Kröber ist immer noch einer der meistbeschäftigten Kriminalpsychiater Deutschlands. Gerichte beauftragen ihn in Strafprozessen mit Gutachten zur Schuldfähigkeit – zu den Fragen also, ob Angeklagte im Maßregelvollzug besser aufgehoben wären als im Gefängnis oder ob man Untergebrachte ohne Rückfallrisiko entlassen könnte.

Eigentlich ist dieser Job schon im Kern eine Überforderung. Denn niemand kann in die Seele eines Menschen blicken – und schon gar nicht in dessen Zukunft. Doch genau das müssen Sachverständige tun. Prognostizieren, ob ein Straftäter – egal, ob psychisch krank oder gesund – wieder rückfällig werden wird. Kröbers Quote ist gut: Kaum ein Proband, der mit seiner Hilfe Knast oder Klinik verlassen hat, stellte wieder etwas an.

Kröber schätzt das klare Wort, ist intellektuell scharf, mitunter süffisant. Und er spart nicht mit Kritik, auch nicht mit der an Kollegen. Norbert Leygraf, Psychiatrieprofessor an der Uni Duisburg-Essen, sagt: "Kröbers Verstandesschärfe spiegelt sich in deutlichen Formulierungen wider, zumeist in Richtung auf Vorgutachter oder die zuständigen Straf- oder Maßregelvollzugseinrichtungen. Diese Kritik erfolgt zwar stets zu Recht, könnte aber von den Betroffenen eher angenommen werden, wenn sie etwas diplomatischer formuliert wäre." Diplomatie ist allerdings Kröbers Sache nicht. Als er den Lehrstuhl in Berlin von seinem arrivierten Vorgänger Wilfried Rasch übernahm, schrieb der Nachfolger in einem Aufsatz über ein Mustergutachten in Raschs Standardwerk, dieses Prognosegutachten tauge allenfalls dazu, am schlechten Beispiel zu lernen, wie man es nicht mache. Diese Rigorosität erklärt sicher einen Teil jener Aggression, die ihm nun entgegenschlägt.

Kröber weiß, wie es sich anfühlt, auf der Anklagebank zu sitzen, er saß da selbst schon. Zehn Strafverfahren wurden in seiner Studentenzeit gegen ihn geführt, siebenmal wurde er freigesprochen, eines hat ihm einen Eintrag ins Bundeszentralregister und die fristlose Kündigung im öffentlichen Dienst eingebracht. Widerstand gegen die Staatsgewalt, siebziger Jahre, Kröber war damals im Kommunistischen Bund Westdeutschlands aktiv. Er weiß, wie schnell ein Leben kippt. Das hilft ihm heute, da er wieder auf einer Art Anklagebank sitzt.

Wer sich im Justizsystem nach Kröber erkundigt, bekommt viel Lob zu hören. Der Vorsitzende Richter eines Landgerichts (er möchte nicht genannt werden, um nicht irgendwann als befangen zu gelten) bezeichnet ihn als "eine Legende". Clemens Basdorf, ehemaliger Vorsitzender des fünften Strafsenats am Bundesgerichtshof, spricht von einem "außerordentlich sachkundigen und sorgfältigen Gutachter, dem jede professorale Überheblichkeit fernliegt". Axel Boetticher, pensionierter Richter am Bundesgerichtshof, sagt: "Als Richter kann man nur froh sein, wenn man so einen Gutachter hat." Ein aktiver – und deshalb ebenfalls ungenannter – Bundesrichter nennt Kröber "einen der besten forensischen Psychiater in Deutschland, der beste, mit dem ich je zusammengearbeitet habe". Die Kritik an ihm wirke jedoch bis in die Fachkreise, er höre dort jetzt durchaus "kritische Randbemerkungen". Kröber sei "sicherlich beschädigt".

