Jeder Dichter hat seine Ahnen, und mag er noch so eng verwoben mit der Gegenwart erscheinen. Auch Michel Houellebecq, der Meisterkritiker unserer welkenden Moderne, verfügt über einen Paten in der Vergangenheit. Spätestens seit seinem Roman Die Plattform (2006) war die Nähe zu Joris-Karl Huysmans, dem klassischen Schriftsteller der französischen Décadence vor hundert Jahren, mit Händen zu greifen. Jetzt ist die Verwandtschaft amtlich. In Houellebecqs neuem, noch vor Erscheinen politisch berüchtigtem Roman Die Unterwerfung offenbart sich die erzählende Hauptfigur als Literaturwissenschaftler an der Sorbonne und Huysmans-Experte, der sogar eigens die heiligen Orte bereist, an denen sich Huysmans zum Katholizismus bekehrte. Indes teilt Houellebecqs Held François zwar den Zivilisationsekel seines Lieblingsdichters, findet aber nicht zum Christentum – sondern zum Islam.

Damit ist das erste Skandalon des Buches benannt. Vor François haben sich schon weitere Professoren der Universität zum Islam bekannt, ist überhaupt die Sorbonne III in eine islamische Hochschule verwandelt worden, hat sich ganz Frankreich im Jahre 2022 einer muslimischen Regierung unterworfen – daher der Titel des Buches, der überdies mit der wörtlichen Übersetzung des Begriffes islam als "Unterwerfung" spielt. (Submission, also "Unterwerfung", hieß auch das legendäre islamkritische Video des niederländischen Künstlers Theo van Gogh, für das er 2004 ermordet wurde.)

Die Unterwerfung Frankreichs in Houellebecqs Roman wurde allerdings keineswegs erzwungen, sondern freudig gesucht. Vom "Zauber" der Unterwerfung schwärmt einer der Vordenker des neuen französischen Kapitulantentums im Buch, es sei "der nie zuvor mit dieser Kraft zum Ausdruck gebrachte grandiose und zugleich einfache Gedanke, dass der Gipfel des menschlichen Glücks in der absoluten Unterwerfung besteht ... Für mich besteht eine Verbindung zwischen der unbedingten Unterwerfung der Frau unter den Mann, wie sie in der Geschichte der O beschrieben wird, und der Unterwerfung des Menschen unter Gott, wie sie der Islam anstrebt."

Frankreich hat sich also abgeschafft – um die vergleichsweise vulgäre Formulierung des deutschen Bestsellers von Thilo Sarrazin zu benutzen. Zumindest die französische Republik mit ihrem laizistischen Kern, ihrer unbedingten religiösen Neutralität und ihren Emanzipationsidealen hat sich abgeschafft, der Schleier beherrscht die Öffentlichkeit, und die Frau sitzt wieder am Herd (was übrigens den Arbeitsmarkt dramatisch entlastet). Houellebecq spielt auf der Klaviatur derselben Überfremdungsängste, die wir in Deutschland von den Sarrazins, von Pegida und AfD kennen, und deshalb ist denn auch der Vorwurf sogleich erhoben worden, er schüre Fremdenhass und Islamophobie.

Doch von solchen Anwandlungen, die er früher sehr wohl pflegte, kann inzwischen keine Rede mehr sein. Bevor in seiner Zukunftssatire eine muslimische Partei die Wahlen entscheidet, hat sich die säkulare westliche Zivilisation schon selbst zersetzt – sie ist an Materialismus, Sexismus, Egoismus, ihrem nur mehr konsumistischen Konkurrenzverhalten zugrunde gegangen. Selbst die intellektuelle Elite der Studenten verlässt die Universitäten mit nichts als dem Drang, "sich zu beweisen, sich einen beneidenswerten Platz in einer Gesellschaft des – wie sie denken und hoffen – Wettbewerbs zu erkämpfen, elektrisiert von der Anbetung austauschbarer Ikonen: Sportler, Modedesigner, Internetkreative, Schauspieler, Models".

Es sind solche Sätze (die hier schon auf der ersten Seite fallen), mit denen Houellebecq abermals sein gnadenloses Talent entfaltet, Wahrheiten unserer Gesellschaft zu benennen, von denen die Medien niemals sprechen und von denen auch die Soziologen nur in vorsichtigsten Umschreibungen reden. Die Menschen, die Houellebecq am Ende der westlichen Zivilisation sieht, verlassen von jeder Moral, Mitmenschlichkeit und jedem höheren seelischen Bedürfnis, sind genau die Menschen, denen Joris-Karl Huysmans hundert Jahre zuvor voraussagte: "Sie werden sich die Därme füllen und die Seele ausleeren durch den Unterleib."

