Immer zu Jahresbeginn schlägt Knud Bielefelds große Stunde. Dann ist er gefragt, dann rufen ihn Zeitungsredaktionen und Radiosender aus ganz Deutschland an und wollen wissen: Welche Vornamen waren im abgelaufenen Jahr die beliebtesten, die Eltern ihren neugeborenen Kindern gegeben haben? Tagsüber arbeitet der 47-Jährige als Wirtschaftsinformatiker bei einer Bank in Hamburg, abends ist er der Herr über die deutschen Namensstatistiken. Dann geht Bielefeld in den ersten Stock seines Eigenheims in Ahrensburg, wo er mit Frau und Sohn Erik lebt. In seinem Büro schaltet er den Rechner an und vertieft sich in seine Excel-Tabellen.

Das ganze Jahr über trägt er Daten und Namen zusammen. Von den rund 680.000 Babys, die jedes Jahr in Deutschland geboren werden, sagt er, habe er 180.000 in seiner Datenbank gespeichert; die seien repräsentativ für alle Geburten. Die Informationen holt er sich von einem Dutzend Standesämtern, deren Daten frei zugänglich sind; dazu wertet Bielefeld im Internet die Babygalerien von rund 300 Geburtskliniken aus. Dopplungen sortiere er aus, versichert er.

Es ist die Ernte von fast 20 Jahren Arbeit. 1996 ging Knud Bielefeld mit seiner Homepage online. Google gab es damals noch nicht. Ganz überrascht sei er gewesen, erzählt er, als er bei den ersten Klickmessungen festgestellt habe, wie stark die Nachfrage nach seinen Namenrankings sei. Inzwischen besuchen an jedem Tag 25.000 Menschen www.beliebte-vornamen.de.

Nicht nur die beliebtesten aktuellen Namen kann man bei Bielefeld nachlesen, seine Rankings gehen zurück bis ins Jahr 1890. Auch regionale Namenslisten führt er. So erfährt der Besucher, dass die Hamburger ihren Neugeborenen zum Teil andere Vornamen geben als der Rest der Republik, auch andere als die Schleswig-Holsteiner und die Niedersachsen.

Der beliebteste Jungenvorname in Hamburg war laut Bielefeld im Jahr 2014 Henri oder Henry, gefolgt von Jonas und Luis beziehungsweise Louis. Bei den Mädchen stand Emma auf Platz eins, es folgten Emilia und Hannah/Hanna. In Schleswig-Holstein und in Niedersachsen steht bei den Jungen dagegen Finn ganz oben (oder Fynn), ein nordischer Name, der es in Hamburg nur auf Platz sieben geschafft hat.

In ganz Deutschland waren 2014 am beliebtesten: Ben, Luis/Louis und Paul sowie Emma, Mia und Hannah/Hanna. Das Auffälligste an dem Ranking ist für Bielefeld Emmas Siegeszug, in Hamburg wie in ganz Deutschland. Emma hat jetzt Mia abgelöst, die seit 2009 an der Spitze gestanden hatte. Emma ist ein rund hundert Jahre alter Name, ebenso wie Paul, Sophie, Oskar oder Martha – allesamt Namen, die in den letzten Jahren auf der Hitliste nach oben geklettert sind.

Mit Deutungen hält Bielefeld sich zurück. So will er nicht behaupten, dass die Renaissance der Urgroßeltern-Namen für eine gesellschaftliche Entwicklung steht. Das sei kein neues Phänomen, sagt er, auch in früheren Epochen seien alte Namen nach hundert Jahren wieder modern geworden. Auffällig ist aber schon, dass dies heute mit dem Trend zum beschaulichen Leben einhergeht, der sich im Erfolg von Zeitschriften wie Landlust zeigt oder der Ladenkette Manufactum, die mit dem Slogan wirbt: "Es gibt sie noch, die guten Dinge".

Ein anderer Trend ist laut Bielefeld die Orientierung an Prominentennamen. Das kann schwierig werden, wenn die Prominenten sich ganz besonders kreativ zeigen wie Christina Aguilera, die ihre Tochter Summer Rain nannte – Sommerregen. Vor einem deutschen Standesamt hätte es ein solcher Name schwer. Vor allem ganz junge Eltern, oftmals solche aus den unteren Schichten, sagt Bielefeld, seien es, die sich an Filmstars oder anderen Prominenten orientierten.

Im Trend: Orientierung an Prominentennamen


Manche Eltern ziehen für ihre Wunschnamen sogar vor Gericht, oft mit Erfolg. So erlaubte das Schleswig-Holsteinische Oberlandesgericht einem Elternpaar, ihr Kind Emilie-Extra zu nennen – mit der Begründung, das Erziehungsrecht enthalte auch das Recht zur Namenserfindung. Einzige Einschränkung allerdings: Das Kind dürfe mit dem Namen nicht herabgewürdigt werden. Dies hatte das Standesamt im Fall von Emilie-Extra angenommen. Der Name, hatten die Beamten argumentiert, mache das Mädchen lächerlich.

Erlaubt sind nach höchstrichterlichem Urteil mittlerweile beispielsweise auch die Vornamen Sundance, Mikado, Jazz, Birkenfeld, Mienaatchi. Untersagt wurden in letzter Instanz: Simona, TomTom, Pfefferminze, Borussia, Mechipchamueh.

