Die Schweizer Schriftstellerin Dorothee Elmiger, Jahrgang 1985. © Jürgen Beck

Man kommt nicht leicht zur Schweiz. Nur "über einen pflotschigen Karrweg von oben herab" ist sie mittlerweile zu erreichen. Und erst einmal angelangt, stellt sich die Frage, ob überhaupt noch jemand zugegen ist: "ein zerklüfteter Haufen aus grauen und schwarzen Tupfen / unter dem ein Haufen blinder Fenster leer in die Öde starrt", tritt einem vor die Augen. Es ist eine Welt, die längst verlassen scheint. Wer sich aber in diesen finsteren Krachen vorwagt, der wird dort nicht nur Geld und Waffen finden, sondern auch abenteuerliche Geschichten von Marskolonien, Sozialismus, Geheimgesellschaften und namenlosen Toten. So geht es etwa dem Gemeindsverwalter Anatol Griese, der in Michael Fehrs Erzählung Simeliberg – 2014 in Klagenfurt mit dem Kelag-Preis ausgezeichnet – nicht nur unversehens in einen Kriminalfall hineinstolpert, sondern dabei auch von einer ihm unbekannten Textwelt ergriffen und verarbeitet wird.

Der Simeliberg, das ist nicht nur der Schatzhort aus dem Grimmschen Märchen, sondern auch der Kehrvers des ältesten überlieferten Schweizer Volksliedes: des Vreneli ab em Guggisberg, eines Hauptüberträgers der maladie suisse, des Heimwehs. Anatol Griese, dessen Vater einst aus dem großen Kanton kam und der deswegen "auch nicht immer von hier ist", bekommt die ganze Last dieser Krankheit zu spüren. Dem Ort, der ihn ruft, kann er sich nie verbinden. Aber der Ort bedient sich dieses Mannes: Er spricht durch ihn, benutzt ihn als unfreiwilligen Zuträger von Geschichten und lässt ihn zur zentralen Figur in einem Drama zwischen ländlichen Mythen und kantonalen Behörden werden, dessen Regieanweisungen Griese nie verstehen wird.

Die Gegenwartsliteraten haben Max Frisch überwunden

Erst dieses Unverständnis, diese Unwissenheit hat der Literatur wieder den Weg zurück in die Schweiz geebnet.

Lange war dieser Weg versperrt gewesen durch das Verdikt, dass es in diesem Raum überhaupt keine Geschichten gebe. So verfiel mit der Zeit dieses abgelegene Haus dort unten zwischen den Bergen. Zuerst verschwanden die Alpenführer, dann die Touristen, schließlich die Einheimischen. Wer jetzt noch an diesen Ort zurückfindet, der kommt ohne Karte und Kompass, sondern per Zufall und stolpernd. Es handelt sich um Gestalten, die nach ihrer Herkunft suchen, aber keine Ahnung haben, worin diese besteht; Gestalten mit einem ebenso scharfen wie verzweifelten Blick, dem alles gleich fremd und gleich wichtig ist. Fährtenleser, Sachensammler, Protokollanten. Gestalten wie Fehrs Anatol Griese. Ein "Gemeindsverwalter".

Darf die Literatur sich denn mit solchen Leuten einlassen? Und was erhofft sie sich von ihnen?

Dieser Artikel stammt aus der Schweiz-Ausgabe der aktuellen ZEIT. Sie finden die Schweiz-Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

"Gemeindsverwaltung": Das tönt nach geistiger Agglomeration, nach eng gesteckten Handlungsräumen, nach Katalogen voll regionaler Besonderheiten, nach Mundart und nach Glossaren am Buchende (auch Simeliberg wird so eines besitzen). Kurzum: Nach Schweizer "Ethnoliteratur", wie es Dorothee Elmiger, eine der größten literarischen Nachwuchshoffnungen, einmal in einem Interview formuliert hat. In ihrer Einladung an die Waghalsigen (2010) hat Elmiger bereits vorexerziert, was dem entgegenzusetzen wäre: ein archäologisches Schreiben, das das Gletscherpanorama gegen die Montanwissenschaft eintauscht und in die Schächte eines verschütteten Landes hinabsteigt. Die Gegenden dieses Landes tragen in Elmigers Roman keine Schweizer Namen mehr. Und doch gibt ihr Erstlingswerk der jüngeren Schweizer Literatur das Stichwort, wenn er die eine Notwendigkeit ausspricht, durch die sich diese Literatur legitimiert: "Wir müssen jetzt auch von den unbekannten Wegen im Gebiet sprechen sowie von den altbekannten, in Vergessenheit geratenen."