DIE ZEIT: In dieser Woche erwarten Meteorologen erneut einen schweren Sturm. Sind die häufigen Extreme Zufall – oder bereits Folge des Klimawandels?

Hans von Storch: Stürme sind eine Laune des Wetters, insofern ist ihr Auftreten Zufall. Wir sehen keine Intensivierung der Sturmtätigkeit in unseren Breiten, und unsere Klimamodelle lassen das auch gar nicht erwarten.

ZEIT: Was macht Sie da so sicher?

Von Storch: Wir haben den Sturm Christian vom Oktober 2013 untersucht und uns angesehen, inwieweit so ein Wintersturm ungewöhnlich ist. Wir haben herausgefunden, dass Stürme wie Christian früher schon vorgekommen sind. Sie sind seit 1950 auch nicht systematisch häufiger oder stärker geworden. Insofern meinen wir, dass sich Christian im Rahmen der normalen Variabilität bewegt hat. Solche Stürme kommen nicht oft vor, aber wenn sie vorkommen, führen sie zu ordentlichen Schäden. Das ist quasi das normale Geschäft.

ZEIT: Das hörte sich bei früheren Orkanen wie Kyrill im Jahr 2007 anders an. Viele Experten hielten das Ereignis für eine spürbare Auswirkung des Klimawandels. War das voreilig oder falsch?

Von Storch: Ich erinnere das nicht. Aber Kyrill wurde natürlich in unserer Analyse berücksichtigt.

ZEIT: Wie kann man überhaupt Stürme vergleichen?

Von Storch: Man kann Tiefdruckgebiete nach dem Kerndruck im Zentrum und nach dem stärksten Wind innerhalb eines gewissen Radius vergleichen. Bei unseren Untersuchungen stellte sich heraus: Ja, solche Stürme wie Christian hat’s schon gegeben – selten zwar, aber ja.

ZEIT: Lange hieß es, man könne einzelne Wetterereignisse nicht dem Klimawandel zuschreiben. Jetzt haben Sie ein Einzelphänomen untersucht. Ist das ein Novum?

Von Storch: Wir wollten feststellen, inwiefern Christian außergewöhnlich war. Dazu haben wir verfügbare Daten seit den fünfziger Jahren gesammelt, in ein Klimamodell übertragen und unter der Maßgabe der zeitlichen Vergleichbarkeit rekonstruiert. Eine Art Reanalyse. Solche Methoden haben weltweit auch andere Klimaforscher bei anderen Extremereignissen angewandt – mit unterschiedlichen Ergebnissen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT No 2 vom 8.1.2015.

ZEIT: Wie sahen diese Unterschiede aus?

Von Storch: Zur Erklärung des Jahrhunderthochwassers in Mitteleuropa Anfang Juni 2013 beispielsweise ist der menschengemachte Klimawandel nicht nötig. Aber das gilt nicht für alle Extremereignisse: Die jüngste Dürre in Kalifornien ist durchaus ein Hinweis darauf, wie der Mensch das Klima beeinflusst.

ZEIT: Was hat Sie denn dazu bewegt, einzelne Extremereignisse zu untersuchen?

Von Storch: Erstens ist es akademische Neugier. Zweitens ist es auch so, dass von der Öffentlichkeit immer wieder nachgefragt wird: Könnt ihr nicht etwas darüber sagen, dass ebendiese Ereignisse jetzt häufiger sind als früher ...

ZEIT: Wie lautet in so einem Fall Ihre Antwort?

Von Storch: Man kann schon Aussagen treffen, indem man sich eine breite Palette von Simulationen ansieht, die mit und ohne erhöhte Treibhausgaskonzentrationen durchgerechnet werden. So lässt sich das eine vom anderen trennen. Die Einschätzung hängt natürlich davon ab, ob die Modelle das Auftreten von solchen Ereignissen unter veränderten CO₂-Konzentrationen richtig darstellen. Man kann da natürlich seine Restzweifel haben.