Ein Rabbiner, dessen Sohn sich hat taufen lassen, schluchzt bitterlich. Plötzlich hört er die Stimme Gottes: "Warum weinst du?" Der Rabbiner: "Weil ich mich furchtbar schäme. Mein einziger Sohn hat seinen Glauben verworfen und ist zum Christentum übergetreten." Gott: "Was, deiner auch?"

Seit Jahrhunderten machen Juden die besten Witze über ihren eigenen Gott. Darin ist alles enthalten, was Gotteslästerung so charmant und für eine freie Gesellschaft unverzichtbar macht: zuerst die Distanz zum eigenen Glauben. Hier drückt sie sich in der komischen Ähnlichkeit zwischen dem geplagten Rabbiner und dem geplagten Herrn aus. Nicht nur der Mensch, auch sein Schöpfer hat Probleme mit dem Nachwuchs. Beide Söhne sind vom Glauben abgefallen, also Apostaten. Darauf steht nach dem Tanach, der jüdischen Bibel, die Steinigung. Für die verwandte Sünde der Blasphemie, also Gotteslästerung, verfügt das 3. Buch Mose: "Wer den Namen des Herrn schmäht, wird mit dem Tod bestraft; die ganze Gemeinde soll ihn steinigen."

Trotzdem lachen wir. Warum? Wir wissen, dass unter Juden ewig niemand wegen Blasphemie gesteinigt wurde, allenfalls in dem Film Das Leben des Brian. Wir wissen aber auch, von der Heiligen Schrift bis zum freien Glauben ist ein weiter Weg. Der Witz kürzt diesen Weg ab. Er befreit und entlastet uns vom Tabu. Dass die jüdischen Witzeerzähler das Lästern Gottes zur Kunst veredelt haben, ist nicht nur Ausweis von Unbotmäßigkeit, Freiheitsliebe, Mut und Intelligenz, sondern auch von Selbstironie – der friedfertigsten Form des Humors.

In unserem Beispiel gilt sie der weinerlichen Frömmigkeit des Rabbiners. Gegen seine Klage über die Apostasie erhebt der Witzeerzähler den Einwand: Aber selbst Jesus, der Sohn Gottes, war Apostat! Der komische Trick besteht in der Psychologisierung des göttlichen Verhaltens: Der Rabbiner in seiner Verzweiflung findet keinen Trost bei diesem lakonischen Gott. Kurios ist auch Vermischung von Jüdischem und Christlichem sowie der Unsinn, dass Jesus sozusagen gegen den Willen seines Vaters Mensch geworden sein soll – damit werden die neutestamentliche Dreieinigkeit und der Jahwe des Alten Testaments zugleich verspottet.

Blasphemischer geht es nicht. Lustvoller auch nicht. Die "Lustwirkung", wie Sigmund Freud es nannte, besteht bei der Blasphemie ja darin, dass sie Autoritäten untergräbt und kulturelle Verbote übertritt. Die Lust selbst entspringt aber weniger der nach außen gerichteten Attacke als der Überwindung eines inneren Widerstandes. Blasphemische Karikaturen sind dann lustig, wenn sie uns auf geistreiche Weise von Denkzwängen befreien und unsere Lust am Widerspruch befriedigen. Nicht jede Blasphemie ist lustig, manche ist ausgesprochen dumm und ordinär. Blasphemiker wie Martin Kippenberger mit seinem gekreuzigten Frosch wollen nur provozieren, nicht aber scherzen. Wer wirklich lachen machen und auch wer selbst lachen will, braucht etwas von der Tugend jüdischer Witzeerzähler: Selbstdistanz, Selbstzweifel – und Selbstbewusstsein gegenüber Autoritäten.

Bei Charlie Hebdo hatten sie besonders wenig Respekt vor allerhöchsten Autoritäten, am wenigsten vielleicht vor Allah, den sie tapfer verspotteten – eben weil hier Tapferkeit nötig war. Während Christen etwa in Deutschland einfach die Titanic nicht kauften, wenn ihnen eine Papstsatire missfiel, und allenfalls der Vatikan mal Klage erhob, bedrohten Islamisten mehrfach Charlie Hebdo . Sie wollten ihren Gott, ihre Wahrheit nicht anzweifeln lassen. Darauf konnten die Satiriker nur mit neuem Spott reagieren. Denn Paris liegt in Europa, und die Europäer mussten mehrere Totalitarismen unter größten Opfern überwinden – christlichen Fanatismus, Jakobinismus, Faschismus, Stalinismus –, dass die meisten hier keine Lust mehr haben, sich einem abermaligen Wahrheitswahn zu unterwerfen. Sie wollen Freiheit zur Religion – und von Religion.

