"Dieses Parlament wird unser Land zerstören", flüstert die enttäuschte Frauenrechtlerin Seham Sergewa in der Lobby.

"Viele hier wollen den Krieg", klagt ein junger Protokollant im Sekretariat des Parlaments. Er hat mit der Waffe gegen Gaddafi gekämpft. "Die wissen nicht, was Krieg bedeutet", sagt er und schaut mit Abscheu auf die alten Männer in ihren Anzügen. Kaltblütig würden sie über das Leben anderer entscheiden. "Ich weiß, was Krieg ist."

Die Vereinten Nationen drohen an, alle Konfliktparteien, die einen Friedensprozess verhindern, mit Sanktionen zu belegen. Doch beide Seiten sehen sich als wahrscheinliche Sieger eines Bürgerkrieges. Die Milizen des Westens feiern die Eroberung von Tripolis, die Truppen des Ostens die teilweise Wiedereroberung von Bengasi. Analysten gehen davon aus, dass sich die Kräfte beider Seiten erst verbrauchen müssen, bevor sie ernsthaft verhandeln werden.

Am ersten Tag nach dem Verstreichen der Frist für den Frieden liegt Ruhe über den Fluren und Korridoren des Hotels Dar al-Salam. Zweitägige Sitzungspause. Nur das gleichmäßige Summen der Vakuumstaubsauger dringt in das Büro von Fares Labedi. Er setzt an diesem Tag seine zweite Kündigung auf. "Ich sehe mich gezwungen, mein Schreiben vom 9. 12. 2014 mit heutigem Datum zu erneuern." Die Verwaltung habe sich nicht hinreichend bemüht, die Arbeitsbedingungen für das Öffentlichkeitsreferat zu verbessern.

Keine neuen Termine für Sitzung und Friedensgespräche

Knapp zwei Wochen später, am 30. Dezember, explodiert gegen 9.30 Uhr auf dem Hotelparkplatz ein mit Mörsergranaten gefülltes Auto. Es steht direkt vor der Glasfront des Abgeordnetenrestaurants. Fenster bersten, Deckenverkleidungen fallen zu Boden, Wände brechen ein. Ruß steigt über dem Parlament auf. Fares Labedi, der trotz seiner Kündigungen immer noch als Direktor des Pressereferats arbeitet, wird in den Trümmern seines Büros eingeschlossen. Die Türen sind blockiert. Er entkommt über einen Notausgang zur Küche. 18 Menschen werden verletzt, unter ihnen drei Kinder. Wie durch ein Wunder wird niemand getötet. Später stellt sich heraus: Ein 22-jähriger Islamist hat sich mit dem Auto in die Luft gesprengt. Etliche Abgeordnete packen kurz nach dem Anschlag in Panik ihre Koffer und beschließen, ins Ausland zu fliehen.

Bei Redaktionsschluss war nicht absehbar, ob das Parlament wieder zu einer regulären Sitzung zusammenkommen wird. Für Friedensverhandlungen gibt es immer noch keinen neuen Termin.