Oliver Stone einen Regisseur zu nennen wäre untertrieben. Der Amerikaner ist der Erfinder eines Genres, nennen wir es den realitätsanknüpfenden politischen Grusel. In JFK fragte er seine Landsleute, ob sie wirklich wüssten, wer die Vereinigten Staaten regiere – der Präsident oder der militärisch-industrielle Komplex, und der Vietnamkriegsfilm Platoon ist ein Epos über den Horror des Soldatseins für eine Großmacht, die an Hybris leidet.

Stones Filme sind mächtig, denn sie erzählen Geschichten über die Geschichte, die durch ihre Prägekraft selbst zur Historie werden. Im besten Fall erzeugen sie ein mulmiges Gefühl, das zur Selbstprüfung zwingt. Mit seinem nächsten Filmvorhaben allerdings kippt der Meister des Politgrusels in ein neues, überhaupt nicht zu bewunderndes Genre: das der zeitgeschichtlichen Fantasy.

Der Film soll von Wladimir Putin handeln, genauer vom Kampf um die Ukraine, wie Stone jetzt auf seiner Facebook-Seite darlegt. "Der Westen vertritt das Narrativ 'Russland in der Ukraine' ", schreibt der Oscarpreisträger dort, "während das wahre Narrativ lautet 'die USA in der Ukraine'. Was wir erleben, ist wieder einmal eine Perversion der Geschichte."

Das "wahre Narrativ" (wer hatte gerade noch etwas gegen Hybris?) geht nach Stone so: "Die Vereinigten Staaten haben die Ukraine als Startrampe in den Unterbauch der Sowjetunion, jetzt eines reduzierten Russlands, nie aufgegeben. Diese Kalter-Krieg-2.0-Politik setzt sich gerade in absolut tödlicher Weise fort, und ob sie es weiß oder nicht, hat die ukrainische Bevölkerung immens unter diesem ideologischen Kreuzzug zu leiden." Kurzum: Ihr armen Ukrainer seid Opfer nicht einer russischen Aggression, sondern eines amerikanischen Imperialismus, der so weit ging, euren rechtmäßigen Präsidenten Viktor Janukowitsch aus dem Amt zu putschen. Zum Beweis für seine These zählt Stone die Namen jener auf, die offenbar als Verkörperung der Infiltration gelten: "Victoria Nuland, John McCain, USAID, National Endowment for Democracy (die sich offensichtlich sehr gut auf Facebook und Twitter organisieren)".

Ob Stone es wahrhaben will oder nicht, die meisten Ukrainer leiden im Moment darunter, dass nicht etwa US-Truppen in ihr Staatsgebiet einmarschiert sind, sondern russische. Und den ideologischen Kreuzzug, den der Kreml führt, bemerkt Stone deshalb nicht, weil er ihm wohl selbst zum Opfer gefallen ist: Wer wie Stone von einem "reduzierten Russland" redet, stellt sich die Ukraine noch immer als Teil von Moskaus legitimem Einflussbereich vor.

In Verlängerung des geschichtlichen Arguments, Kiew sei der Gründungsort des späteren russischen Reiches und die Ukraine deshalb so etwas wie ein abspenstig gemachtes Familienmitglied, könnte die Mongolei heute den größten Teil des russischen Staatsgebietes zurückfordern. Einen Historisierungsfehler begehen hierzulande auch jene, die glauben, wegen der deutschen Weltkriegsverbrechen an Russland müsse man Putins Politik der Kränkung mit Nachsicht begegnen. Nein, am schlimmsten unter der Wehrmacht gelitten haben die Ukrainer, nur dass sie keiner Ukrainer nannte. Es ist für die Maidan-Revolutionäre hart genug, dass ein Teil Europas sie noch immer nicht als europäische Bewegung begreifen will.

Aber was Stone jetzt über sie verbreitet, ist nach Tausenden von Toten als Beleidigung schwer zu überbieten: Ihr seid noch immer nicht selbstbestimmt, sondern fremdgesteuert, euer Kampf ist nicht eurer, sondern eine Operation der CIA – weswegen Putins Gegenwehr doch ganz verständlich ist.

Die These vom "Putsch" gegen Viktor Janukowitsch hat die New York Times übrigens kürzlich mit einer eindrucksvollen Recherche entkräftet. Nach dem Massaker vom 20. Februar 2014 an rund hundert Demonstranten auf dem Maidan, so das Ergebnis, seien Polizisten und Elitesoldaten zu Hunderten von Janukowitsch abgefallen. Das Übergangsabkommen mit der EU sei daraufhin nichts mehr wert gewesen, weil der Präsident seine Macht bereits verloren habe.

Dieses Detail müsste Stone noch passend machen. Aber das wird sicher kein Problem für den neuen Meister des absurden Kinos.

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