Betende Muslime Anfang Januar in einer Moschee in Berlin © Sean Gallup/Getty Images

Nicht schon wieder", dachte ich, als ich von den Morden in Paris erfuhr und bekannt wurde, dass die Täter Islamisten waren. Sie hatten meine Religion für ihre menschenfeindliche Ideologie missbraucht. Und sie hatten die Angst jener bestätigt, die den Islam als Bedrohung für Europa sehen.

Ich fühlte mich hilflos. Würden Muslime wieder unter Generalverdacht geraten? Würden sie nun noch stärkere Anfeindungen erleben als bisher? Würde ich erneut betonen müssen, dass die Meinungsfreiheit auch für mich ein Grundrecht ist? Immer wieder habe ich diese Situation seit dem 11. September 2001 erlebt. Immer wieder musste ich mich seitdem von vermeintlichen Glaubensbrüdern distanzieren und das Selbstverständlichste beteuern: dass ich natürlich nicht mit diesen Irren von Al-Kaida, dem "Islamischen Staat" oder sonstigen Hasspredigern sympathisiere.

Es war nicht nur Trauer, die ich im ersten Moment empfand. Sondern auch Resignation, Frustration und Wut angesichts dessen, was ich an Reaktionen befürchtete. Die Medien würden Endlosdebatten über den Islam und die Muslime führen – ohne sie einzubeziehen. Es würden Titelgeschichten über die "Terrorreligion Islam" erscheinen und Talkshows folgen, in denen Kronzeugen sitzen würden, die sich aus den Fängen des ach so bösen Islams befreit haben und davon erzählen, dass ganz Europa eine Islamisierung drohe. Die Gesellschaft würde sich spalten in ein deutsches Wir und ein muslimisches Ihr.

Doch auch Muslime blicken hilflos auf die islamistischen Terroristen. Sie fallen deren Attentaten genauso zum Opfer wie andere Bürger auch – in Paris starb auch der Polizist Ahmed Merabet. International betrachtet sind Muslime gar die Mehrheit der Opfer von islamistischem Terror.

Verzweifelt und ohnmächtig stehen muslimische Eltern und Gemeinden dieser Gefahr gegenüber. Es ist ihr Glaube, der in den Schmutz gezogen wird. Und es sind ihre Kinder, die sie an gewaltbereite Demagogen verlieren. Als ich davon hörte, wie die junge Tochter einer befreundeten Familie sich unbemerkt radikalisierte und nur durch Zufall vor einer Flucht nach Syrien bewahrt werden konnte, wurde mir einmal mehr klar: Diese Bedrohung ist nicht abstrakt oder fern; sie ist nah, sie ist persönlich, und sie schmerzt.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT No 3 vom 15.1.2015.

Am ersten Tag nach den Anschlägen mied ich die deutschen Medien und konzentrierte mich stattdessen auf die internationale Presse. Als ich am nächsten Morgen zufällig den SPD-Fraktionschef Thomas Oppermann in einer Morgensendung hörte, war ich überrascht. Das, was in Paris geschehen sei, habe nichts mit dem Islam zu tun, das seien Killer, sagte er. Und fügte hinzu: "Wir müssen jetzt verhindern, dass unsere Gesellschaft gespalten wird."

In den Abendnachrichten erklärte Claus Kleber, dass man nicht von Millionen Muslimen verlangen könne, sich ausdrücklich von fanatischen Mördern zu distanzieren. Er könne verstehen, wenn Muslime dies als Zumutung empfänden. "Meine muslimischen Kollegen haben von mir auch nicht verlangt, dass ich mich von Anders Breivik distanziere." (Der Norweger hatte 2011 mehr als 70 Menschen ermordet, weil er glaubte, das Abendland vor dem Islam retten zu müssen.) Ich konnte nicht so recht glauben, was ich da im Fernsehen hörte.

Solche Sätze waren vor Kurzem undenkbar

Noch vor Kurzem wären solche Aussagen unmittelbar nach einem Terroranschlag undenkbar gewesen. Sie wären als apologetisch belächelt, als Gutmenschen-Geschwafel abgetan und als Verharmlosung der islamistischen Bedrohung kritisiert worden. Doch dieses Mal ist etwas anders. Die Medien rufen zur Differenzierung auf. Die Politiker betonen den Unterschied zwischen Islam und Islamismus. Die Kanzlerin bekräftigte, dass der Islam zu Deutschland gehöre.

Würde ihre Botschaft auch bei der Bevölkerung ankommen? Bei den Tausenden, die seit Wochen für Pegida und ihre Ableger auf die Straße gehen? Aus Angst vor Übergriffen und Beschimpfungen gingen einige meiner Freundinnen, die ein Kopftuch tragen, am Tag nach dem Attentat auf Charlie Hebdo nicht aus dem Haus. Andere erzählten mir, dass fremde Menschen auf sie zugegangen seien und ihre Solidarität ausgedrückt hätten.

Das Seltsame an Pegida ist, dass dadurch sowohl die Stimmen der Intoleranz als auch die der Toleranz lauter wurden. Der Aufstieg der islamfeindlichen Bewegung hat Diskriminierung auch für jene sichtbar gemacht, die zuvor nicht von ihr betroffen waren. Weder die Aufdeckung des NSU noch Sarrazins Thesen oder die zunehmenden Übergriffe auf Moscheen hatten so viele Menschen mobilisiert. In Dresden, Leipzig, München und vielen anderen Städten gingen Zigtausende Menschen auf die Straße, um gegen Pegida zu demonstrieren. Ihre Zahl übertraf die der Unterstützer bei Weitem.

Als am Brandenburger Tor und am Kölner Dom aus Protest gegen Pegida die Lichter ausgeschaltet wurden, gingen in vielen Herzen die Lichter an – so beschreibt es die muslimische Zeichnerin Soufeina Hamed in einem Comic. Wir alle haben die Symbolkraft dieser Momente gespürt.

"Seit Pegida hat sich die Stimmung gewandelt", bestätigen viele meiner muslimischen Freunde. Sie sind nicht mehr Statisten in Angstszenarien, sie werden nach ihrer Meinung gefragt und wahrgenommen. Das erste Mal wird über die Stellungnahmen und Kundgebungen, die muslimische Gemeinden seit etlichen Jahren veranstalten, breit berichtet.

In einer Zeit, in der es so leicht gewesen wäre, die Gesellschaft zu spalten, bringt uns ausgerechnet eine Tragödie zusammen. Hoffnung keimt in mir auf: Dieses Land verändert sich. Ein neues Wirgefühl entsteht. Eines, das seine Muslime einschließt und sich selbstbewusst gegen Rassismus wehrt.