Spektakulär ist die Beobachtung, die uns in diesem Buch mitgeteilt wird. Üblicherweise spricht man in einer ölig pastoralen Umschreibung vom "Gebären" der Künste. Der Münchner Kunsthistoriker Ulrich Pfisterer aber hat sich auf die Suche nach Bildwerken der Renaissance gemacht, bei denen der Vorgang ihres Entstehens auch in der puren, elementaren Bedeutung biologischer Abläufe zu verstehen ist. Vital, physisch fühlbar ist der Boden, der hier den Kunstwerken ihr Leben gibt. Die Geburt der Kunst wird wörtlich genommen. Beispielhaft ist eine niederländische Radierung, auf der ein alter, nackter Mann einer bis in den Himmel hinein groß gewachsenen Frau, deren Hand sich auf eine Maltafel stützt, bei der Geburt ihres Kindes assistiert. Er nimmt als Geburtshelfer das leibhaftige Kind in Empfang und gleichermaßen das "Kind" der Künste: das ihm zufallende neugeborene Werk.

Natur spielt auch in den Akt des Sehens hinein. Von "Sehstrahlen" ist die Rede, vom Phänomen der Übertragung libidinöser Kräfte und Energien. Von Transformationen. Das Buch greift als Leitmotiv der Renaissancekunst ein Wort von Cusanus auf: "Dort ist ein Auge, wo Liebe ist." In Gemälde und Holzschnitt, in Zeichnung und Skulptur der frühen Neuzeit hat sich das körperliche Liebesbegehren ihrer Schöpfer einen Schauplatz gesucht. Nur sichtbar aber für einen Betrachter, der selber für eine erotische Beziehung bereit ist. Das Kunstverständnis der Renaissance lebt von Wechsel- und Übertragungsverhältnissen. Und der zeitgenössische Kunstfreund war, so versichert uns der Autor, überaus angetan davon, der Geliebte eines ästhetischen Vis-à-Vis zu werden.

Das Intimverhältnis zwischen dem künstlerischen Arbeitsprozess und den physiologischen Vorgängen von Koitus und Niederkunft wird von Ulrich Pfisterer zügig in Szene gesetzt. Man erfährt, dass im Sperma "Handwerkergeister" vermutet wurden und in Sparta ein Gesetz den schwangeren Frauen auferlegte, zu den Statuen der Helden zu pilgern, um einen Sieger zu gebären.

Ulrich Pfisterer breitet einen beachtlichen Schatz an Funden in der Kunst und Literatur des späten 15. bis zum frühen 18. Jahrhundert vor unseren Augen aus. In immer wieder neuen Choreografien treten hier die Suggestionskräfte des Eros als Publikumslieblinge auf. Sie steuern den männlichen Künstler, dessen "geistige Schwangerschaften" auf den weiblichen Körper übergreifen, sich an dessen Reizen fantasiereich entzünden und neues Leben in Form von Artefakten zur Welt bringen.

Eine Venus, eine Madonna kann es dabei durchaus zu einer frühen Form des Pin-up-Girls schaffen. Und hier und da betrachtet man überrascht eine Darstellung, die Pornografisches aus späteren Jahrhunderten vorwegnimmt. Keine Kunst ohne Körpersäfte, mit diesen Worten könnte man das Motto des Buches umreißen. Ohne sie, so die draufgängerische und zugleich schlüssige Idee des Buches, hätten die Bildkünste grundsätzlich weder ihre Bestimmung noch ihre Vollendung erreichen können. Hier mag die für die Kunstgeschichte wesentliche Bedeutung des Buches liegen. Es deckt auf, dass die Künste in ganz Europa als das Ergebnis eines von Liebe begleiteten Zeugungsaktes zu verstehen sind. Damit wird das Kunstwerk eingereiht in die Gattung der Lebewesen.

Gerne würde man auch dieses Buch dazu zählen; zu den Lebewesen. Es hat sich eine verschwenderisch ausgestattete Bühne geschaffen und Stoff für eine von Atem und Farbe beseelte Erzählung. Für ein Spiel mit Bildern, mit sinnlichen Anziehungen und verdeckten Botschaften, die sich im Medium des Bildes gegenseitig verstärken. Es dauert auch eine ganze Weile, bis man dahinterkommt, dass die Bilder und die Liebesumarmungen hier nicht weiter führen als zum Beweisstück. Man hätte schon durch den Buchtitel gewarnt sein können, Kunst-Geburten, ein Wort, das unweigerlich ein Gefühl der Lähmung auslöst und Assoziationen, die auf Begriffe wie "Kopf-Geburten" und "Tot-Geburten" hinauslaufen.