"Ich will kein Richter sein", sagt der Gutachter über sich

Vor Gericht ist es dennoch meistens so: Was Kröber befindet, ist Richtern Gesetz. Und hier lauert die Gefahr. Die der Selbstüberschätzung für den Sachverständigen und für die Richter die der Bequemlichkeit. Anstatt den Sachverständigen, wie es das Gesetz verlangt, zu leiten, begnügen sich manche damit, die Feststellungen aus dem Gutachten ungeprüft ins Urteil zu übernehmen. Dabei ist etwa die Frage nach der Schuldfähigkeit keine psychiatrische, sondern eine rechtliche. "Ich will kein Richter sein", sagt Kröber. Der Gutachter ist Berater – laut Rechtsprechung: Gehilfe – des Gerichts, im Grunde nicht mehr als ein Beweismittel. Der Bundesrichter sagt: "Nur ein schwacher Richter gibt dem Gutachter die Entscheidungsmacht in die Hand."

Doch das kommt vor: Wie im erwähnten Fall des Ulvi Kulaç. Der geistig zurückgebliebene Mann wurde 2004 vom Landgericht Hof wegen eines Mordes verurteilt, den er zunächst gestanden und später widerrufen hatte. Einen Sachbeweis gegen ihn, Fingerabdrücke oder DNA-Spuren gab es nicht. Ebenso wenig Tatzeugen. Es gab vor allem: das aussagepsychologische Gutachten des Psychiaters Hans-Ludwig Kröber. Der hielt es für hochwahrscheinlich, dass Kulaçs Angaben "erlebnisbegründet" seien. In der Wiederaufnahme 2014 hat Kröber sein Gutachten modifiziert. Im Lichte neuer Forschung und nun bekannt gewordener Fakten (dem Verdächtigen war von der Polizei ein möglicher Tatablauf vorgehalten worden) sei es "nicht mehr ausschließbar, dass Herr K. ein aussagepsychologisch recht gutes, aber falsches Geständnis vorzubringen imstande war".

Kröber ist Psychiater, also kein Experte auf dem Gebiet der Aussagepsychologie, und "bei alldem, was da auf mich eingeprasselt ist, würde ich diesen Auftrag heute auch nicht mehr annehmen". Er war zunächst vom Gericht gebeten worden, die Aussagetüchtigkeit des minderbegabten Kulaç einzuschätzen. Doch als er ihn traf, hatte der Verdächtige gerade widerrufen, und Kröber übernahm auf Bitten des Gerichts auch den Auftrag, die Glaubhaftigkeit des Widerrufs zu prüfen. Nicht wenige werfen ihm seither vor, sich fahrlässig überschätzt zu haben. "Er war einfach zu arrogant, zuzugeben, dass er damit überfordert ist", sagt ein Strafverteidiger, der ungenannt bleiben will. Er gibt Kröber die Schuld an dem Fehlurteil. Kann ein Gutachter schuld sein am Urteil einer unabhängigen Strafkammer? Kröber sagt: "Die Qualität der Aussage war hoch. Ulvi Kulaç zu verurteilen war ein juristischer Fehler. Ein aussagepsychologisches Gutachten allein darf einem Gericht bei Mordverdacht nicht ausreichen." Doch er halte es bis heute für "die wahrscheinlichste aller Varianten", dass Kulaç Peggy getötet habe.

Es war aber letztlich der Fall Mollath, der den Wind in Kröbers Richtung gedreht hat. Nie zuvor wurde so intensiv über die Arbeit forensischer Psychiater debattiert. Mollath gilt als Opfer eines kranken Psychiatriesystems – und Kröber ist plötzlich das Gesicht dieses Systems. Die Kritik an ihm hat sich verselbstständigt. "Wer mich jetzt deswegen für untauglich hält, der hat selbst ein Problem." Es ist ein Moment, in dem manch einer zusammensacken würde. Aber Kröber ist Westfale, stur, fokussiert, selbstgewiss. Keiner, der zurückweicht. Den unwegsamen Weg auf Messers Schneide: Kröber wird ihn weitergehen.

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