Vor einer Woche sind in Paris zwölf Menschen ermordet worden, nur weil sie ihr Recht auf freie Meinungsäußerung in Anspruch nahmen. Zwei Menschen sind ermordet worden, nur weil sie Polizisten waren, gewöhnliche Streifenpolizisten, die ihren Dienst taten. Einen Tag später sind vier Menschen ermordet worden, nur weil sie – der Attentäter hat es selbst am Telefon wörtlich so erklärt – Juden waren. Das geschah mitten in Europa, im Zentrum der französischen Hauptstadt, unweit der Bastille, wo die Bürger 1789 auf die Barrikaden gingen, damit nicht mehr ein einzelner Despot, sondern Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit herrschen. Diese Revolution war es, die am Anfang auch unserer Freiheit steht.

Es hat Jahre, Jahrzehnte, ja fast zwei Jahrhunderte gedauert – Europa, ja Frankreich selbst ist Umwege und fürchterliche Irrwege gegangen –, bis endlich die Menschen ungeachtet ihres Geschlechts, ihrer Herkunft, ihrer Religion, ihrer sexuellen Orientierung die gleichen Rechte – nein, ich will nicht sagen: die gleichen Rechte genießen, denn verwirklicht ist Europa noch nicht, aber doch die gleichen Rechte beanspruchen und für sie eintreten können. Allein, Freiheit und Gleichheit sind noch nicht das ganze Erbe der Französischen Revolution. Die letzten Tage haben uns daran erinnert, dass wir bei allen politischen Rechten und gesetzlichen Regeln immer auch das Moment der Brüderlichkeit im Blick haben müssen, der Empathie, des Einstehens für den Schwächeren, der Gastfreundschaft gegenüber dem Fremden, der Solidarität mit dem Verfolgten. Das war der entscheidende zivilisatorische Durchbruch, der 1789 sicher noch nicht gelungen, aber doch begonnen wurde, die Übertragung des biblischen Gebotes der Nächstenliebe auf die gesellschaftliche Wirklichkeit: nicht wir Franzosen und wir Deutschen, nicht wir Weißen über den Schwarzen, nicht wir Einheimischen über den Fremden, nicht die Männer über den Frauen, nicht wir Adligen und wir Bürger, nicht wir Kapitalisten und wir Arbeiter, nicht wir Christen, wir Juden und wir Muslime, nicht wir Europäer, wir Asiaten und wir Afrikaner – nein, wir Menschen.

Die Islamisten machen den Islam zu einer Karikatur seiner selbst

Die Terroristen wollen einen Keil zwischen uns treiben, sie wollen uns in eine Entscheidung zwingen, ob wir Europäer oder Araber sind, Westler oder Orientalen, Gläubige oder Ungläubige. Nach dem 11. September 2001 war ihnen das fast schon gelungen, als der Terror mit Kriegen beantwortet wurde, mit Folter, mit der Aushöhlung des Rechtsstaats. Die unweigerliche Folge waren noch mehr Gewalt und Gegengewalt, noch mehr Feindbilder und noch mehr Hass, noch mehr Anschläge und Hunderttausende weitere Tote. Heute muss die Antwort auf den Terror eine andere, eine im besten Sinne aufklärerische sein: Nicht weniger, sondern mehr Freiheit! Nicht Ausgrenzung, sondern gerade jetzt Gleichheit! Und vor allem: Nicht Feindschaft, sondern Brüderlichkeit!

Und tatsächlich: Wir haben die Bilder der letzten Woche gesehen, die Bilder der Kundgebungen in Paris und Berlin, in Madrid und in London, sogar in Beirut und in Hebron, wir haben eine weltweite Trauer und eine weltweite Solidarität erlebt. Die große, die überwältigende Mehrheit der Menschen hat über alle Grenzen der Konfession, Nation und Ethnie hinweg das Gemeinsame über das Trennende gestellt. Nein, wir Europäer sind nicht alle einer Meinung. Ja, wir haben unsere Konflikte, Unterschiede und Gegensätze. Und zugegeben: Nicht alle möchten wir über Witze lachen, die zulasten einer Minderheit gehen, ob nun Juden in Deutschland, Muslime in Frankreich oder sagen wir Christen im Iran. Vielleicht fühlen sich manche von uns auch von den Karikaturen verletzt, die in Charlie Hebdo erschienen. Aber wir sind uns einig – wir waren uns niemals einiger als in diesen Tagen –, dass wir diese Konflikte, Unterschiede und Gegensätze auf unserem Kontinent nie mehr mit Gewalt austragen wollen.


