DIE ZEIT: Mr. Ronson, Sie gelten als der am besten vernetzte Mensch im Popgeschäft. Als Produzent starteten Sie die Karrieren von Amy Winehouse und Lily Allen und arbeiteten unter anderem mit Paul McCartney, Adele, Lana Del Rey und Robbie Williams. Auch als Musiker sind Sie erfolgreich. Auf Ihrem eigenen neuen Album Uptown Special spielt Stevie Wonder Mundharmonika. Hatten Sie seine Handynummer?

Mark Ronson: Jetzt fangen Sie bloß nicht mit der Legende von meinem legendären "goldenen Rolodex" an. Das gibt es nämlich nicht. Es ist ein Mythos. Wenn ich etwas von Stevie Wonder möchte, mache ich das wie jeder andere Musiker auch: Ich schreibe eine höfliche Mail an seinen Manager. Darin steht dann, was ich gern von Stevie Wonder hätte und wer ich überhaupt bin, weil ich nicht davon ausgehe, dass solche Legenden je von mir gehört haben. Gut, ich erwähne noch meine Arbeit mit Amy Winehouse, denn die kennen doch einige. Aber letztlich war es der höfliche Bettelbrief eines Fans. Dass ich erhört wurde, war für mich auch eine Überraschung.

ZEIT: Ihre eigenen Platten glänzen mit prominenten Gästen. Bei Ihrem aktuellen Hit Uptown Funk singt Superstar Bruno Mars mit. Bekommen Sie auch mal Absagen?

Ronson: Das hat abgenommen. Die meisten Musiker, die ich kontaktiere, kennen mindestens eine oder zwei meiner Produktionen. Dennoch habe ich nicht alle Wunschkandidaten für mein neues Album bekommen. Aber das war letztlich egal, weil ich mittlerweile eine Gruppe zuverlässiger Musiker habe, mit denen ich fast alles hinbekomme. Trotzdem ist das Musikgeschäft schlicht: Wenn 2015 Bruno Mars in einem neuen Song zu hören ist, wird dieser Song viel schneller im Radio landen als derselbe Song mit einem unbekannten Sänger.

ZEIT: Stimmt es, dass Sie die Arbeit an dem Hit Uptown Funk so stresste, dass Sie ohnmächtig wurden?

Ronson: Ja, das war an einem besonders heißen Tag in London, und ich bekam meinen Gitarrenpart einfach nicht hin: 85 Versuche brachten mich an den Rand des Wahnsinns. Alles an dem Song stimmte, nur mein Gitarrenspiel nicht. Ich bin leider ein Perfektionist, der immer Fehler hört. Nach diesem vergeudeten Tag bin ich entnervt im Restaurant umgekippt. Mich rettete schließlich ein guter Produzent. Die Kunst eines Produzenten besteht ja darin, Klienten zu Dingen zu motivieren, die sie sich selbst nicht zutrauen.


ZEIT:
Was brachte Sie auf die Idee, den Schriftsteller Michael Chabon um Texte für Ihr Album zu bitten?

Ronson: Er ist mein Lieblingsautor! Ich war ein guter Schüler, aber nie ein großer Leser. Chabon war der erste Autor, dessen lange Romane ich nicht aus der Hand legen konnte. Als vor zwei Jahren sein Roman Telegraph Avenue erschien, ging ich sogar zu einer seiner Signierstunden in New York. Ich stand brav in der Schlange, legte ihm schließlich mein Buch hin, und er fragte, ohne aufzublicken, was er da reinschreiben solle. "Für Mark Ronson", sagte ich, da schaute er auf und sagte, dass ihm meine Musik gefalle. Ein Jahr später schrieb ich ihm eine Mail und bat ihn um Songtexte.

ZEIT: Was erwarteten Sie?

"Ein falscher Satz kann eine ganze Studio-Session ruinieren"

Mark Ronson und Bruno Mars im Studio © Sony Music

Ronson: Ich wollte Musik mit Geschichten kombinieren. Also Texte, die nicht so banal sind wie das meiste, was in den Charts zu hören ist. Die Kunst cleverer Texte findet man nur noch im sogenannten Indie-Rock. Im Pop, Soul und R & B ist sie in diesem Jahrtausend abhandengekommen. Je mehr Pop man heute hört, desto klarer wird einem, wie vorhersehbar die Texte sind. Ein guter Text sollte über banale Variationen von "I love you" hinausgehen. Nur Songs mit Substanz überdauern alle Moden.

ZEIT: Wie hat man sich Ihre Zusammenarbeit mit Michael Chabon vorzustellen?

Ronson: Es war zu Beginn kompliziert für mich, einem Schriftsteller zu sagen, wenn ich einen Text mal nicht so gelungen fand. Aber nachdem wir einige Tage gearbeitet hatten, traute ich mir auch das zu.

ZEIT: Als Produzent vieler Stars sollten Sie doch in der Kunst der Studio-Diplomatie ein Profi sein.

Ronson: Es hilft, dass ich aus einer großen Familie mit vielen Geschwistern und Halbgeschwistern komme. Da lernt man Kommunikation. Aber die Produzenten haben alle verschiedene Techniken, unangenehme Dinge zu kommunizieren. Ich beneide Rick Rubin um seine Ehrfurcht gebietende tiefe Stimme, der wohl keiner je widerspricht. Manche Produzenten behandeln ihre Klienten mit großer Herablassung. Der Metal-Produzent Ross Robinson wirft angeblich mit Stühlen.

ZEIT: Phil Spector drohte Leonard Cohen und John Lennon im Studio mit seinem Revolver.

