Porträts, denen die Augen ausgestochen werden. Skulpturen mit abgeschlagenem Kopf. Selbst kostbarste Zeichnungen, zu Fetzen zerrissen. Und immer ist es Zerstörung aus Angst, einer Angst vor Bildern, die so lebendig, so machtvoll scheinen, dass sie unbedingt ausgelöscht werden müssen. Bis heute ist die Geschichte der Malerei, der Fotografie, der Karikatur auch eine Geschichte ihrer Vernichtung. So blutig aber wie jetzt in Paris war sie noch nie.

Wie kann es sein, dass der eine zum Bleistift greift und ein anderer daraufhin die Waffe zieht? Was ist so gefährlich an ein paar rasch hingeworfenen Karikaturen, dass Menschen dafür sterben müssen? Worin gründet die Gewalt der Bilder?

Um mit einer schlichten Antwort zu beginnen: Jeder, der ein Foto seiner Liebsten zerschneidet, zerschneidet nicht nur ein Stück Papier. Wenn die Schere das Gesicht zerteilt, dann blutet niemand, und niemand schreit auf, und doch ist es ein seltsamer Vorgang, rabiat, erschreckend vielleicht. Denn im Bild ist etwas Abwesendes anwesend. Im Bild kommt dem Menschen etwas entgegen, das sehr fernliegen kann. Nur deshalb trägt ein Vater das Foto seiner Kinder in der Brieftasche mit sich herum: Er will nicht das Bild, er will die Kinder immer dabeihaben. Das Bild schenkt Nähe. Das Bild verleiht aber auch Macht.

Lesen Sie dazu "Mut ist schnell gesagt" von Giovanni di Lorenzo und das Titelthemas "Wofür wir kämpfen müssen" in der ZEIT No 3 vom 15.1.2015.

Vor dieser Macht fürchten sich manche Urvölker, weil sie meinen, dass mit dem Klick der Kamera ein Teil ihrer selbst davongetragen und fremdbestimmt werden könnte. Es fürchten sich ebenso Prominente, die nicht abgelichtet, nicht "abgeschossen" werden wollen und ihr Recht am eigenen Bild geltend machen, um der Fremdbeherrschung durch Fotografen und Medien zu entgehen. Umgekehrt wissen viele Mächtige die Macht der Bilder sehr zu schätzen. Sie inszenieren ihre Bedeutung, sie illustrieren ihren Einfluss. Manchmal, wie am Sonntag in Paris, demonstrieren sie im Bild ihren Zusammenhalt. Und weil das so ist, werden neuerdings regelrechte Bilderkriege geführt. Die Redaktionsräume in Paris waren das bislang letzte Schlachtfeld.