Und so sehe ich auch auf diesen Kölner Platz, der einmal einer der dunkelsten Orte unsrer Stadt war, vor den Türen des EL-DE-Hauses, einst Dienststelle der Gestapo und Inbegriff eines nationalistischen Schreckensregimes, und ja, ich freue mich, ich freue mich unbändig, denn ich sehe so viele zusammenstehen, egal, welcher Religion, Partei, Gewerkschaft sie auch angehören, egal, welcher Herkunft, welcher Hautfarbe, welchen Geschlechts. Ich sehe uns alle gemeinsam und entschlossen im Gedenken an die Opfer von Paris vereinigt. Gemeinsam bekunden wir unsere Trauer, gemeinsam bekunden wir unseren Abscheu, gemeinsam bekunden wir unser Mitgefühl mit den Angehörigen der Opfer – aber entschlossen wehren wir uns auch gegen diejenigen, die den Mord an siebzehn unschuldigen Menschen missbrauchen, um gegen eine einzelne Bevölkerungsgruppe zu hetzen. Wir wehren uns gegen diejenigen, die sich als Retter des Abendlandes aufspielen, aber alles verraten, was an diesem Abendland liebens- und lebenswert ist. Wir wehren uns gegen diejenigen, die wegen ein paar Karikaturen wüten und nicht sehen, dass sie dabei selbst den Islam zur Karikatur seiner selbst machen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT No 3 vom 15.1.2015.

Wir wehren uns, ja – und wir hätten uns schon viel früher wehren müssen. Denn die letzte Woche hat uns alle daran erinnert, dass Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit weder selbstverständlich noch kostenlos sind, dass wir immer wieder neu für sie eintreten, für sie kämpfen und sie notfalls sogar mit unserem Leben verteidigen müssen. Der Kampf gegen Unfreiheit und Gewalt findet nicht nur in Kobani oder Aleppo statt, nicht nur am 11. September 2001 in New York oder am 7. Januar 2015 in Paris. Wir müssen für die Ideale der Gerechtigkeit und der Toleranz jeden Tag eintreten, im Alltag, am Arbeitsplatz oder in der Schule, in den Parteien, Gewerkschaften oder religiösen Gemeinden, und auch – das schätzen viele von uns leider zu gering – an den Wahlurnen, ganz besonders bei der gemeinsamen europäischen Wahl. Die letzte Woche hat uns daran erinnert, dass Europa zwischen Nationalisten hier und religiösen Extremisten dort zerrieben werden könnte, deren Hass sich gegenseitig hochschaukelt. Sie hat uns an die Konflikte und Kriege erinnert, die nicht in vergangenen Zeiten oder auf fernen Kontinenten, sondern direkt vor der europäischen Haustür stattfinden. Nur zwei, drei Flugstunden entfernt, sterben dort jeden Tag Dutzende, Hunderte Menschen, und wenn sie nicht von Kugeln oder Bomben zerfetzt werden, dann sterben sie auf der Flucht, ertrinken im Mittelmeer, jeden Tag Dutzende, Hunderte Menschen.

Wir sollten uns nicht heraushalten und können es auch gar nicht, denn egal, was im Nahen Osten geschieht, es wird uns betreffen, unsere Sicherheit, unseren Wohlstand und auch unseren gesellschaftlichen Frieden. Wir haben dort über Jahrzehnte die blutigsten Diktaturen unterstützt und uns sogar direkt am Sturz demokratischer, säkularer Regierungen beteiligt. Wir sahen ziemlich tatenlos zu, wie den Palästinensern Siedlung um Siedlung ihr Land und ihre Zukunft geraubt wurde. Vor allem aber haben wir – ja, ich sage wir, obwohl die meisten von uns 2003 gegen den Irakkrieg protestiert haben, aber der Krieg wurde nun einmal von der führenden westlichen Nation, im Namen der westlichen Wertegemeinschaft und auch von deutschen Flughäfen aus geführt –, vor allem haben wir Gesetzlosigkeit und Gewalt über ein ganzes Land gebracht, als wir behaupteten oder vielleicht tatsächlich glaubten, den Irak zu befreien.