Ronson: Eben! Ich bin eher das Gegenteil davon. Am liebsten warte ich entspannte Momente ab, um unangenehme Wahrheiten zu verkünden. Mir ist es vor allem wichtig, niemanden zu beleidigen oder zu verletzen. Nicht nur, weil ich so nett bin, sondern auch, weil ich glaube, dass ein falscher Satz eine ganze Studio-Session ruinieren kann. Ein Produzent sollte Ruhe vermitteln.

ZEIT: In den letzten Jahren wurde viel Wirbel um das Phänomen der Retro-Kultur im Pop gemacht. Sie waren mit Ihren Retro-Produktionen für Amy Winehouse enorm erfolgreich. War früher im Pop alles besser?

Ronson: Ich habe nie versucht, die Vergangenheit auferstehen zu lassen. Das ist ein Missverständnis. Was mich angeht, sind diese angeblichen "Retro"-Sounds zufällig Klänge, die ich liebe. Ich denke beim Produzieren nicht, aus was für einer Ära ein bestimmter Schlagzeugsound kommen könnte. Außerdem kommt es auf die Umsetzung an: Wenn der Rapper RZA einen Schlagzeugsound von einer Al-Green-Platte aus den Siebzigern nutzt, klingt das garantiert modern und nicht gestrig! Außerdem ist das Sampeln alter Sounds oft nicht zu vermeiden, weil vielen jungen Musikern heutzutage die Fähigkeit abgeht, bestimmte Dinge zu spielen. Da ist einiges an Können verloren gegangen.

ZEIT: Sie waren früh als DJ erfolgreich. Was lernt man beim Plattenauflegen über Musik?

Ronson: Es war hilfreich, weil ich mir dabei ein enzyklopädisches Wissen über Musik angeeignet habe. Wir Produzenten sind letztlich alle Nerds, die sich in ungesundem Maß für Musik begeistern. Aber wer viel gehört hat, bekommt eben auch eine Ahnung der Möglichkeiten von Musik. Außerdem lernt man als DJ, was Menschen bewegt.

ZEIT: Lassen Sie uns ein paar Namen abarbeiten. Sie gelten als Produzent, der jeden in die Charts mixen kann. Aber wie kamen Sie dazu, Bob Dylan zu überarbeiten?

Ronson: Das war eine Idee seiner Plattenfirma, die mit dem Song Most Likely You Go Your Way (And I’ll Go Mine) bei mir anklopfte. Und meine Plattenfirma war wiederum sehr beeindruckt, dass man mir das anbot. Davon habe ich mich blenden lassen. Rückblickend gesehen, hätte ich die Finger davon lassen sollen. Ich habe allerdings auch kaum etwas an der Nummer verändert, denn Dylans Produktion war perfekt. Da war ich überflüssig.

ZEIT: Sie überarbeiteten auch den unveröffentlichten Michael-Jackson-Song Lovely Way.

Ronson: Ich bekam nur eine unbekannte Michael-Jackson-Gesangsspur, die ich zu einem Song vervollständigen sollte. Die kombinierte ich dann mit Happy Birthday Lisa, einem Song, den Jackson mal für die TV-Serie The Simpsons produziert hatte. Mir machte das großen Spaß, und ich bin stolz darauf, aber letztlich wurde es nicht veröffentlicht. Sie können den Song aber bei YouTube hören.

ZEIT: Wie produziert ein junger Hip-Hop- und R-&-B-Spezialist den Beatle Sir Paul McCartney?

Ronson: Er hatte mich als DJ für seine letzte Hochzeit gebucht. Später rief er an und fragte, ob ich etwas für ihn produzieren könne. Ich war erst mal unfassbar nervös und hatte panische Angst, einen Fehler zu machen. Aber an diese Art von Ehrfurcht ist McCartney natürlich gewöhnt, denn jeder, der mit ihm im Studio ist, hat Angst, unangenehm aufzufallen. McCartney bemüht sich deshalb immer, besonders freundlich zu sein, um sein Personal nicht noch mehr zu verschrecken. Trotzdem muss jeder irgendwann zeigen, was er kann. Man muss sich aber klarmachen, dass auch das nur ein Job ist, sonst dreht man durch. Ich war froh, dass ich mit heiler Haut da rausgekommen bin.

ZEIT: Wie kamen Sie zu Adele?

Ronson: Die kam auf mich. Ich nahm mit ihr den Song Cold Shoulder für ihr Debütalbum auf. Wir trafen uns im Büro ihrer Plattenfirma. Sie war 19, rauchte wie ein Schlot und sah sich, während wir sprachen, im Fernsehen eine dieser Trash-Talkshows an. Adele wirkte wie ein gelangweilter Teenager, und während sie auf den Bildschirm starrte, murmelte sie, dass sie diesen einen Song habe, den sie mit mir aufnehmen wolle. Sie spielte mir also ihre Demoaufnahme vor, die mir gefiel, aber ich fragte sie, was sie noch an anderen Songs habe. Da wurde sie ernst, blickte mich funkelnd an und sagte, dass sie mich nur für genau diesen einen Song eingeplant habe, und wenn mir das nicht passe, könne ich wieder gehen. Adele war da noch am Anfang ihrer Karriere, aber bereits völlig selbstbewusst und im Klaren darüber, was sie will und was eben nicht. Ich ahnte, dass sie erfolgreich werden würde.

ZEIT: Gibt es perfekte Songs?

Ronson: Ich würde mal sagen: Nein! Andererseits, Stevie Wonders Song Ordinary Pain von seinem Album Songs in the Key of Life kommt der Perfektion sehr nahe.