Eine Computeranimation zeigt das Olympiastadion auf dem geplanten Olympiagelände auf dem Kleinen Grasbrook im Hafen von Hamburg. © Computeranimation: Gerkan, Marg und Partner (gmp), Büro Gärtner und Christ/dpa

DIE ZEIT: Herr Grewe, Hamburg will sich um die Olympischen Spiele 2024 oder 2028 bewerben. Ist das nicht eine verrückte Idee, bei den zum Teil absurden Auflagen des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) und den geringen Chancen für eine deutsche Stadt?

Klaus Grewe: Nein. Das IOC hat einen Reformprozess begonnen, der gerade deutsche und europäische Städte favorisiert. Es geht nicht mehr nur um höher, schneller, weiter. Es geht darum, dass die Städte ein nachhaltiges Konzept für die Zeit nach den Spielen vorlegen. Dann reden wir nicht von Olympischen Spielen, dann reden wir von Stadtentwicklung.

ZEIT: Hamburg kann sich doch auch ohne Olympia weiterentwickeln.

Grewe: Natürlich. Aber Olympische Spiele können die Stadtentwicklung beschleunigen, weil Sie plötzlich ein Datum haben, an dem alles fertig sein muss. Sie kriegen Geld von außen, das Sie sonst nicht bekommen würden. Wenn Sie eine U-Bahn ausbauen wollen und Bundesmittel beantragen, dauert das – sagen wir – 15 Jahre. Wenn Sie die U-Bahn mit Olympischen Spielen verbinden, dauert es drei bis fünf Jahre. Olympische Spiele sind einfach eine wunderbare Beschleunigung.

ZEIT: Sie waren der Koordinator der Spiele in London 2012. Wie teuer war der Spaß?

Grewe: Die Spiele selbst haben 2,4 Milliarden Pfund gekostet, das kam unter anderem durch Eintritt und Sponsoren komplett wieder rein. Für die ganze Infrastruktur hat London von Anfang an mit 9 Milliarden Pfund geplant. Davon waren 6,3 Milliarden Basiskosten und 2,7 Milliarden Rückstellungen und Risikokosten. Am Ende haben wir 8,1 Milliarden ausgegeben, also weniger als geplant. Drei Viertel des Geldes wurden ausschließlich für die Stadtentwicklung nach den Spielen ausgegeben.

ZEIT: Die Spiele in London gelten als Vorbild.

Grewe: Ja, aber jede Stadt ist anders, besonders was die Kosten für die Infrastruktur betrifft. In London war die Summe gerechtfertigt, aber im Vergleich mit anderen Städten war sie sehr hoch, weil viel aufgebaut wurde. Wir haben von Anfang an größten Wert auf das gelegt, was die Engländer legacy nennen. Das heißt so etwas wie "Das, was bleibt", das Erbe. Der heutige Olympische Park war ja ein schlecht genutztes Industriegebiet, das den Londoner Osten zerschnitt und das wir erst wieder in einen Zustand bringen mussten, der es den Menschen ermöglicht, dort heute zu leben.

ZEIT: Was kann Hamburg von London lernen?

Grewe: Hamburg hat schon viel gelernt. Die legacy von Hamburg ist ja der lang geplante und allgemein gewünschte Sprung über die Elbe. Der könnte durch Olympia gelingen.

Dieser Artikel stammt aus dem Hamburg-Teil der aktuellen ZEIT. Sie finden die Hamburg-Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

ZEIT: Den Sprung über die Elbe versucht die Stadt seit Jahrzehnten – und zwar erfolglos.

Grewe: Das kann ich nicht beurteilen. Aber Olympia ist ein Katalysator. Mit Olympia kann man auch den Bund überzeugen und einen großen stadtplanerischen Entwurf konzentriert finanzieren.

ZEIT: In Deutschland bewerben sich Hamburg und Berlin. Wer hat das bessere Konzept?

Grewe: Ich sehe Hamburg im Vorteil gegenüber Berlin, weil das Hamburger Konzept wirklich stimmig ist: Es gibt eine Idee, die Stadt zu einer Stadt zu machen, dabei kann Olympia helfen. Der ganze Süden kann endlich angebunden werden, es wird neuer Wohnraum geschaffen, Arbeitsplätze entstehen. Berlin hat dagegen den Vorteil, dass es schon ein Olympiastadion hat.

ZEIT: Was halten Sie von der Berliner Bewerbung?

Grewe: In Berlin haben sie sich weit aus dem Fenster gelehnt, dort spricht man schon heute vom Gesamtbudget der Spiele, einem Betrag, den auch Experten zum jetzigen Planungsstand noch gar nicht ermitteln können. Das Berliner Konzept ist zudem sehr dezentral, die Sportstätten liegen weit auseinander. Das kann gerade bei den Anforderungen, die an die Sicherheit jeder einzelnen Anlage gestellt werden, viel Geld kosten. Das muss alles erfasst, geplant und dann berechnet werden. Ich bin mir nicht sicher, ob Berlin schon so weit ist. Das alles erinnert ein wenig an die Anfänge eines aktuellen Berliner Großprojekts.

ZEIT: Könnte das in Hamburg nicht auch passieren, in der Stadt der Elbphilharmonie?

Grewe: Meines Wissens hat Hamburg dieses Projekt in den Griff bekommen. Außerdem geht Hamburg bei Olympia einen anderen, hanseatischen Weg. Die Stadt sagt: Wir setzen uns hin und fangen an, detailliert in Ruhe zu analysieren und zu rechnen. Es wird Workshops geben, bei denen man fragt: Wo sind die großen Herausforderungen, was sind die Risiken? Wo kann man in der Planung sparen?

ZEIT: Was sind das für Herausforderungen?

Grewe: Das Olympia-Stadion zu bauen ist meist das einfachste. Aber der Baugrund, die Versorgungsleitungen – da steckt der Teufel drin. Wenn Sie in Ostfriesland ein Denkmal bauen wollen, dann kostet das Denkmal 10.000 Euro und die Baumaßnahmen kosten 50.000. Wenn Sie das gleiche Denkmal in einer Stadt bauen, müssen Sie vielleicht Leitungen umlegen, von denen Sie gar nicht wissen, dass sie existieren. Dann kostet das Denkmal immer noch 10.000 Euro, die Baumaßnahmen sind aber weit teurer als in Ostfriesland. Um Kosten zu sparen, muss detailliert geplant werden. Manchmal stellt man dabei fest, dass es viel Geld spart, wenn man eine Sportstätte einfach woanders plant.

ZEIT: So eine Planung kostet Millionen. Innensenator Michael Neumann sagt in jeder Rede, dass die Bewerbung die Stadt kaum etwas koste. Das ist doch ein Widerspruch.

Grewe: Nein, die richtige Planung beginnt erst, wenn der Deutsche Olympische Sportbund Hamburg den Zuschlag gibt und die Bürger mit einer Olympiabewerbung einverstanden sind.

ZEIT: Wenn die Hamburger abstimmen, wollen sie wissen, wie viel die Spiele kosten. Das Problem ist doch: Niemand kann eine Zahl nennen, solange die Spiele nicht im Detail geplant sind.

Grewe: Ja, das stimmt, das ist ein großes Dilemma. Wenn der Bürger früh abstimmt, haben Sie keine Zahl. Aber dann müssen Sie transparent Wege aufzeigen, wie Sie den Bürger in die Planung miteinbeziehen wollen, wie Sie planen, wie Sie Kosten ermitteln wollen.