Der Irak war einmal weiter nichts als ein westiranisches Berggebiet zwischen den Städten Ghom und Kermanschah. "Irak, a province of Persia", entnimmt man der 11. Ausgabe der Encyclopædia Britannica von 1910/11. Noch ahnt niemand, dass zehn Jahre später ein Staatsgebilde dieses Namens aus drei ganz ungleichen Provinzen des Osmanischen Reichs hervorgehen soll – und dies auf eine Art und Weise, die dem Land bis heute zusetzt und es nicht zur Ruhe kommen lässt.

Der Vielvölkerstaat, gegründet 1299 von Osman I. auf einem Gebiet, so groß wie die Schweiz, mit der Hauptstadt Bursa südlich des Marmarameers, erstreckt sich im Jahr vor dem Ersten Weltkrieg noch immer im Osten bis zur Golfküste Arabiens und im Süden bis hinunter nach Jemen. Am 29. Oktober 1914 läutet der Kriegseintritt Konstantinopels an der Seite der Mittelmächte Deutschland und Österreich seinen Untergang ein. Mit diesem Jahrhundertlapsus, eingeflüstert durch alte Ängste vor Russlands Expansionsbestrebungen in Richtung Südmeer, beginnt über dem Vorderen Orient die Moderne zu dämmern.

Die Briten sehen sich dadurch gezwungen, binnen weniger Wochen ihre Nahostpolitik zu revidieren, der sie während des ganzen 19. Jahrhunderts die Treue gehalten haben. Deren Imperativ war die Erhaltung des angeschlagenen Großreichs. Schon im Krimkrieg der Jahre 1853 bis 1856 stehen Briten und Franzosen den Türken gegen Russland bei. An dessen Vorabend hatte Zar Nikolaus I. in einem Gespräch mit dem britischen Botschafter den Sultan der Hohen Pforte – der Regierung in Konstantinopel – spöttisch als "kranken Mann am Bosporus" bezeichnet, ein Titel, der über Nacht auf das gesamte Osmanische Reich überging. Doch bis zur Stunde hat der morsche Koloss an den britischen Verbindungswegen nach Indien, dem Kronjuwel des viktorianischen Empire, den Briten weniger Sorgen bereitet als die Visionen des Chaos nach seinem Zusammenbruch.

1914 ändert sich die Situation schlagartig. Aber noch in der Frühphase des Großen Krieges wird in London nach Möglichkeiten sondiert, nur die Spitze des Reichs auszuwechseln und es auf die Seite der Entente zu bringen. Der Mann, der sich dabei als Erster ins Rampenlicht befördert, ist Winston Churchill, an dessen 50. Todestag in diesem Januar erinnert wird. Der spätere Premierminister und Literaturnobelpreisträger gebietet damals als Erster Lord der Admiralität über die Royal Navy. Er macht sich für einen Flottenvorstoß aus der Ägäis direkt auf Konstantinopel stark.

Zum Jahreswechsel 1914/15 scheint ein solcher Vorstoß besonderes erfolgversprechend. Die Stadt am Bosporus ist zu diesem Zeitpunkt so gut wie ohne Verteidigung. Doch die Gelegenheit verstreicht über den Meinungsverschiedenheiten in der liberalen Regierung Asquith in London. Der verspäteten alliierten Landung auf der Halbinsel Gallipoli am Nordufer der Dardanellen ist dann im April 1915 kein Kriegsglück beschieden: Der Angriff bleibt in einem Stellungskrieg stecken, der sich ein Dreivierteljahr hinzieht und beiden Seiten enorme Verluste bereitet. Je eine Viertelmillion Mann – Tote, Verwundete, Vermisste, Gefangene. Churchill verliert seinen Posten.

Nach dem Desaster von Gallipoli bleibt den Briten nur die Option, von Ägypten aus und vom Persischen Golf her gegen die Osmanen vorzugehen – durch Mesopotamien hindurch und das türkisch beherrschte Arabien. Bereits im Oktober 1914 haben die Briten eine indische Expeditionsstreitmacht, bestehend aus einer Division mit gut 10.000 Mann, in den Golf gebracht. Am 6. November landet sie auf der Halbinsel Fao an der Mündung des Schatt al-Arab und besetzt zwei Wochen später kampflos Basra. Ihre Aufgabe ist zunächst der Schutz des britischen Ölterminals Abadan am persischen Flussufer, wo eine der ältesten Raffinerien der Welt steht. Im Jahr zuvor hat die Royal Navy den Wechsel von Kohle auf Öl abgeschlossen.

Den Verlauf des fast vierjährigen Mesopotamienfeldzugs diktiert die überlegene britische Logistik. Die türkischen Streitkräfte, ausgeblutet von den Balkankriegen 1912/13, unterhalten im November 1914 in Bagdad ein nur mehr symbolisches Kontingent von 9.000 Reservisten, 4.000 davon mit Gewehren. Der Generalstab in Konstantinopel verfügt über kein brauchbares Kartenmaterial – Kriegsminister Enver Pascha kauft zwei deutsche Karten im Maßstab 1 : 1 500.000. Mit dem Rückhalt der Türken in der arabischen Bevölkerung ist es auch nicht weit her: "Nicht als Feinde oder Eroberer kommen unsere Armeen in eure Städte, sondern als Befreier", lautet der berühmte Satz in der Proklamation von General Frederick Maude, dem alliierten Kommandanten, beim Einzug in Bagdad am 17. März 1917; die Bevölkerung jubelt ihm zu.