Im Regal steht eine kleine Skulptur. Sie stellt einen Mann dar, der eine steil in die Luft ragende Dolchspitze hinaufläuft: einen blade runner, einen, der auf Messers Schneide geht. Der Mann könnte Hans-Ludwig Kröber sein, einer in unmöglicher Mission, auf dem Weg in die Seele des Verbrechers. Einem Weg, auf dem er sich nicht verlaufen darf. Es war schon immer ein mühsamer Weg, doch jetzt ist er für Kröber noch steiler geworden.

Der forensische Psychiater Hans-Ludwig Kröber, der als einer der ganz Großen seines Fachs gilt, steht in jüngster Zeit im Feuer der Kritik. Er wird öffentlich attackiert. Die wütendsten Angriffe reitet der prominente Hamburger Strafverteidiger Gerhard Strate in seinem neuen Buch Der Fall Mollath, in dem er den Sachverständigen Kröber als Gefälligkeitsgutachter vorstellt, dessen Arbeitsergebnisse sich "mit den mutmaßlichen Wünschen seiner Auftraggeber decken", als einen, der "bedenkenlos seine eigenen Standards über Bord wirft". In Strates Kielwasser schwimmen diverse Medien, allen voran der Spiegel, die nun die öffentliche Demontage des Sachverständigen betreiben.

Dresden im Oktober. In einem lichtdurchfluteten Saal des Landgerichts lässt sich beobachten, wie solche Kritik in den Arbeitsalltag von Hans-Ludwig Kröber eindringt. Hier findet der Prozess gegen Detlev G. statt, einen ehemaligen Kriminalbeamten. Er wird beschuldigt, einen Mann erdrosselt und zerstückelt zu haben. Die Tat soll er zuvor in einem Video mit den Worten angekündigt haben: "Ja, hallo. Morgen ist großes Schlachtfest hier."

Sein Verteidiger Endrik Wilhelm will Kröber als Sachverständigen ablehnen, "wegen der Besorgnis der Befangenheit". Genüsslich trägt er vor, sein Mandant "kann nicht" mit Kröber reden, schließlich habe er "in mindestens zwei Verfahren Justizirrtümer herbeigeführt". Wilhelm meint die beiden Fälle Ulvi Kulaç und Gustl Mollath, Namen, die in Deutschland Rechtsgeschichte geschrieben haben. Ulvi, ein geistig zurückgebliebener Mann, war 2004 wegen Mordes an der neunjährigen Peggy zu lebenslanger Freiheitsstrafe verurteilt und zehn Jahre später in einem spektakulären Wiederaufnahmeverfahren freigesprochen worden. Der 2014 freigesprochene Mollath war nach einer absurden Gerichtsverhandlung für siebeneinhalb Jahre in der Psychiatrie verschwunden und wurde danach zum Märtyrer eines kaputten Justiz- und Psychiatriesystems stilisiert.

An beiden Fällen hat Kröber als Gutachter mitgewirkt. Das – offenbar – falsche Geständnis des Ulvi Kulaç hielt er zunächst für glaubhaft, den Psychiatriepatienten Mollath für gefährlich. Beide Fälle waren sehr viel komplizierter, als es nun in der öffentlichen Wahrnehmung erscheint – aber hängen bleibt der Eindruck: Kröber lag falsch. Und ein Kriminalpsychiater, der daneben greift, steht im Sturm.

Das macht sich in Dresden der Verteidiger Wilhelm nun zunutze. Kröber traue sich Fähigkeiten zu, die er nicht besitze, und erledige seine Arbeit "nicht frei vom Druck der Öffentlichkeit", sagt er. Das Gericht beeindruckt er damit nicht, der Antrag wird abgelehnt. Es ist das Recht des Angeklagten, nicht mit dem Psychiater zu sprechen. Begutachten wird Kröber ihn dennoch. Nach dem Ergebnis der Beweisaufnahme und seinem Verhalten in der Hauptverhandlung.

