"Frau Schwartau, wann sind Sie geboren?" "Am 20. Juni 1962, aber fragen Sie mich nicht nach der Uhrzeit. Meine Eltern waren so geschockt, als sie mich das erste Mal gesehen haben, dass sie die Uhrzeit vergessen haben."

Christiane Schwartau sitzt in ihrem Wohnzimmer in Finkenwerder, sie trägt einen grauen Kurzhaarschnitt. Dort, wo normalerweise die Arme beginnen, schauen aus umgenähten Blusenärmeln Hände hervor. Drei Finger links, drei Finger rechts.

Christiane Schwartau spricht laut und schnell. Die Geburt eines Kindes, sagt sie, sollte doch zu den schönsten Momenten eines Elternlebens gehören, oder?

"Geben Sie das Baby in ein Kinderheim. Belasten Sie sich nicht mit einem behinderten Kind", habe der Arzt zu ihrer Mutter gesagt.

Monate vor der Geburt hatte Christiane Schwartaus Mutter über Schlafprobleme geklagt. Zur Linderung empfahl der Arzt eine Tablette Thalidomid.

Der Handelsname von Thalidomid: Contergan.

Nicht nur ihre Arme, auch Schwartaus Hüfte war fehlgebildet, weil ihre Mutter Contergan nahm. Deshalb fixierte man Christiane Schwartau, als sie wenige Wochen alt war, die Beine: ein Jahr Spreizgips von der Leiste bis zu den Knöcheln. Erst mit drei Jahren lernte sie laufen. Das Heranwachsen wurde ihr Feind. Mit jedem Wachstumsschub verschoben sich Knochen. Unzählige Operationen folgten.

Eine Leidensgeschichte, die Christiane Schwartau fast erspart geblieben wäre. Nur wenige Wochen nachdem ihre Mutter schwanger geworden war, nahm man Contergan vom Markt. Von 1957 bis Ende November 1961 war es als Schlaf- und Beruhigungsmittel rezeptfrei erhältlich. Im Juni 1962 wurde Christiane Schwartau geboren. "Man hat nicht immer Glück im Leben", sagt Schwartau. Sie ist eines der letzten Opfer des größten Medikamentenskandals der Bundesrepublik.

Was bedeutet es, ohne Arme zu leben?

Christiane Schwartau trägt ihre Handtasche mit den Zähnen, Reißverschlüsse schließt sie mit den Lippen, beim Schreiben hält sie den Stift mit dem Mund oder mit den Füßen. Beim Einkaufen hat sie Probleme, Etiketten und Preisschilder zu lesen, weil sie dafür ihre Lesebrille aufsetzen müsste. Wenn sie ein Glas Wasser trinken möchte, beugt sie den Oberkörper nach vorne, dreht ihn ein, kippt die Schulter zum Tisch, bis die Hände das Glas erreichen. Alltägliche Verrichtungen, die Mühe kosten und Schmerzen bereiten. Seit über fünfzig Jahren.

Was macht das mit einem Körper? Mit den Gelenken? Mit den Zähnen? Mit den Sehnen und Muskeln?

Die Opfer des Conterganskandals werden langsam alt. 2.500 der etwa 7.000 Opfer in Deutschland leben laut dem Bundesverband Contergangeschädigter noch. Sie sind jetzt zwischen 53 und 57 Jahre alt. In Zeiten der modernen Medizin gilt ein Patient dieses Alters als "jung". Die Körper der Contergangeschädigten aber gleichen denen viel älterer Menschen. Eigentlich sind sie schon zwanzig Jahre älter.