Ausgerechnet jetzt, wo die Zeit zittert vor Ungeduld und immer schneller von Augenblick zu Augenblick flattert, hat das berühmte MoMA in New York, das Museum of Modern Art, kurzerhand das Ende der Kunstgeschichte ausgerufen. Wurde dort bislang stets vom Wechsel der Stile berichtet, von permanenter Innovation und Neuerung, so setzt nun eine gewichtige Ausstellung auf ungewohnten Stillstand. Die Kunst sei, so erklärt es die Kuratorin Laura Hoptman, in eine Epoche der Zeitlosigkeit eingetreten, vor allem dank der digitalen Revolution. Die Künstler von heute schwämmen in einer elektronisch vermittelten Bilderflut, das ewige Jetzt von Höhlenmalereien, Leonardo da Vinci, Caspar David Friedrich und Sigmar Polke gleich unter dem Kinn, den flachen Horizont im Blick. Insgesamt 17 Maler – acht Männer, neun Frauen, davon drei aus Deutschland – hat das MoMA in seinen ungastlichen Räumen versammelt, und alle ringen sie nicht länger mit der Übernahme historischer Vorbilder. Vielmehr haben sie sich eine "Promiskuität der Stile" zu eigen gemacht, so Hoptman, die in der Sampling-, Remix- und Mash-up-Kultur der Musik und Mode längst selbstverständlich ist.

So begegnet der Ausstellungsbesucher zu Anfang den kruden Glyphen von Joe Bradley, deren paläolithische Ahnen ihm das Internet zuspielte, wie vielleicht auch die Piktogramme eines Adolph Gottlieb (dessen Bilder leibhaftig im MoMA vertreten sind). Gleich nebenan zeigt Hoptman die versprengten Kompositionen von Michaela Eichenwald, um damit zu belegen, dass sich die zeitgenössische Malerei dank ihrer vielfältigen Bezüge zur Vergangenheit nicht mehr datieren lässt. In unmittelbarer Nähe illustrieren die mit dem Besenstiel gravierten, aus einem pechschwarzen Amalgam von afrikanischer Seife und Wachs gespachtelten Leinwände von Rashid Johnson und die eleganten Bilder von Kerstin Brätsch die neue Vielgestaltigkeit.

Gleichzeitigkeit war zwar auch schon ein Wesensmerkmal der Postmoderne, doch für Hoptman hat die Kunst von heute mit den damaligen Ideen nur noch wenig zu tun. Denn nicht spielerischer Unernst oder die Lust an der Übertretung treibt die Künstler. Vielmehr ist ihnen die "Atemporalität" – ein von dem Science-Fiction-Autor William Gibson geprägter Begriff – quasi zur zweiten Natur geworden. Ohne Schuld, ohne Reue eignen sie sich sämtliche ästhetischen Äußerungen der Menschheit an, geborgen "aus den körperlosen Bytes der Information". Die Piraterie, mit der ein Künstler wie Richard Prince seit Jahrzehnten den Originalitätsgedanken infrage stellt, wirkt da vergleichsweise kühn, romantisch und auch altmodisch.

"Uns steht alles, was wir wollen, zur Verfügung, wir benutzen, was da ist, ohne uns darüber Gedanken zu machen", zitiert der Katalog den kolumbianischen Künstler Oscar Murillo, dessen Leinwände oft ein roh genähtes, aber nach mondrianscher Ordnung strukturiertes Patchwork zeigen. Neun von ihnen liegen wie Lumpen auf dem Boden, die Besucher sind gehalten, sie anzufassen, sie zu betasten, und eine Museumswächterin breitet den steifen Stoff mit der respektvollen Haltung einer Verkäuferin in der Bettwäscheabteilung von Bloomingdale’s aus. Für einen Moment fungieren Murillos Gemälde als soziale Skulptur, und das fast chronische Gefühl eines Déjà-vu, das sich bei so viel Eklektizismus einstellt, weicht der Neugierde.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT No 2 vom 8.1.2015.

Auch sonst hat diese Ausstellung erstaunlich virtuose, vielschichtige und verführerische Bildschönheiten zu bieten. Tatsächlich enthalten diese oft von der Leuchtkraft des Computerbildschirms infizierten Werke Fetzen von Frankenthaler, Spritzer von Pollock, Schnipsel von Picasso, Gesten von de Kooning und sogar den Schmelz von Monet – Hoptman spricht von "Reanimation" und sieht die Künstler des dritten Jahrtausends als elektronisch ausgerüstete Nachkommen von Doktor Frankenstein: Sie "plündern die Daten aus zeitlosen Gräbern und stückeln aus Einzelteilen Bilder zusammen".

Nicht immer gelingt es jedoch, ihnen eine Seele einzuhauchen: Matt Connors’ aus drei monumentalen, monochromen Leinwänden konstruiertes Bild mit dem Titel What is the Third Question? ist ein cleveres Spiel mit Barnett Newmans legendärer Leinwand Who’s Afraid of Red, Yellow and Blue von 1970. Vor Connors’ malerischem Kommentar zum "belasteten Erbe der utopischen Moderne" – so Hoptman, und das im Tempel derselben! – fürchtet sich gewiss niemand, und überhaupt ist in dieser vage vertrauten Landschaft am Rande der Abstraktion nicht viel von der Wucht und der Passion der nonchalant adaptierten Originale verblieben.

Die Malerei ist in den letzten Jahrzehnten mindestens ebenso viele Tode gestorben wie die Zombies, mit denen Hoptman die antiken Versatzstücke, aus denen die Kunst des jungen Jahrtausends entsteht, vergleicht. Die Kuratorin selbst spricht von der "veralteten Dinghaftigkeit" des Genres. Dennoch hat das MoMA seine Bildersammlung in den letzten Jahren systematisch erweitert, und Amy Sillman – mit knapp 60 die Veteranin unter den ausgestellten Künstlern – fragt ungehalten, was es mit dem viel beschworenen "Problem der Malerei" denn eigentlich auf sich habe. Oft schon hat sie bis zu hundert Bilder unterschiedlichster Provenienz in einer Art umgekehrtem archäologischem Prozess in ihren Arbeiten verborgen. Trotz ihres prädigitalen Hintergrunds fügt sich Sillman nahtlos in die vermeintlich so heterogene Gruppe ein. Die elastische Gegenwart, der Laura Hoptman so dringend Ewigkeit verleihen möchte, hat jetzt schon eine historisch identifizierbare Form gefunden: Forever – for now. Dieses Fürimmer kann schon morgen vorbei sein.

"The Forever Now: Contemporary Painting in an Atemporal World" läuft im MoMA bis zum 5. April