Vergeblich sucht man auf Bielefelds Listen Vornamen wie Mohammed, Ali, Ayse oder Leila. Dabei steht Mohammed in England auf Platz eins der häufigsten Vornamen. Dass es hier bei ihm kein muslimischer Vorname unter die 50 vorderen Plätze geschafft hat, erklärt Bielefeld mit dem kulturellen Hintergrund der Muslime in Deutschland. Diese kämen überwiegend aus der Türkei, dort spiele der Name Mohammed keine so große Rolle, weil die Türken aus einem größeren Namensreservoir schöpften als die Menschen anderer muslimischer Länder. Muslime in England stammten vor allem aus Indien, Pakistan oder Bangladesh; in diesen Ländern sei Mohammed viel verbreiteter.

Von der Wissenschaft werden Bielefelds Listen kritisch gesehen. Die Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS) hält ihm vor, nicht wissenschaftlich zu arbeiten. Die GfdS gibt selbst jedes Jahr eine Liste der beliebtesten Vornamen heraus – nur viel später als Bielefeld. Die amtlichen Sprachpfleger erhielten die Daten von allen Standesämtern in Deutschland, deshalb dauere die Auswertung länger, sagt die Sprachforscherin Frauke Rüdebusch von der GfdS. Ihr Ranking für 2014 ist noch nicht fertig. Dafür, sagt sie, seien ihre Aussagen zuverlässiger. Nur stoßen die GfdS-Listen, wenn sie im März oder April herauskommen, auf viel geringeres Interesse als die Bielefeld-Listen.

Bemerkenswert auch, dass sich die GfdS- und Bielefeld-Rankings in den letzten Jahren deutlich voneinander unterschieden. Da standen sich beispielsweise bei den Mädchen auf den ersten drei Plätzen gegenüber: Mia, Emma, Hannah (Bielefeld) und Sophie, Marie und Sophia (GfdS).

Bielefelds Ranking ist vor allem deshalb interessant, weil er es mit Geschichten und Anekdoten anreichert. So erfährt man etwa, dass der Vorname Adolf erst 1951 verschwand. Zuvor, in den späten vierziger Jahren, war seine Popularität sogar wieder leicht gestiegen. Taten sich die Deutschen schwer, sich von ihrem großen Führer zu lösen? Oder hatte es andere Gründe? Ein anonymer Adolf schreibt dazu, er sei nach seinem Onkel Adolf benannt worden, der im Krieg gefallen sei. Kein Einzelfall, darf man annehmen.

Dass Vornamen für ein gesellschaftliches Phänomen stünden und zum Stigma werden könnten, komme immer wieder vor, sagt Bielefeld. Auf keinen Namen treffe das so sehr zu wie auf Kevin. Als Kevin zum ersten Mal in der Vornamen-Hitparade auftauchte, war er positiv besetzt, ein Prominentenname, zum Beispiel durch Kevin Keegan. Der englische Fußballstürmer, der von 1977 bis 1980 beim Hamburger SV spielte und später als Popstar die Hitparaden eroberte, machte den Jungennamen populär.

Die Beliebtheit steigerte sich weiter durch Kevin – allein zu Haus, den Kinohit von 1990, ebenso durch Kevin Costner und seinen Erfolgsfilm Der mit dem Wolf tanzt, der kurz darauf herauskam. 1981 hatte Kevin noch auf Platz 65 in der Vornamen-Hitliste gelegen, 1991 führte er sie an.

Weitere zehn Jahre später war das Image Kevins ins komplette Gegenteil gekippt. Damals bewegte das Schicksal des kleinen Kevin aus Bremen das ganze Land. Der zweieinhalbjährige Junge war von seinem drogenabhängigen Ziehvater zu Tode misshandelt worden, Kevins Leiche hatte er im Kühlschrank abgelegt. Seitdem, sagt Bielefeld, stehe der Name Kevin für asozial und ungebildet.

Und vor einiger Zeit erregte die Masterarbeit einer Lehramtsstudentin an der Universität Oldenburg Aufsehen. Sie hatte Vorurteile von Grundschullehrern gegen bestimmte Vornamen untersucht. Heraus kam, dass Lehrer Schüler, die Sophie oder Alexander heißen, prinzipiell für leistungsstärker halten als eine Chantal oder einen Dennis. Ganz unten steht Kevin. Kevins gelten bei Lehrern per se als verhaltensauffällig und leistungsschwach, ergab die Untersuchung. Eine Lehrerin wird mit den Worten zitiert: "Kevin ist kein Name, sondern eine Diagnose."

Ehrgeizige Eltern, die ihren Kindern Erfolg wünschen, sollten daher in Bielefelds Ranking der "Aufsteiger"-Namen schauen. Dazu zählen zurzeit bei den Jungen Elias, Mats oder Emil, bei den Mädchen Mila, Mira und Emma.

Die beliebtesten Mädchennamen in Hamburg, 2014

1. Emma
2. Emilia
3. Hannah/Hanna
4. Clara/Klara
5. Charlotte
6. Sophia/Sofia
7. Luisa/Louisa
8. Amelie
9. Ida
10. Anna
11. Leni
12. Mila
13. Ella
14. Mia
15. Frieda/Frida
16. Greta
17. Lara
18. Johanna
19. Lea/Leah
20. Lilli/Lilly
21. Sophie/Sofie
22. Emily/Emilie
23. Marie
24. Lena
25. Maja/Maya

Die beliebtesten Jungennamen in Hamburg, 2014

1. Henri/Henry
2. Jonas
3. Luis/Louis
4. Jacob/Jakob
5. Paul
6. Ben
7. Finn/Fynn
8. Mats/Mads
9. Emil
10. Moritz
11. Niclas/Niklas
12. Elias
13. Maximilian
14. Lucas/Lukas
15. Noah
16. Oskar/Oscar
17. Mika
18. Luca/Luka
19. Felix
20. Carl/Karl
21. Jonathan
22. Liam
23. Tom
24. Anton
25. Max