Die Kritik an dem dumpfen Materialismus einer transzendental verarmten Massengesellschaft hat in Frankreich seit Baudelaire Tradition. Für Huysmans wie für Léon Bloy blieb nur der individuelle Rückzug in die Kirche, für Charles Péguy, der im Roman gerührt zitiert wird, bot ein mystischer Patriotismus Zuflucht. Die geistigen Paten des Buches gelten der französischen Linken allesamt als elitäre Reaktionäre, und es ist nun interessant, zu sehen, wie Houellebecq den Vorwurf einer massenfeindlichen Überheblichkeit der Linken wieder entwindet – indem er nämlich seine Hoffnung sehr wohl auf die Massen, wenn auch freilich ganz andere, setzt. Gerade die Übernahme des verrotteten Westens durch muslimische Einwanderer könnte, wie Houellebecq mit genießerischer Verachtung formuliert, die Rettung sein. "Der massive Zustrom von Einwanderern mit einem traditionellen kulturellen Hintergrund, der noch geprägt ist von natürlichen Hierarchien, der Unterwerfung der Frau sowie dem Respekt vor den Alten, wäre eine historische Chance für die moralische und familiäre Wiederaufrüstung Europas, sie würde dem alten Kontinent die Aussicht auf ein goldenes Zeitalter eröffnen."

Das Protestgeheul des von solchen Sätzen zutiefst gekränkten liberalen Milieus kann man sich vorstellen – und auch, dass es von Houellebecq schon bei der Niederschrift als Musik für seine Ohren sehnsüchtig erwartet wurde. Die Vorschau auf eine Rückentwicklung Europas in ein finsteres Mittelalter ist aber nur die eine Pointe des Buches. Es gibt ein zweites, noch böseres Skandalon. Die muslimische Partei kommt nämlich nur an die Macht, weil Sozialisten und die bürgerliche UMP mit ihr koalieren; und zwar weshalb? Weil sie einen gemeinsamen Feind haben, den Front National der Marine Le Pen. Dieser Feind aber, die rechtspopulistische Partei mit Unterstützung der sogenannten "identitären" neofaschistischen Bewegung, hat genau die gleichen autoritären Ziele: die Rückabwicklung der emanzipierten Moderne. Der Unterschied liegt nur in der Frage: ob mit der muslimischen Bevölkerung oder gegen sie?

Und da die gescheiteren Neofaschisten schon wissen, dass man Frankreich nicht gegen die muslimischen Bürger regieren könne, haben sie längst das Lager gewechselt, denn, wie einer von ihnen sagt, "was die Ablehnung von Atheismus und Humanismus anginge, die notwendige Unterwerfung der Frau und die Rückkehr des Patriarchats: Ihr Kampf wäre in jeder Hinsicht derselbe". Mit anderen Worten: Es geht gar nicht um den Islam. Es geht darum, dass die aufgeklärte Demokratie keine Anhänger mehr hat – oder nur noch ein paar versprengte, die sich, wie Houellebecq am Beispiel des universitären Milieus genüsslich ausbreitet, mit vorauseilendem Opportunismus anpassen.

Erzählstoff ist das nicht wirklich; das Buch ist aber auch gar kein Roman, sondern ein Denkexperiment, dem ein bisserl Handlung, Sexleben und Depression des Helden nur zur Tarnung beigegeben wurden, um die Ausrede der Fiktion zu haben – und, wesentlicher noch, der Erzählperspektive etwas Fragwürdiges, Gebrochenes zu verleihen. Denn worauf sollte sich in dem satanischen Zukunftspanorama das letzte Quäntchen Hoffnung des Lesers sonst richten? Doch nur auf den fragwürdigen Charakter des Erzählers, dem vielleicht nicht in allem zu trauen ist.

Die schillernde Glaubwürdigkeit des erzählenden Helden ist ein bekannter Kunstgriff Houellebecqs; niemals weiß man genau, hinter welchen Aussagen der Autor selbst steht und welche nur durch die prekäre Lebenssituation der Romanfigur motiviert sind. Namentlich das halb erloschene Sexleben des unglücklichen François ist im vorliegenden Buch für seine schadenfrohe Perspektive mitverantwortlich – nämlich dass es nicht schade ist um die permissive Gesellschaft des Westens, in der er ohnehin keine Frauen mehr findet. Mit Sarkasmus entfaltet Houellebecq die erotische Verheißung des Islams, der selbst unattraktiven Männern die Aussicht auf eine Vielehe mit minderjährigen Frauen eröffnet.

Die Kampfzone von Politik und Religion ist für den Autor wie eh und je auch eine Kampfzone des Sexus. Mit dem Sieg des Islams wird sie wieder zugunsten des Mannes erobert. Der freudig erleichterte Rückfall einer modernen Gesellschaft ins Patriarchat gehört sicherlich zu den giftigsten Pointen des Romans. Viel Mühe gibt er sich allerdings nicht, sie auch seelisch plausibel zu machen; es herrscht hier wie auch sonst eine gewisse Wurschtigkeit in der Durchführung der leitenden Idee.

Was die Lektüre prickelnd macht, sind nur die systematischen Provokationen – die nicht endende Kette reaktionärer Leckereien, die uns dieser Meisterkoch der politischen Tabuverletzung serviert –, während die literarischen Reize im engeren Sinne karg bleiben. Es ist gewiss kein Zufall, dass der Erzähler seinen geliebten Huysmans niemals wörtlich zitiert, vom einleitenden Motto abgesehen. Der Sprachprunk, die kostbaren Metaphern, funkelnden Analogien des verehrten Vorbildes würden augenblicks die stilistische Armut und vergleichsweise bürokratische Trockenheit Houellebecqs offenbar werden lassen.