Paloma Bauer ist neuerdings Lehrerin. Die Vierzigjährige übt jetzt einen Beruf aus, den sie nicht gelernt hat. Eine Herausforderung! An diesem Wintermorgen betritt sie das Berliner Galileo-Gymnasium, eine winzige Privatschule in Wilmersdorf, auf die auch Hochbegabte gehen. Schon auf dem Flur wird sie von ihren Schülern umringt. Vor wenigen Tagen waren sie in einem Theaterstück, heute werden sie darüber diskutieren. "Hallo, Frau Bauer!" Die Schüler suchen ihre Nähe und wollen gleich erzählen.

Wäre dies eine öffentliche Schule, könnte Paloma Bauer hier nicht Lehrerin sein. Sie hat weder ein Referendariat noch ein zweites Staatsexamen. Als Quereinsteigerin kann sie ihre Fächer Spanisch, Geschichte und Sozialkunde aber auch ohne pädagogische Ausbildung an privaten Schulen in Deutschland unterrichten.

Vor sieben Jahren war die Deutschmexikanerin noch Professorin für Politikwissenschaft im amerikanischen Iowa. Dann zog sie nach Berlin, um die Heimat ihres Vaters kennenzulernen, und fing von vorne an: Sie perfektionierte ihr Deutsch, arbeitete am August-Bebel-Institut, unterrichtete an einer Sprachschule und machte eine Fortbildung zur Sprachlehrerin. Bald vertrat sie eine Spanischlehrerin an einer öffentlichen Schule. Seit zweieinhalb Jahren ist sie nun am Galileo-Gymnasium.

So einfach Lehrerin werden, geht das? Paloma Bauer lächelt. "Ich wollte es, und ich wusste, dass ich es kann." Wie man zu einem Unterrichtskonzept kommt, sich einliest, mit Quellen arbeitet, das habe sie schon als Doktorandin gelernt. Wie man eine Klasse ruhig hält, was man im Unterricht mit Schülern anders machen muss, das haben ihr Kollegen in der Schule vermittelt: dass Kinder klare Ansagen brauchen, dass man Aufgaben immer an die Tafel schreiben muss.

"Unterrichten ist ein Handwerk, das man lernen kann", sagt Katja Gerstenmaier, die Schulleiterin. "Was man nicht lernen kann, ist die Haltung, die man als Lehrer mitbringen muss. Frau Bauer hat diese Haltung." Der Schulleitung ist es wichtig, im Kollegium Männer und Frauen zu haben, die nicht nur ihr Fach beherrschen, sondern auch eine gute Bindung zu den Schülern aufbauen können. Einige Schüler hätten an öffentlichen Schulen Schwierigkeiten gehabt, weil ihre Begabung nicht erkannt worden sei oder sie sich selbst überlassen blieben und das Lernen als sinnlos empfunden hätten. Das Galileo-Gymnasium wurde gegründet, um sie zu fördern: mit kleinen Klassen, praxisorientiertem Unterricht und Aufgaben, die den Neigungen und der Lerngeschwindigkeit eines jeden Schülers entsprechen.

"Als Lehrer geht man mit den Kindern eine Arbeitsbeziehung ein", sagt Katja Gerstenmaier. "Die Kollegen müssen wissen, was die Schüler interessiert und was sie für eine Geschichte haben, dann können sie den Unterricht besser planen."

Paloma Bauer identifiziert sich mit diesem Konzept. Sie schätzt am kleinen Gymnasium das soziale Miteinander und die enge Zusammenarbeit. "Den Schülern wird hier eine große Wertschätzung entgegengebracht", sagt sie. "Aber auch mir als Lehrerin. Ich genieße viele Freiheiten und viel Vertrauen." Natürlich muss auch sie in ihren Fächern den Lehrplan erfüllen, doch das Wie bleibt ihr überlassen. Manche Dinge packt sie anders an als ihre Kollegen. "Was wollt ihr?", fragt sie ihre Schüler oft. Ein Mädchen kann Vokabeln leichter wiedergeben, wenn es sich Dialoge dazu ausdenkt und diese als Mangas zeichnet? Dann mal los!

Als es um Rechte und Pflichten von Jugendlichen ging, besuchte Paloma Bauer mit der Klasse einen Richter. Gemeinsam haben sie einen Prozess nachgespielt. Externe bezieht sie gerne ein: "Die Kinder sollen nicht nur meine Stimme hören."

Sie möchte den Schülern zeigen, dass es viele Berufe und Lebensweisen gibt und viele Themen abseits der eigenen Lebenswirklichkeit – von Armut bis Analphabetismus. Ihre Schüler kommen aus allen Gesellschaftsschichten. Die Eltern zahlen ein einkommensabhängiges Schulgeld.

"Quereinsteiger bringen eine andere Lebenserfahrung an die Schule mit – davon können die Schüler profitieren", sagt die Schulleiterin. Im Jahr 2013 hat der Landesverband Deutscher Privatschulen Berlin-Brandenburg Paloma Bauer sogar als "engagierteste Lehrerin" ausgezeichnet. Dennoch war es lange unklar, ob sie in ihrem Job würde bleiben können: Wie bei Quereinsteigern üblich, hatte die Schulbehörde die Unterrichtsgenehmigung immer nur für ein Jahr ausgesprochen. Nach einem Unterrichtsbesuch im März 2014 wurde sie schließlich entfristet. Paloma Bauer sieht darin nicht das Ende ihres beruflichen Weges, sondern den Anfang.