Als ich nach Deutschland übersiedelte, riet mir mein Steuerberater, ich solle mich, wenn irgend möglich, dem hiesigen Rentenversicherungssystem entziehen. "Menschen in Ihrem Alter werden ausgesaugt", sagte er. Ein paar Jahre lang habe ich seinen Rat befolgt, bis mich ein neuer Arbeitsvertrag zusammen mit einem naiven Gefühl für soziale Verantwortung in die Arme der Rentenversicherung trieb. Langsam verstehe ich meinen Steuerberater. Und das hat im Wesentlichen mit Bernie Madoff zu tun.

Der New Yorker Börsenmakler und Fürst des sogenannten Ponzi-Schemas war zu 150 Jahren Gefängnis verurteilt worden, weil er Tausende von Investoren um Milliarden Dollar betrogen hatte. Beim Ponzi-Schema werden die Investoren mit regelmäßigen Gewinnausschüttungen belohnt, die durch die stetigen Einzahlungen von Neukunden finanziert werden. Reale, nachhaltige Investitionen gibt es nicht, aber eine Zeit lang erhält eine begrenzte Anzahl von Teilnehmern reale Renditen für das eingesetzte Kapital. Dann bricht das System zusammen.

Ähnlich wie dieses Schneeballsystem funktioniert das deutsche Rentenmodell. Die Bundeskanzlerin indes lobte es in ihrer Rede zum 125-jährigen Jubiläum der gesetzlichen Rentenversicherung, weil es "den sozialen Zusammenhalt in unserer Gesellschaft erhält" – das sagte sie, ohne mit der Wimper zu zucken.

In Deutschland haben die Politiker die zwei Gewissheiten des Lebens – Tod und Steuern – um eine dritte angereichert: die sichere Rente. Konrad Adenauer rechtfertigte einst den Umbau der Alterssicherung – durch die Rentenbeiträge der Erwerbstätigen werden die Auszahlungen an die Ruheständler finanziert – mit dem Argument: "Kinder kriegen die Leute immer." Das funktionierte zwanzig Jahre lang, bis die westdeutsche Geburtenrate sank und sich seither auf 1,4 Kinder pro Frau eingependelt hat. Die Deutschen können ihr Rentensystem aber nur bei einer Quote von 2,1 aufrechterhalten. Doch deutsche Politiker haben sich auf das Flickschustern an einem kaputten System verlegt, anstatt mit radikalen Einschnitten die Zukunft des Landes zu sichern. Offensichtlich fürchten sie den Zorn ihrer treuesten Wähler – der Rentner.

In meiner Heimat Irland ist die Rentenkasse nicht gerade unbeschadet durch die Krise gekommen, allerdings hat sie zumindest noch ein Fundament: die höchste Geburtenrate der EU (15,6 Kinder pro 1.000 Einwohner; Deutschland: 8,4).

Nun, was soll man dazu sagen, dass Deutsche weniger Kinder bekommen und gleichzeitig Politiker mit ihrer Stimme belohnen, die immer neue Wohltaten aus der immer leerer werdenden Rentenkasse versprechen?

Die Sozialdemokraten setzten in den Koalitionsverhandlungen ein Renteneintrittsalter von 63 Jahren für diejenigen durch, die 45 Beitragsjahre aufweisen – zehn Jahre nachdem die Altersgrenze wegen der gestiegenen Lebenserwartung von 65 auf 67 Jahre angehoben worden war. Die Christdemokraten wiederum beschenkten 9,5 Millionen Frauen, die vor 1992 Kinder geboren hatten, mit monatlich zusätzlichen 28 Euro pro Kind. Die zusätzlichen Kosten allein für das Jahr 2017: rund sieben Milliarden Euro.

Diese Rentenreform wurde als "gerecht" verkauft – aber eigentlich ist sie ein "Ponzi-Rentengeschenk". An sich ist Stimmenkauf nichts Neues, aber hier sieht es so aus, als hätte Kapitän Smith von der Titanic die verbleibende Zeit vor dem Untergang genutzt, um einen weiteren Eisberg zu suchen, mit dem sein Schiff zusammenstoßen kann. Einer der wenigen, die diese Rentenwahlgeschenke von CDU und SPD verurteilten, war Franz Ruland, früherer Geschäftsführer der Rentenversicherungsträger. Die nachwachsenden Generationen, so Ruland, würden mit höheren Beiträgen dafür bezahlen müssen.

In der deutschen Demografie ist das Rentensystem wie eine Pyramide aufgebaut. In dem Maß, wie die Babyboomer der Nachkriegszeit aus dem Arbeitsleben ausscheiden, fallen die Renten: von 55 Prozent des letzten Gehalts im Jahr 1990 auf 43 Prozent heute. 1991 kamen auf einen Rentner noch vier Erwerbstätige, 2030 wird das Verhältnis 2 : 1 sein. Und jedes Jahr werden neue junge Beitragszahler gezwungen, für ältere Ruheständler aufzukommen.

Natürlich liegt die Schuld bei uns, den Kindern der 1970er. Die Renten sind ein Riesenthema der Politik, aber wichtig nur für diejenigen, die an der Schwelle zum Ruhestand stehen oder schon nicht mehr arbeiten. Die meisten um die 30 denken kaum an ihre Altersversorgung, und wenn sie es doch tun, erfasst sie eine fatalistische Lähmung.

Dabei gibt es durchaus jüngere Politiker, die sich für eine Veränderung einsetzen, etwa Jens Spahn, 34 Jahre alt und gesundheitspolitischer Sprecher der CDU/CSU-Fraktion. In einer Diskussion mit Finanzminister Wolfgang Schäuble, etwa 40 Jahre älter als Spahn, beschuldigte er seine eigene Regierung, durch das Rentengeschenkpaket den Generationenvertrag auszuhöhlen, ohne an morgen zu denken. Schäuble warnte Spahn daraufhin, ein "Streit zwischen den Generationen" würde dazu führen, dass "das Land auseinanderfällt". In einem Anfall von Ehrlichkeit gestand er dann jedoch ein, dass der Generationenvertrag gescheitert sei: "Solidarität ist eben nicht ein Geschäft auf Gegenseitigkeit", so Schäuble.

Wie wahr – wenn es um das deutsche Ponzi-Rentensystem geht, ist jeder Mann und jede Frau auf sich selbst gestellt.

Aus dem Englischen von Elisabeth Thielicke