Ist das nun erlaubt? Freiheit, Gemeinheit und auch mal saublöder Humor? Kaum waren in Paris die Zeichner erschossen worden, regte sich schon Kritik an ihren Karikaturen: Waren die nicht doch ein bisschen zu böse? Zu gottlos? Imame sagten Sätze wie: "Diese Morde sind ein Angriff auf unsere Religion, genauso wie Mohammed-Karikaturen." Moscheebesucher sagten: "Wer die Gefühle von uns Muslimen verletzt, der ist im Unrecht und muss sich nicht wundern." Und der Terrorscheich Harith al-Nadhari im Jemen ließ per Twitter verlauten: "Wie können wir diejenigen nicht bekämpfen, die unseren Propheten kränken?"

Einerseits Satire, andererseits Mord. Nicht nur Terroristen finden, dies seien vergleichbare Verbrechen. So weigerten sich französische Schulkinder, an der landesweiten Gedenkminute für die erschossenen Zeichner teilzunehmen, mit der Begründung: Charlie Hebdo habe Mohammed beleidigt. Das ist der voraufklärerische Wahn, der offenbar auch heute mitten in Europa gelehrt wird. Merke: Blasphemie ist eine vorhersehbare Ursache tödlicher Attacken. Ergo: Die Zeichner hätten sich zurückhalten sollen. Ergo: Vielleicht sollten wir uns alle etwas zurückhalten mit Blasphemie? Genau nach dieser feigen Logik hat das Leipziger Ordnungsamt am Montag ein Karikaturenverbot verhängt: "Das Zeigen sogenannter Mohammed-Karikaturen sowie anderer den Islam oder andere Religionen beschimpfender ... Plakate, Transparente, Banner ... wird untersagt." Das Verbot wurde nach Protesten des Journalistenverbandes eilig zurückgenommen. Aber die Frage bleibt: Was heißt "beschimpfen"? Und welche Blasphemie ist erlaubt?

Ganz einfach: Blasphemie gibt es nicht halb. Wenn nur "beleidigende" Blasphemie verboten wäre, fände sich stets ein Beleidigter. Und wenn Blasphemie generell verboten wäre, dürfte man keinen Gott mehr leugnen. Denn Gotteslästerer ist jeder, der nicht an den einzig wahren Gott glaubt. Wer ist der wahre? Um dem Wahrheitsfanatismus Einhalt zu gebieten, haben Aufklärer des Glaubens einst die Toleranz erfunden, also die Unterscheidung zwischen dem eigenen Wahrheitsanspruch und dem anderer – der zu respektieren ist, insofern auch er die andere Wahrheit zulässt.

Darf man Gott beleidigen? Ja, weil er sich nicht beleidigen lässt. Das heute entscheidende Argument stammt von dem jüdischen Philosophen Baruch de Spinoza: Gott ist so groß, so vollkommen, dass er nichts tun kann, was seiner Vollkommenheit widerspricht. Spinoza wollte damit die Theodizee-Debatte beenden und sagen, dass die Übel der Welt nicht von Gott kämen. Sein Argument greift aber auch in der Blasphemie-Frage: Gott ist zu groß, um übelnehmerisch zu sein. Übel nehmen nur Menschen – dagegen aber kann man nicht mit Blasphemie-Verboten vorgehen, wie der Rest eines entsprechenden deutschen Paragrafen zeigt. Er besagt, Gotteslästerung sei strafbar, wenn sie den öffentlichen Frieden störe. Auf die Pariser Satiriker angewendet hieße das: Sie haben durch ihre blasphemischen Scherze den öffentlichen Frieden gestört und einen Mordanschlag verursacht. Folglich müsste man sie für ihre Ermordung belangen.

Der Paragraf ist also absurd. Dennoch fordern einzelne Christen und Muslime jetzt ein verschärftes Blasphemie-Verbot. Charlie Hebdo antwortet darauf in der einzig vernünftigen Art: mit Blasphemie. Auf dem Titelblatt sehen wir einen weinenden Propheten, der ein Plakat trägt: "Je suis Charlie!" Das ist eine Lästerung in den Augen der Fundamentalisten und ein versöhnlicher Scherz für all jene aufgeklärten Muslime, die keinen Terrorpropheten brauchen. Einige von ihnen drehen Fernsehsatiren gegen den "Islamischen Staat". Es ist eine besonders mutige und schützenswerte Form von Blasphemie.