Als Michael Müller fünf Jahre alt war, ging er beinahe verloren. Der Blondschopf saß allein vor dem Geschäft seiner Großmutter in Berlin. Er hätte warten können, bis seine Mutter ihn abholt. Aber als eine Gruppe Kindergartenkinder an ihm vorbeilief, fand er sie sympathisch, und da schloss Müller sich den Fremden einfach an.

Stundenlang war der Junge verschwunden. Bis die Polizei den Knirps fand und im Streifenwagen zurückbrachte – in die kleine väterliche Druckerei im West-Berliner Stadtteil Tempelhof. Als Jürgen Müller die Anekdote von "Micha" erzählt, lächelt er. Das tut er eigentlich immer, wenn er über sein einziges Kind redet. Wer verstehen will, wie Berlins neuer Regierender Bürgermeister tickt, der ist gut beraten, hierherzukommen.

Müllers Vater – schmal, dicke Brille, dünne Lippen – ist hellwach im Kopf, aber wacklig auf den Beinen. Beim Gehen stützt er sich ab: an Holzschränken voller Bleilettern, an alten Druckmaschinen und an einer Wand, auf der neben einer Comicabbildung von Karl Marx der Satz prangt: "Tut mir leid, Jungs! War halt nur so ’ne Idee von mir ..." Draußen, an der Fassade, bewirbt ein Schild bis heute die "Buchdruckerei Jürgen & Michael Müller". Mutter Margrit betreibt nebenan einen kleinen Fußpflegesalon. Der Sohn unterhält hier sein Wahlkreisbüro. Zwischen lärmenden Maschinen und mit Blick auf einen Hinterhof erlernte Michael Müller das Druck- und auch das Polit-Handwerk.

Er vertraut nicht auf Ideale, sondern auf persönliche Beziehungen

Seit dem 11. Dezember ist der 50-Jährige Chef im Roten Rathaus der Hauptstadt; als Nachfolger des zurückgetretenen Klaus Wowereit. Warum haben Berlins Sozialdemokraten mit großer Mehrheit einen Mann mit dem Charisma einer Büroklammer in dieses Amt gehievt? Einen, der ihnen beim Krönungsparteitag zurief: "Vielleicht wird es in Zukunft ein bisschen langweiliger werden!"?

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT-im-Osten Ausgabe 2 vom 8.1.2015. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

2015, so viel ist klar, wird das Jahr des Michael Müller werden. Schon allein deshalb, weil Berlins Probleme nun plötzlich Müllers Probleme sind: 60 Milliarden Euro Schulden, die höchste Arbeitslosenquote im Land, schlechte Schulen, rasant steigende Mieten. Und obendrein das Milliardengrab des BER-Flughafens, der partout nicht öffnet. Wieso vertrauen laut Umfragen zwei von drei Berlinern dem personifizierten Gegenteil ihres coolen Selbstbilds: schmal, dicke Brille, dünne Lippen?

In gewisser Weise ist Berlins neuer Regierender Bürgermeister bis heute so, wie die väterliche Anekdote ihn beschreibt. Michael Müller hat sein Leben lang die Gemeinschaft gesucht. Er vertraut nicht auf Ideale, sondern auf persönliche Beziehungen. Beides fand Müller in der Berliner SPD. Dort stieg er rasch auf, fiel tief und hat nun ein überraschendes Comeback erlebt.

Die Geschichte Michael Müllers ist die Geschichte zweier Freundschaften. Die eine führte ihn in die Politik, die zweite bis an die Spitze.

Schon als Kindergartenkind sah er zu, wie der Vater einzelne Lettern zu Wörtern setzte, die Wörter zu Todes- und Hochzeitsanzeigen. Das tut Jürgen Müller noch heute. "Wenn Johannes Gutenberg hier reinkäme", sagt er, "könnte der noch immer so arbeiten wie vor 550 Jahren." Er klingt stolz und belustigt von der eigenen Sturheit.