9. Januar 2015: Im Französischen Institut in London halten Menschen überdimensionale Bleistifte hoch. © Justin Tallis/AFP/Getty Images

In das große Erschrecken über den diabolischen Terror von Paris, in die Rührung über das große Aufbegehren gegen den Angriff auf die Freiheit mischen sich erste kritische Stimmen. Sie kommen von Lesern und Zuschauern. Es sind Fragen, die in etwa so lauten: Die Anschläge waren furchtbar, aber es gab doch schon vorher schlimmste Attentate in Europa. Die Anschläge in Bussen und U-Bahn-Stationen in London mit 56 Toten am 7. Juli 2005. Oder auf die Züge in Madrid am 11. März 2004 mit 191 Toten. Ganz zu schweigen von den islamistischen Attacken außerhalb Europas: Innerhalb weniger Tage haben Boko-Haram-Milizen im Norden Nigerias gerade Hunderte Menschen niedergemetzelt, und in der jemenitischen Hauptstadt Sanaa starben vergangene Woche mehr als 30 Menschen bei einem Selbstmordanschlag, ohne dass hier jemand deswegen besonders aufgewühlt gewesen wäre. Warum diese Diskrepanz der Wahrnehmung? Und führt erst der Angriff auf euren eigenen Berufsstand dazu, so fragen sie, dass ihr den Terrorismus so ernst nehmt?

Dem ist natürlich leicht entgegenzusetzen, dass die Pariser Attentate auf den Kern einer freiheitlichen Gesellschaft zielten, was im Übrigen in Frankreich nicht nur von den Journalisten und der Politik so begriffen worden ist, sondern auch von der Zivilgesellschaft, die sich sonst nicht in solcher massenhaften Stärke auf den Straßen gezeigt hätte und die man dafür nur bewundern kann. Auch in Deutschland gab es Solidaritätsbekundungen zuhauf, den Brückenschlag der muslimischen Verbände mit der politischen Klasse Deutschlands, der die Unterstützung durch Tausende Berliner fand. Die Medien berichten und kommentieren angemessen, oft sogar glänzend, aber man hört auch Töne in dem großen Chor, die Unbehagen rechtfertigen und uns vor allem mit einer bohrenden Frage konfrontieren: Sind wir denn, bei all unserer Empörung, Aufregung und auch dem verständlichen Bedürfnis, Anteilnahme zu demonstrieren, durchweg aufrichtig, also glaubwürdig?

Es gibt jedenfalls in der Politik, aber auch in vielen Kommentaren eine seit der ersten Eilmeldung über die Schüsse in den Redaktionsräumen von Charlie Hebdo zunehmend aufdringlich wirkende, volkspädagogische Note, die da lautet: Man dürfe sich nicht spalten lassen und die Muslime in unseren westlichen Gesellschaften nicht unter Generalverdacht stellen. Das ist natürlich im Prinzip nie falsch, aber man fragt sich langsam, ob man das Volk in toto für bescheuert hält – angefangen bei den Muslimen. Als ob es einen vernünftigen Muslim geben könnte, der die Mordtaten von Paris gutheißen würde. Schon die Forderung, sich davon zu distanzieren, hat etwas Beleidigendes. Und die allermeisten Nichtmuslime wissen das auch.

Wir haben in Deutschland aber sehr wohl ein Problem mit einer kleinen, brandgefährlichen Gruppe von Menschen, die sich zum Islam bekennen und in den meisten Fällen einen Migrationshintergrund haben, auch wenn sie längst einen deutschen Pass besitzen. Es sind, soweit bekannt, nie Personen, die etwa aus der sorbischen Minderheit in Sachsen oder aus der dänischen in Schleswig-Holstein stammen. Unter ihnen sind deutsche Konvertiten – aber zu zwei Dritteln sind es Menschen mit türkischem oder arabischem Background. Oft gelten sie als bildungsfern, was die großen Mahner zu neuen pädagogischen Anstrengungen beflügelt. Deshalb treffen die Worte des früheren Redaktionsleiters von Charlie Hebdo, Philippe Val, so genau: Die Medien hätten nicht verstanden, wie sich junge Franzosen im Islamistenmilieu radikalisierten. Man habe über diesen wachsenden Fundamentalismus zu wenig debattiert, zu wenig Alarm geschlagen.

Lesen Sie dazu die Texte des Titelthemas "Wofür wir kämpfen müssen" in der ZEIT No 3 vom 15.1.2015.

Deshalb ist es gut, wenn auch die deutsche Regierung Signale gibt, sie wolle den eingebildeten heiligen Kriegern mit neuer Entschlossenheit zu Leibe rücken. Entscheidend ist jetzt, wie. Vieles spricht dafür, dass die Vorratsdatenspeicherung eher individuelle Freiheiten beschädigt, als dass sie Terrorakte verhindert. Aber warum soll etwa der Austausch von Fluggastdaten, der bislang vom EU-Parlament blockiert wird, keine taugliche Maßnahme sein? Viele Bürger fragen sich auch zu Recht, wie es sein kann, dass in deutschen Moscheen und Gebetshäusern immer noch sogenannte Hassprediger ihr Hetzwerk verrichten. Und warum gelingt es so selten, diese Einpeitscher, sofern sie ausländische Staatsbürger sind, unverzüglich des Landes zu verweisen? Wir wollen diese Menschen nicht, sie sollen das auch spüren. Bleibt der Rechtsstaat hier nur bei Ankündigungen, erweist er sich nicht als liberal, sondern als gleichgültig oder machtlos oder beides. Für den Bürger geradezu eine Aufforderung, sich populistischen Bewegungen zuzuwenden.

Es gibt auch eine größere Gruppe Muslime, die die Gewalt nicht gutheißt, aber Verständnis für die Motive der Mörder aufbringt, weil die Opfer mit den Karikaturen provoziert hätten. Für andere steckt hinter den Attentaten eine Verschwörung der üblichen verdächtigen Mächte gegen den Islam. Hier sind die islamischen Gemeinden jetzt sehr wohl gefordert, eine klare Trennlinie zu ziehen.

Es ist auch nicht zu leugnen, dass es bei der Betrachtung der Opfer offenbar unterschiedliche Empfindungsebenen gibt: Die Tatsache, dass im Supermarkt Hyper Cacher bei Beginn der Geiselnahme vier Menschen hingerichtet worden sind, nur weil sie Juden waren – hat das die Nichtjuden wirklich bewegt? Und kaum kamen die ersten Nachrichten von diesem neuerlichen Überfall, berichtete eine Reporterin im öffentlich-rechtlichen Mittagsmagazin, der Supermarkt befinde sich in einer Gegend, in der "sehr viele reiche Juden" lebten. Ganz bestimmt hat sie sich dabei nichts Böses gedacht, und der Satz ist unter dem Druck sich überschlagender Nachrichten gefallen. Aber er zeigt vielleicht auch, dass es hartnäckige Stereotype gibt, nur nicht immer dort, wo man sie vermutet.