Dass Kröber, Direktor des Instituts für Forensische Psychiatrie der Charité, kurz vor seiner Emeritierung in die schwerste Phase seines Berufslebens geraten ist, hat vor allem mit dem Psychiatriepatienten Gustl Mollath zu tun, dem Kröber 2008 bescheinigte, er sei "unvermindert" gefährlich. Sein Gutachten hatte er nach Aktenlage verfasst, ohne persönliches Gespräch mit Mollath. Allerdings nicht, weil Kröber das nicht gewollt hätte, sondern weil Mollath sich gesperrt hatte.

Hassmails und Morddrohung von früh morgens bis tief in die Nacht

Das Gutachten kehrte vier Jahre später als Bumerang zum Verfasser zurück. Mollath war inzwischen so etwas wie ein Volksheld, ein Mann, der sich von der Psychiatrie nicht hatte brechen lassen, der zu seinen Überzeugungen stand, auch zu der kruden These, er sei nur weggesperrt worden, weil er einen milliardenschweren Schwarzgeldskandal hatte ans Licht bringen wollen. Obwohl drei Sachverständige Mollaths Freilassung nicht hatten verantworten wollen, steht nun vor allem Kröber – der prominenteste von ihnen – als Bösewicht da.

Kröber sitzt, umgeben von Büchern und Aktenstapeln, in seinem Berliner Büro und sagt: "Der Schaden ist da und nicht mehr wegzumachen." Er ärgert sich, dass er im Gericht neuerdings Ablehnungsanträgen ausgesetzt ist, das ist er nicht gewöhnt. Kröber hat Sorge, sie könnten Mode werden. Nach wie vor tritt er sehr selbstbewusst auf, aber die öffentliche Kritik setzt ihm doch zu. "Es hat mich gekränkt, als Idiot dargestellt zu werden, der Menschen unnötig lang wegsperren will. Ausgerechnet ich, der zu Recht im Ruf steht, für fast jeden einen Weg aus der Psychiatrie zu finden."

Der Fall Mollath spielte in Bayern, und die Ironie der Geschichte will es, dass ausgerechnet Kröber darüber ins Straucheln geraten ist, einer, der – prozentual zur Anzahl der Gutachtenfälle – wohl mehr langjährigen Insassen des bayerischen Straf- und Maßregelvollzugs zur Freiheit verholfen hat als jeder andere Gutachter. Einer, der dort von einigen Staatsanwaltschaften und Strafvollstreckungskammern regelrecht abgewehrt wird. Monatelang, erzählt Kröber, habe er von früh bis tief in die Nacht anonyme Hassmails und Morddrohungen erhalten, einer schrieb: "Wir werden dafür sorgen, dass du nie mehr einen Gerichtssaal betrittst."

Mollaths Verteidiger Strate bezeichnet Kröber in seinem Buch als "schärfste Allzweckwaffe, die das psychiatrische Establishment zu bieten hat", und wirft ihm ein "elastisches Verhältnis zum Rechtssystem" vor. So habe Kröber als Gutachter kein Herz gehabt für Zweifel an der Täterschaft des untergebrachten Mollath. Der nicht weniger renommierte Hamburger Strafverteidiger Johann Schwenn kann diese Kritik nicht nachvollziehen: "Da verlangt Strate etwas zu viel, das ist nicht Kröbers Aufgabe. Im Vollstreckungsverfahren ist der Sachverständige wie das Gericht an die Feststellungen zu den Taten im rechtskräftigen Urteil gebunden." Schwenn hat Kröber als Sachverständigen in weit mehr Verfahren erlebt als Strate. Er hält dessen Vorwürfe für "ehrabschneidend und haltlos". Schwenn sagt: "Anders als andere steht Kröber unabhängig da. Unabhängig von allen Wünschen." Aus seiner Sicht habe Kröber im Fall Mollath richtig gehandelt. "Es war Mollath, der die Chance eines Gesprächs mit Kröber verschenkt hat."

An vielen Wiederaufnahmeverfahren fälschlich Verurteilter hat Kröber als Sachverständiger mitgewirkt. Und wer miterlebt hat, wie sich Kröber zugunsten eines Angeklagten gegen ein voreingenommenes Gericht zur Wehr setzt – etwa im Prozess gegen Jörg Kachelmann –, dem bleibt das Wort "Gefälligkeitsgutachter" im Halse stecken.