Es ist gegen 20 Uhr. Ein langer Arbeitstag liegt hinter Daniel Passweg. Das Büro des Gynäkologen im Züricher Stadtspital Triemli ist winzig und vollgepackt mit Unterlagen, Büchern und allerlei Krimskrams. Er trägt immer noch die weiße Spitalkluft, auf seinen Hosenträgern rankt sich eine Blütenkette aus hellblauen Edelweiß. Er setzt sich und sagt: "Jetzt habe ich Zeit."

Passweg, 54, ist seit zwanzig Jahren leitender Arzt an der Maternité. Als er seine Stelle am Triemli antrat, standen in der Abteilung zwei Drittel Frauen einem Drittel Männer gegenüber. Heute sind Passweg und ein Oberarzt die beiden einzigen Männer – neben einer Chefärztin, fünf leitenden Ärztinnen, zwölf Oberärztinnen und Assistenzärztinnen, ganz zu schweigen von der rein weiblich besetzten Pflege und Administration. Schaltet die Chefärztin ein Inserat und sucht ausdrücklich einen Mann als Assistenzarzt, melden sich trotzdem nur Frauen.

Am Stadtspital Triemli zeigt sich ein Wandel, der sich in den letzten zwanzig Jahren in der Schweiz vollzogen hat: Die Gynäkologie wird weiblich.

1993 lag nicht einmal jede fünfte Gynäkologiepraxis in Frauenhand; 2013 war es bereits jede zweite. Heute beschäftigen Schweizer Spitäler in der Frauenheilkunde 55 Prozent Ärztinnen. In der Ausbildung belegen Frauen sogar rund drei Viertel aller Plätze. Offensichtlich haben die Männer den Rückzug aus diesem Spezialgebiet angetreten.

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Sie reagieren damit auf eine schleichende Entwicklung der letzten zwanzig Jahre: Immer mehr Frauen wollen zu einer Frauenärztin. Eröffnet ein Gynäkologe eine neue Praxis, hat er Mühe, genügend Patientinnen zu finden. Gleichzeitig müssen Gynäkologinnen viele Anfragen ablehnen. Wie ist das zu erklären?

Viele Frauen haben genug von einer Medizin, die sie als mechanisch und sehr männlich geprägt empfinden, in der sie sich nicht richtig wahrgenommen und verstanden fühlen. Sie wünschen sich eine ganzheitliche Frauenheilkunde. Schließlich geht es um ihre Sexualität, um intimste Organe, zuweilen auch um Scham und Peinlichkeit. Der Wunsch, Fragen zur Empfängnisverhütung, zu Unterleibserkrankungen, sexuellen Problemen oder einer möglichen Abtreibung mit einer Fachperson desselben Geschlechts zu bereden, liegt auf der Hand.

Wie erleben die Frauenärzte, häufig Männer um die 50 oder älter, die im Beruf verblieben sind, diese Entwicklung? Eine Entwicklung, die einem Misstrauensvotum ihrem Geschlecht gegenüber gleichkommt. Fühlt sich ein Mann wie Daniel Passweg überhaupt noch am richtigen Ort?

Er seufzt. Stützt den Kopf in die Hände. Denkt lange nach und erzählt schließlich, dass er viele Patientinnen betreue, zu denen er langjährige vertrauensvolle Beziehungen aufgebaut, deren Kinder er entbunden habe und für die sich die Frage, ob er Mann oder Frau sei, überhaupt nicht stelle. Zudem müsse er sich als Spitalarzt nicht auf dem freien Markt der selbstständig praktizierenden Mediziner behaupten und aktiv Kundinnen akquirieren. Er habe so viel Arbeit, dass ihm gar keine Zeit bleibe, um sich über jene Frauen Gedanken zu machen oder gar zu ärgern, "die nicht zu mir kommen wollen". Vielmehr sei er froh, wenn er abends um halb zehn das Haus verlassen könne.

Trotzdem sagt er: "Heute steht man ja als Gynäkologe unter Generalverdacht. Da kann man froh sein, wenn man sich im sogenannt safen Bereich aufhält." Brustbehandlungen überlasse er gern seinen Kolleginnen, selbst Brustuntersuchungen nehme er nur sehr dosiert vor und unterlasse sie sofort, wenn er nur das geringste Unbehagen bei einer Frau spüre: "Die Brust ist intimer als der Unterleib", sagt Passweg, "so merkwürdig das im ersten Moment auch klingen mag."

Dass die Sensibilität gegenüber Frauenärzten spürbar zugenommen hat, ist auch eine Lehre aus der Vergangenheit. In den 1990er Jahren wurden zahlreiche Fälle von Gynäkologen publik, die sich an ihren Patientinnen sexuelle vergingen. Seither darf ein Arzt nur noch in Gegenwart einer Assistentin eine gynäkologische Untersuchung vornehmen, eine Vorschrift, die Passweg für richtig und hilfreich hält: "besonders für den Arzt". Er selbst räumt ein, dass es vielleicht kein Zufall sei, dass er sich auf Geburtshilfe und Uro-Gynäkologie spezialisiert habe, ein Bereich, in dem er es mit Schwangeren beziehungsweise meist betagten Patientinnen mit Blasenproblemen zu tun habe.