Von Angelina Jolie heißt es, sie habe nie den Ehrgeiz gehabt, einmal ein Bond-Girl zu spielen. Ihr Ziel sei es immer gewesen, James Bond zu sein. Wenn man alle ihre Lebensrollen zusammen nimmt, muss man sagen: Näher ist wohl keine Frau dem Ziel gekommen, eine Superheldin zu werden. Newsweek schrieb, sie sei der große Star der Post-9/11-Epoche: Amerika ist einerseits politisiert, andererseits aber des Trostes durch Glamour bedürftig. Jolie fühlt sich für beides zuständig. Sie ist die gute Amerikanerin, die hinausgeht in die Welt, um die Not zu lindern. Aber sie ist auch die berühmteste Unterhaltungskünstlerin der Gegenwart.

Zwischen den Welten, in denen sie verkehrt, jener des Glamours und jener der wohltätigen Privatdiplomatie, stellt sie Verbindungen her. Sie bringt das Boulevardmagazin People dazu, 14,1 Millionen Dollar für die Bilder ihrer neugeborenen Zwillinge zu zahlen, und verteilt das Geld dann an Bedürftige. Man presst ein System aus und versorgt ein anderes. Die Heimstätten der Umverteilerin sind so luxuriös, dass man ahnt: Der Prozess ernährt sie ganz gut (ein Haus in Los Angeles, ein Château in Frankreich, ansonsten Schlösser in den Lüften: Privatflugzeuge).

In New York hatte Angelina Jolie einst Unterricht am Lee-Strasberg-Institut, das ist jene Schule, in der man als Schauspieler lernt, sich restlos in die Figur zu verwandeln, die man spielt. Also: Man muss mit verdursten, wenn man einen Verdurstenden spielt. Das hat sich Angelina Jolie zu Herzen genommen. Als sie einmal eine homosexuelle Frau spielte, so geht die Mär, war es ihr unmöglich, im realen Leben ihrem damaligen Ehemann auch nur nahezukommen. Und so scheint sie aus allen Rollen, die sie je spielte, ein paar Fetzen mit ins reale Leben gerissen zu haben.

Seit einigen Jahren ist Angelina Jolie nicht nur eine berühmte Schauspielerin. Sie hat sich alle möglichen anderen Bühnen erobert, und sie hat demonstrativ die Autorenschaft für ihr eigenes Leben übernommen: als Filmregisseurin, Große Mutter, Visionärin, Wohltäterin, Diplomatin. Und sie spielt alle diese Rollen mit Hingabe.

So erlebt man, wenn sie einen neuen Film vorstellt, nicht eine Filmpremiere mit angeschlossener PR-Zeremonie, sondern eigentlich: eine Etappe auf dem Weg zu einer besseren Welt. Wenn man ihr gegenübersitzt und sie über den von ihr inszenierten Film Unbroken sprechen hört, der jetzt in die Kinos kommt, geht es allem Anschein nach nicht um die Vermarktung eines Produktes. Nein: Eine Wohltäterin kleidet ihre Botschaft in eine Geschichte, damit wir sie besser verstehen.

Hinter Unbroken steckt die reale Erfahrung des amerikanischen Olympiateilnehmers und Langstreckenläufers Louie Zamperini (1917 bis 2014), der im Zweiten Weltkrieg den Luftkrieg, den Absturz seines Flugzeuges, eine 47-tägige Odyssee im Rettungsschlauchboot auf hoher See und jahrelangen Terror im japanischen Gefangenenlager überlebt hat. Unbroken zeigt Louie als einen Mann, der Folter, Demütigungen, Niederlagen erträgt, ohne aufzugeben und ohne aufzubegehren. Ein üblicher amerikanischer Filmheld würde fliehen, einen Aufstand anzetteln oder willentlich in seinen Untergang rennen. Man wartet, während man Jolies Film sieht, immerzu darauf, dass Louie einen dieser Wege geht – er tut es nicht. Jolie unterläuft die Mechanismen des männlichen Stolzes, die man so kennt: Schlag zurück, auch wenn’s dein Leben kostet. Louie schlägt aber nie zurück. Er erduldet sogar eine lange Szene, die an eine Kreuzigung erinnert. Louie siegt, indem er vergibt.

Angelina Jolie sagt, sie habe zeigen wollen, wie aus einem Jungen ein Mann wird. "Ich weiß nicht, wie er das alles überstanden hat. Es gibt offenbar eine Kraft in uns allen, die uns Stärke gibt." Es helfe, sagt sie dann in ihrer schnellen, dringlichen Sprechweise, "if we come from a good place" – also, frei übersetzt: wenn man uns dort, von wo wir kommen, die richtigen Werte vorgelebt hat. Es helfe auch, "to get our mind straight" – also: dass wir uns um die Reinheit unseres Geistes bemühen. Man muss Jolies zentrale Interviewbegriffe eigentlich im Original zitieren; sie sind ein wenig zu groß für eine deutsche Übersetzung. Dedication, redemption, forgiveness, spirit.

Und: "Extraordinary things" könnten wir alle leisten, wenn wir nur unserer inneren Kraft vertrauten, und sie hoffe, alle jungen Männer, die an diesem Film beteiligt waren, seien in der Lage, to connect to the best in themselves. Kurzum: Sie wünsche sich, dass dieser Film jedem, der mit ihm in Berührung kommt, dabei helfe, seinem eigenen guten Kern näherzukommen.

Das ist kein kleines Ziel. Aber bei ihr selbst hat es funktioniert: "Die Lebensgeschichte Louies half mir dabei, mir in Erinnerung zu rufen, warum wir hier sind. Worum es eigentlich geht: um Vergebung, um die Macht des menschlichen Geistes." Louies Beispiel habe sie verändert: "It helped me to be better", es habe ihr geholfen, besser zu sein.

Es gehe ihr darum, sagt Jolie dann, etwas herzustellen, das nicht bloß Unterhaltung, Zerstreuung und Aggression bedeute. Filme sollten dazu da sein, uns mit Wesentlichem zu erfüllen, "something that makes us want to be better". Deshalb, so merkt sie an, habe sie Unbroken auch in den amerikanischen Weihnachtsferien auf den Markt gebracht.