Eigentlich wollte Guy Braunstein nur rasch seinen Bogen neu bespannen lassen und sich dann mit seiner Familie am Strand treffen. "Plötzlich war da dieses starke Gewicht auf meiner Schulter", erinnert sich der 43-Jährige an den Moment, in dem er die fremde Geige ansetzte: "Ich bekam Gänsehaut am ganzen Körper." Auf der Werkbank in Amnon Weinsteins Geigenbauwerkstatt in Tel Aviv hatte Braunstein, der ehemalige Konzertmeister der Berliner Philharmoniker, zwei mit Davidsternen verzierte Klezmer-Violinen liegen sehen und beiläufig nach deren Herkunft gefragt. Acht Stunden blieb er schließlich und "spielte und spielte", während ihm der 1939 in Israel geborene Geigenbauer alle "furchtbaren, wunderbaren" Geschichten der "Violins of Hope" erzählte. Es sind Geschichten von Erniedrigung und Tod, von Mut und der Kraft der Musik. Weinsteins "Violinen der Hoffnung" sind allesamt Holocaust-Überlebende. Er hat sie restauriert und ihre Stimmen gerettet.

Als portable "Erinnerungsorte" treffen sie nun einen Nerv der Zeit. Zu den Instrumenten und ihrer Musik aber müssen Erzählungen treten, die Einordnung und Auseinandersetzung ermöglichen. Diese Erzählungen sind fester Bestandteil von Amnon Weinsteins Rekonstruktionsprojekt.

Dass sich die gebrochene Vergangenheit in den Klang der Instrumente eingeschrieben hätte, verneint der Geigenbaumeister vehement. "Eine Geige ist eine Geige ist eine Geige", betont er, während er auf dem Konferenztisch des Villa-Musica-Büros im Schloss Engers in Rheinland-Pfalz eine winzige ambulante Zweigstelle seiner Tel Aviver Werkstatt aufbaut. "Es sind die Musiker, die anders auf ihnen spielen, sobald sie die Geschichten kennen." Seine Hände halten den glänzenden Korpus einer Violine mit Davidsternen und auffälligen Verzierungen an den Kanten. Er blickt an seinem hängenden Schnurrbart entlang hinunter aufs Griffbrett. Dann nimmt er einen Bleistift, um die kleine Vertiefung, in der sonst die E-Saite ruht, mit Graphit zu behandeln. Irgendetwas ist immer zu tun an den Instrumenten, und ihr Restaurator wirkt, als sei ihm das recht.

Sechs Jahre nach dem ersten Konzert der Violins of Hope in Jerusalem ist Weinstein im Herbst 2014 mit acht Instrumenten in Deutschland zu Besuch. Stipendiaten der Stiftung Villa Musica spielen darauf und geben Konzerte in einer ehemaligen Synagoge in Ahrweiler und den jüdischen Gotteshäusern in Mainz und Worms. Bevor einer der Nachwuchsmusiker mit der frisch besaiteten Geige in der Mendelssohn-Probe verschwindet, erinnert Weinstein ihn daran, dass er die Instrumente vor dem Konzert alle noch einmal polieren will.

Kann er sich in Deutschland überhaupt wohlfühlen, er, der sich jeden Tag mit dem Holocaust konfrontiert? Weinstein blickt aus dem Fenster, über den Rhein, ins Helle, leicht Neblige, wo Schleppkähne stromabwärts gleiten. Dann dreht sich um und sagt: "Ich muss meine Gefühle zurückhalten. Das Projekt hierher zu bringen, die jungen Musiker auf den Geigen spielen zu lassen ist das Allerwichtigste. Ich bin sehr froh darüber, selbst wenn ich ein bisschen mehr Medizin einnehmen muss, um nicht zu aufgeregt zu sein."

Alle restaurierten Instrumente sind voll konzerttauglich. Neben den Geigen der Klezmer-Musikanten gehören zur Sammlung auch solche, die vor 1933 in großen europäischen Orchestern erklangen. Ihre Besitzer konnten sich ins spätere Israel retten, weil Bronislaw Huberman sie für sein Palestine Orchestra engagierte. Als diese Musiker vom Ausmaß der Nazigräuel erfuhren, kamen viele mit ihren in Deutschland gebauten oder erworbenen Violinen zu Amnons Vater Moshe: "Nehmen Sie mein Instrument, oder ich zerschlag’s!"

Moshe ertrug diese Vorstellung nicht, kaufte alle und brachte sie in einem Schrank seiner Werkstatt in Sicherheit. Dort ruhten sie fast ein halbes Jahrhundert lang – bis nach der Wende ein junger Bogenbauer aus Dresden bei Amnon lernte, viele Fragen stellte und ihn zu überzeugen versuchte, über die Geigen im Schrank einen Vortrag zu halten. Eigentlich hatte der heute 75-Jährige daran nie rühren wollen, der Holocaust war einfach zu nah: Nach Recherche von Amnon Weinsteins Mutter und Schwester sind bis 1945 etwa 350 Familienmitglieder ermordet worden.

Weinstein brauchte mehrere Jahre für seine Entscheidung, dann ging alles ziemlich schnell. Durch eine Radiosendung kamen Dutzende Kontakte zustande. Die Zahl der restaurierten Instrumente ist inzwischen auf 56 gewachsen, ein Ende noch nicht abzusehen. Es sind klingende Stolpersteine, wenn man so will, Weinstein widmet jede Geige einem historischen Ereignis oder einer ausgelöschten Person. Da ist jene, die ein Unbekannter auf dem Weg vom französischen Lager Drancy nach Auschwitz aus dem langsam fahrenden Zug Wartenden auf einem Bahnsteig zuwarf – in der Vorahnung, dass er sie am Ziel nicht mehr brauchen würde. Über die "Drancy-Geige" weiß man weiter nichts. Anders steht es um das Instrument, auf dem Alma Rosé spielte, die Nichte Gustav Mahlers und Tochter des berühmten Wiener Geigers Arnold Rosé, als sie das Mädchenorchester in Auschwitz leitete. Es gibt die Geige des ukrainischen Partisanenjungen Motele Schlein oder die Violine von Erich Weiniger, dessen monatelange Irrfahrt per Schiff zunächst nicht in Israel, sondern mit der Internierung auf Mauritius endete.

Dass Mitglieder der Berliner Philharmoniker am 27. Januar auf einer Auswahl von Amnon Weinsteins Violinen musizieren, ist Guy Braunstein zu verdanken. Der Geiger hatte innerhalb kürzester Zeit deren Intendanten Martin Hoffmann und seine ehemaligen Musikerkollegen von dem Projekt überzeugt. Der Solist Zvi Plesser spielt dabei auf einem von Weinstein geretteten Cello: "Die Instrumente waren vor dem Krieg da, sie haben ihn überstanden und werden noch lange nach uns da sein. Sie ermöglichen uns eine Vogelperspektive – so schrecklich diese Zeit war, sie ist nur ein Teil ihrer Geschichte."

Bei zwei Instrumenten hat sich Weinstein gegen eine Restaurierung entschieden: Stumm bleibt eine Geige in exemplarisch desolatem Zustand, den langes Spielen in Regen und Schnee verursacht hat. Und eine, in deren Inneres ein Geigenbauer 1936 in Verhöhnung des jüdischen Besitzers mit Bleistift ein Hakenkreuz und "Heil Hitler" eingeritzt hat. Alle anderen sind für ihn ganz "normale Geigen mit Geschichten, von denen sich hoffentlich keine jemals wiederholt".