Seit dem ersten Januar 2015, seit es in Deutschland einen flächendeckenden Mindestlohn gibt, müssten eigentlich auch die Mitarbeiter des Nürnberger Kinos Cinecitta’ 8,50 Euro für jede Arbeitsstunde bekommen. Stattdessen erhalten sie Popcorn. So zumindest sah es ein Plan des Kinobetreibers vor. In einer Mail schrieb er seinen Angestellten am 30. Dezember, der geringste Lohn betrage bei ihm künftig 7,06 Euro die Stunde. Was zum Mindestlohn fehle, sei durch Gutschriften für Kinokarten und die Gastronomie abgegolten.

Popcorn statt Geld. So hatte sich Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) das nicht gedacht, als sie im vergangenen Jahr den gesetzlichen Mindestlohn auf den Weg brachte. 3,7 Millionen Arbeitnehmer, versprach Nahles, würden dank des Mindestlohns "besser schlafen, besser zurechtkommen, besser fühlen, dass sich ihr Einsatz auch lohnt". Die Ministerin feiert ihr Gesetz als historische Errungenschaft. Doch nur weil es in Kraft ist, heißt das noch lange nicht, dass alle Arbeitnehmer auch etwas davon haben.

Das Gesetz ist seit gerade mal zwei Wochen in Kraft. Und schon zeigt sich, wie erfinderisch die Unternehmen sind, wenn es darum geht, den Mindestlohn zu umgehen. Zudem wissen einige Betriebe bis heute nicht, ob sie vom neuen Gesetz überhaupt betroffen sind – ausländische Spediteure und Reeder etwa, deren Lkw-Fahrer und Schiffsbesatzungen auf deutschen Straßen und in deutschen Häfen oft nur auf der Durchreise sind. Andere weigern sich schlicht, das neue Gesetz einzuhalten. Weil sie die Löhne nicht erhöhen wollen – oder nicht erhöhen können.

In ganz Deutschland wird deshalb getrickst, gekürzt und getäuscht. Im Zeitungsvertrieb zum Beispiel: Die Branche muss wegen einer Ausnahmeregel vorerst nur 75 Prozent des Mindestlohns zahlen. Doch selbst diesen Mini-Mindestlohn versuchen Arbeitgeber zu unterlaufen, berichten viele Zeitungsausträger. Im nordrheinwestfälischen Siegen etwa will die Vertriebsfirma Zustelldienst GmbH und Co. KG, die rund 2.000 Mitarbeiter beschäftigt, erwachsene Boten durch Jugendliche ersetzen. Denn für Arbeitnehmer unter 18 Jahren gilt überhaupt kein Mindestlohn. Allerdings dürfen Minderjährige nicht an Sonntagen arbeiten. Interne Unterlagen zeigen, dass aus diesem Grund sogar der Erscheinungstermin eines Anzeigenblattes verändert wurde: Der in Siegen verlegte Wochenanzeiger SWA (Auflage: 225.000) erscheint seit dem 1. Januar nicht mehr sonntags, sondern samstags. Die Zustellfirma und der Verlag sind rechtlich verbunden.

Mitarbeiter des Zustelldienstes riefen in den vergangenen Wochen bei Boten an und fragten, ob sie einen Sohn oder eine Tochter hätten, die den Vertrag übernehmen könnten. Klaus Heun, der Geschäftsführer der Zustelldienst GmbH, bestätigt die Anrufe. Er führt als Grund für den neuen Erscheinungstermin aber auch an, die Leser hätten so mehr Zeit, "über’s Wochenende die Berichte und Anzeigen zu studieren". Außerdem freuten sich die Zeitungsboten über den freien Sonntag.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT No 3 vom 15.1.2015.

Die Zustellfirma spart sich auf diese Weise nicht nur den Mindestlohn, sondern auch den Sonntagszuschlag. Das Weihnachtsgeld will sie künftig über das ganze Jahr verteilt auszahlen und auf den Mindestlohn anrechnen. Und schließlich soll auch die Arbeitsleistung neu bemessen werden: Statt pro Zeitung gibt es Geld für eine nach Angaben von Heun "einvernehmlich" festgelegte Regelarbeitszeit, die zum Austragen ausreichen soll. Ob die Zusteller am Ende vom Mindestlohn profitieren, ist deshalb völlig unklar.

Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) hat zur Einführung des Mindestlohns eine Hotline eingerichtet. Dort meldeten sich täglich zwischen 300 und 400 Anrufer, heißt es beim DGB. Vereinzelt würde über Tricksereien geklagt, aber viele Arbeitnehmer hätten nur Fragen zu den neuen Regeln. Die Gewerkschaften befinden sich in einem Zwiespalt: Einerseits wollen sie die Tricksereien der Arbeitgeber anprangern, andererseits möchten sie nicht den Eindruck vermitteln, der von ihnen erkämpfte Mindestlohn funktioniere nicht.

Das größte Einfallstor, um den Mindestlohn – legal oder illegal – zu umgehen, ist die Arbeitszeit. Wie sich dieses Tor öffnen lässt, zeigt das Beispiel der Hamburger Veranstaltungsfirma eventteam.

Die Beschäftigten von eventteam kontrollieren bei Konzerten die Eintrittskarten, nehmen die Garderobe entgegen, servieren Getränke oder verkaufen Programmhefte. Je nach Auftragslage arbeiten zwischen 300 und 600 Menschen für das Unternehmen. Zu den Auftraggebern gehört unter anderem die Hamburgische Staatsoper.