Nicht schon wieder", dachte ich, als ich von den Morden in Paris erfuhr und bekannt wurde, dass die Täter Islamisten waren. Sie hatten meine Religion für ihre menschenfeindliche Ideologie missbraucht. Und sie hatten die Angst jener bestätigt, die den Islam als Bedrohung für Europa sehen.

Ich fühlte mich hilflos. Würden Muslime wieder unter Generalverdacht geraten? Würden sie nun noch stärkere Anfeindungen erleben als bisher? Würde ich erneut betonen müssen, dass die Meinungsfreiheit auch für mich ein Grundrecht ist? Immer wieder habe ich diese Situation seit dem 11. September 2001 erlebt. Immer wieder musste ich mich seitdem von vermeintlichen Glaubensbrüdern distanzieren und das Selbstverständlichste beteuern: dass ich natürlich nicht mit diesen Irren von Al-Kaida, dem "Islamischen Staat" oder sonstigen Hasspredigern sympathisiere.

Es war nicht nur Trauer, die ich im ersten Moment empfand. Sondern auch Resignation, Frustration und Wut angesichts dessen, was ich an Reaktionen befürchtete. Die Medien würden Endlosdebatten über den Islam und die Muslime führen – ohne sie einzubeziehen. Es würden Titelgeschichten über die "Terrorreligion Islam" erscheinen und Talkshows folgen, in denen Kronzeugen sitzen würden, die sich aus den Fängen des ach so bösen Islams befreit haben und davon erzählen, dass ganz Europa eine Islamisierung drohe. Die Gesellschaft würde sich spalten in ein deutsches Wir und ein muslimisches Ihr.

Doch auch Muslime blicken hilflos auf die islamistischen Terroristen. Sie fallen deren Attentaten genauso zum Opfer wie andere Bürger auch – in Paris starb auch der Polizist Ahmed Merabet. International betrachtet sind Muslime gar die Mehrheit der Opfer von islamistischem Terror.

Verzweifelt und ohnmächtig stehen muslimische Eltern und Gemeinden dieser Gefahr gegenüber. Es ist ihr Glaube, der in den Schmutz gezogen wird. Und es sind ihre Kinder, die sie an gewaltbereite Demagogen verlieren. Als ich davon hörte, wie die junge Tochter einer befreundeten Familie sich unbemerkt radikalisierte und nur durch Zufall vor einer Flucht nach Syrien bewahrt werden konnte, wurde mir einmal mehr klar: Diese Bedrohung ist nicht abstrakt oder fern; sie ist nah, sie ist persönlich, und sie schmerzt.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT No 3 vom 15.1.2015.

Am ersten Tag nach den Anschlägen mied ich die deutschen Medien und konzentrierte mich stattdessen auf die internationale Presse. Als ich am nächsten Morgen zufällig den SPD-Fraktionschef Thomas Oppermann in einer Morgensendung hörte, war ich überrascht. Das, was in Paris geschehen sei, habe nichts mit dem Islam zu tun, das seien Killer, sagte er. Und fügte hinzu: "Wir müssen jetzt verhindern, dass unsere Gesellschaft gespalten wird."

In den Abendnachrichten erklärte Claus Kleber, dass man nicht von Millionen Muslimen verlangen könne, sich ausdrücklich von fanatischen Mördern zu distanzieren. Er könne verstehen, wenn Muslime dies als Zumutung empfänden. "Meine muslimischen Kollegen haben von mir auch nicht verlangt, dass ich mich von Anders Breivik distanziere." (Der Norweger hatte 2011 mehr als 70 Menschen ermordet, weil er glaubte, das Abendland vor dem Islam retten zu müssen.) Ich konnte nicht so recht glauben, was ich da im Fernsehen hörte.