitz im Parlament kandidiert hatte, sei im Wahlkampf von einer Autobombe getötet worden. Die Stadt Sirte wird größtenteils von Islamisten kontrolliert. Abubakr hat das Militär gebeten, Luftangriffe auf seine Heimatstadt zu fliegen. Er hat Pläne von den Lagerhallen am Flughafen gezeichnet, wo die Islamisten eines ihrer Hauptquartiere eingerichtet haben. "Was nutzt uns diese ganze Demokratie?", fragt er. "Sieh dich doch um", er zeigt in das Restaurant hinein: "Was machen wir schon? Wir essen und essen."

Es brauche einen neuen Gaddafi, sagt Abubakr. Gaddafi hätte nie gestürzt werden dürfen. Jetzt hofft er auf General Haftar.

Kurz vor den geplanten Friedensverhandlungen greifen Truppen des Chalifa Haftar die Kämpfer des Westens an der tunesischen Grenze an. Offenbar will Haftar den Gegner zwingen, die Offensive gegen die Ölraffinerie Ras Lanuf abzubrechen. Womöglich will er aber auch die Friedensgespräche sabotieren. Tripolis beschießt wenig später von der See aus die Öltanks in Ras Lanuf. Rußschwarze Wolken steigen von den Erdöllagern auf, Millionen Barrel verbrennen in einem auf Wochen nicht zu löschenden Feuer.

16. Dezember, es ist der Tag, an dem die Gespräche für einen neuen Frieden beginnen sollten, der Tag, an dem das Schicksal Libyens sich zum Besseren wenden sollte. Der Tag verstreicht. Tobruk und Tripolis konnten sich auf keinen Verhandlungsort einigen.

Abubakr Buera, der längst den Krieg für die Lösung hält, und anderen Führern des Parlaments ist nicht anzumerken, dass die womöglich letzte Gelegenheit für den Frieden verstrichen ist. Sie lachen und schütteln Hände. Bei der Plenarsitzung finden die Verhandlungen mit Tripolis keine Erwähnung mehr. Stattdessen diskutieren die Abgeordneten, wer den Posten des Rechnungshof-Direktors bekleiden soll.