Reißt die Fratze ab, die das Gesicht unserer Religion entstellt

Die Anschläge von Paris sind nicht zuletzt eine Folge dieses Krieges, der dem Terrornetzwerk Al-Kaida in unmittelbarer Nachbarschaft Europas ein Aufmarschgebiet bescherte, auf das Osama bin Laden in seinen kühnsten Träumen nicht gehofft hätte. Und sie sind zugleich Folge unseres Versagens in Syrien, wo wir friedliche Demonstranten nicht unterstützt haben, die von einem brutalen Regime niedergemetzelt und zum Teil vergast wurden, wo wir tatenlos oder vielleicht sogar aus perfidem Kalkül zusahen, wie unsere eigenen, engsten Verbündeten, Saudi-Arabien und andere Golfstaaten, die Dschihadisten finanzierten und hochrüsteten, auch den sogenannten "Islamischen Staat", auf den sich die Attentäter beriefen.

Ich sage das nicht, um von der Verantwortung der Muslime selbst abzulenken, schließlich sind Saudi-Arabien und die Golfstaaten ja auch muslimische Länder und ebenso all die Diktaturen, die in der islamischen Welt herrschen. Ich sage das, um darauf hinzuweisen, dass Terror nicht im luftleeren Raum entsteht, sondern einen sozialen, politischen und geistigen Nährboden hat. Wer den Terror besiegen will, der braucht Polizei, Geheimdienste, Justiz, ja. Manche von uns, die wie ich mit der Friedensbewegung groß geworden sind, haben lange, zu lange gebraucht, um auch die Notwendigkeit eines Sicherheitsapparates einzusehen – und den Mut unsrer Soldaten und Polizisten anzuerkennen. Und doch werden wir den Terror nur besiegen, wenn wir ihm den Boden entziehen. Dass hier diejenigen in besonderer Verantwortung stehen, in deren Namen die Gewalt verübt wird, liegt in der Natur der Sache. Als im Namen Deutschlands Krieg und Vernichtung über die halbe Welt gebracht wurden, war es auch und gerade an den deutschen Exilanten, die selbst gegen die Nazis gekämpft hatten, das bessere und andere Deutschland zu erklären.

Ich möchte an dieser Stelle ein Wort speziell an die Muslime richten, an meine Geschwister im Glauben. Es reicht nicht, zu sagen, dass die Gewalt nichts mit dem Islam zu tun habe. In dem Augenblick, da sich Terroristen auf den Islam berufen, hat der Terror auch etwas mit dem Islam zu tun. Wir müssen die Auseinandersetzung mit der Lehre suchen, die heute weltweit Menschen gegeneinander aufhetzt und Andersgläubige ermordet oder erniedrigt. Dschihadisten haben in den vergangenen Monaten Hunderttausende Christen, Jesiden und überhaupt alle Andersdenkenden vertrieben, vergewaltigt, ermordet. Sie haben in Pakistan erst vor ein paar Wochen eine Schule überfallen und 141 Menschen erschossen, die allermeisten von ihnen Kinder. Und am selben Tag, da Dschihadisten in Paris die Redaktion von Charlie Hebdo überfielen, haben Dschihadisten in Nigeria ein Dorf dem Erdboden gleichgemacht und viele Hundert, wenn nicht zweitausend Zivilisten massakriert – im Namen des Islams. Und ob diese Dorfbewohner Muslime waren oder Christen, das interessiert mich überhaupt nicht, das will ich hier nicht einmal erwähnen – es waren Menschen, friedliche, wehrlose Menschen, auch sie unsre Brüder und Schwestern.

Der Islam hat immer wieder Wellen der Gewalt erlebt, es gab den Sturm der Mongolen, und es gab den Sturm der Kreuzfahrer. Aber diese Gewalt und diese Barbarei, sie kommen aus unserer eigenen Mitte, für sie ist weder der Mossad noch die CIA zuständig. Es liegt an uns, an jedem Einzelnen, die Fratze abzureißen, die das Gesicht unserer Religion entstellt. Es ist unsere Verantwortung und unsere Aufgabe, dafür zu sorgen, dass man mit dem Islam nicht mehr Terror und Gewalt, sondern wieder Freiheit und Gerechtigkeit verbindet, nicht mehr Unterdrückung und Strafe, sondern Humor und Kultur. Vor allem aber liegt es an uns, dem höchsten Gebot des Islams, der Barmherzigkeit, wieder Geltung zu verschaffen. "Wahrlich, erhebst du auch deine Hand gegen mich, um mich totzuschlagen, so erhebe ich doch nicht meine Hand gegen dich, um dich zu erschlagen" – das werden heute die meisten für die Bergpredigt halten, ist aber doch unser eigener Koran, Sure 5,28.

Lasst uns jederzeit wieder auf die Barrikaden gehen!

Schaut nicht weg, wenn eure Kinder, Geschwister oder Freunde von einem auf den anderen Tag den Koran hochhalten, den es nur streng wörtlich auszulegen gelte, und sich als Moralapostel aufführen, die alles besser zu wissen glauben, diskutiert mit ihnen, weist sie hin auf die tausendvierhundertjährige Tradition islamischer Gelehrsamkeit, beginnend mit dem Propheten selbst, der den Koran niemals nur wörtlich verstand und stets mehr als nur eine einzige Auslegung akzeptierte. Sagt ihnen, dass die Nachfolge des Propheten nicht darin besteht, eine bestimmte Kleidung oder einen bestimmten Bart zu tragen, sondern von der Vernunft Gebrauch zu machen, das Wissen selbst in den fernsten Ländern zu suchen und Werke der Mildtätigkeit zu tun. Macht ihnen klar, dass Dschihad nach allen maßgeblichen Deutungstraditionen des Islams nur ein genau umrissener und zeitlich begrenzter Verteidigungskampf sein kann und nie und niemals die Ermordung wehrloser Menschen gestattet. Erinnert sie daran, dass der eigentliche Dschihad keineswegs der Kampf gegen Ungläubige ist, sondern der Kampf des Gläubigen mit sich selbst. Ignoriert in euren Moscheen und Schulen und Familien nicht die Verse, die im Koran selbst zur Gewalt aufzurufen scheinen, sondern sprecht sie offen an, diskutiert sie und bettet sie in ihren historischen Kontext ein. Schreitet ein, wenn verächtlich über Andersgläubige gesprochen wird und zumal, wie es unter unseren Jugendlichen immer häufiger geschieht, über Juden. "Der Mensch ist entweder ein Bruder im Glauben oder ein Bruder in der Menschlichkeit." Das sagte im 7. Jahrhundert Ali ibn Abi Talib, der als vierter Kalif und zugleich erster Imam wie kein anderer Nachfolger des Propheten Sunniten und Schiiten verbindet. Das, genau das, ist aber auch zugleich der humane Kern, der den morgen- und abendländischen Religionen gemeinsam ist und in der Französischen Revolution als Gleichheitsgebot säkularisiert wurde.

Lasst uns, egal, ob gläubig oder nicht, schwarz oder weiß, heimisch oder fremd, lasst uns jederzeit wieder auf die Barrikaden gehen, um unsre Freiheit, unsre Gleichheit und eben auch unsere Brüderlichkeit zu demonstrieren. Die siebzehn Menschen, die in Paris als Journalisten, als Polizisten, als Juden ermordet wurden, sind in unserem Gedächtnis und unseren Gebeten als Menschen lebendig. Sie sind Zeugen dafür, dass der Kampf weitergeht, der 1789 in Paris seinen Ausgang nahm: Alle Menschen werden Brüder.