Die poetische Verwaltung der Schweiz – das ist zuallererst Vermessungsarbeit, Kartografie, das Interesse an einem Raum und den Linien, die ihn konstituieren. Ungeordnet wie vielsprachig verlaufen die unbekannten und vergessenen Zeichenpfade – Mythen, Texte, Bilder – über- und durcheinander. Es gibt niemanden mehr, der sie uns entwirrt und in eine verbindliche Erzählung überführt. Was für ein Land man jeweils zu sehen bekommt, das hängt ganz davon ab, welcher Spur man gerade folgen möchte.

Die auffälligsten Landkarten zeichnen dabei zweifellos die Verwalter des Schreckens. Zu ihnen gehören Christian Kracht mit Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten (2008) und Günter Hacks ZRH (2009). Der eine – Kracht – verweigert Lenin die Heimfahrt nach Russland im plombierten Bahnwaggon, sodass man es in der Folge mit einer expandierenden Schweizer Sowjetrepublik zu tun hat, die Soldaten aus ihren zentralafrikanischen Kolonien rekrutiert und gegen die Deutschen Krieg führt. Der andere – Hack – entwirft hingegen das Bild einer vom Züricher Finanzkapitalismus aufgezehrten Eidgenossenschaft, die nach und nach alle unrentablen Kantone vermietet. (Der Kanton Zug ist von einer unbekannten Waffe in ein schwarzes Loch verwandelt worden und nur noch Maschinen zugänglich.) Es handelt sich um zwei raumpoetische Exzesse, die jedoch nichts anderes tun, als der Schweiz ihr historisches Potenzial abzulauschen und es in eine neue Topografie zu überführen.

Beide Texte besitzen durchaus eine große Liebe zu den lokalen Details, mit denen sie hantieren. Selbst dort noch, wo sie diese sogleich in Schutt und Asche legen. Bei aller Provokation machen sie keinen Hehl daraus, dass ihnen die Landschaft etwas abverlangt, über die sie sich hermachen. Zugleich zeigen sie exemplarisch, was die Schweizer Literatur des 21. Jahrhunderts von jenem poetischen Selbstentwurf unterscheidet, der bis heute an Schulen wie Universitäten als literarische Repräsentation des Lebensraums Schweiz herhalten muss und der vor allem mit dem Namen Max Frisch verbunden ist.

Man muss vielleicht einmal Frischs Dankesrede zur Verleihung des Schillerpreises 1974 gelesen (oder auf YouTube gesehen) haben, um den Paradigmenwandel zu begreifen, den die literarische Schweiz seitdem durchlaufen hat. Wenn Frisch diese Rede Die Schweiz als Heimat? überschreibt, dann antwortet er damit auf den Versuch einer nationalen Vereinnahmung seines Schreibens. Auf die naive Verklärung des Verhältnisses von Raum und Literatur, auf Ab- und Herkunftsphilologie und auf die "beträchtliche" Literatur, "die sich mit Geschichte und Gegenwart unseres Landes a priori versöhnt". Entgegen setzt er dem allen einen radikal individualisierten Begriff von Heimat, die nur in der Erinnerung zu Hause ist und in der dann das Züricher Schauspielhaus gleichberechtigt neben Berlin oder die Hudson Bay tritt. Ein lesbarer oder gar schreibbarer Raum ist die Schweiz ihm hingegen gerade nicht. Denn die, die dort lesen und schreiben, das sind die Behördenmenschen, die Produzenten der Konformität, die schweigende Mehrheitsgesellschaft. Wer sich selbst retten will, der muss sich daher (wie Stiller) als Schweizer zu entkommen versuchen, sich (wie Gantenbein) blind stellen – oder im Zweifel sein Leben jenseits der Grenzen organisieren (wie Walter Faber).

Das Paradigma, das sich in Frischs Werk manifestiert, zeigte Breitenwirkung: Die literarisch sichtbare Schweiz muss der Effekt eines nationalen Konsensus namens "Heimat" sein, während gute Texte sich strukturell enthelvetisieren. Frischs gegenüber Andersch getätigte Aussage, "dass die Schweiz den Nichtschweizer nicht beschäftigen kann, weil sie [...] nicht an der Zeitgeschichte partizipiert", ließ für den literarischen Nachwuchs des Landes nur einen Schluss zu: dass man eventuell in der Schweiz, aber auf keinen Fall über die Schweiz ein gutes Buch schreiben könne. Der Vorbehalt, dieses Land besitze überhaupt keine Poetizität, weil ihm die großen Tragödien fehlten und damit auch die gesellschaftliche Katharsis, blieb haften. Noch 1991 hat sich Peter von Matt als Jurymitglied des Bachmannpreises in Klagenfurt mit diesem Vorurteil von deutscher und österreichischer Seite konfrontiert gesehen und es angemessen deutlich zur Sprache gebracht.

Gibt es eine Schweizer Literatur? Ja, aber sie ist keine Frage der Nationalität

Wenn sich nun die Zahl der Texte häuft, die offensiv mit Schweizer Traditionen, Sprachen und Landschaften experimentieren, dann ist das also erklärungsbedürftig. Zweifellos ist es keine neu gewonnene Naivität, die der Literatur die Rückkehr in diesen Raum ermöglicht hat, sondern das Grundgefühl einer gebrochenen Zugehörigkeit. Erst demjenigen, der – wie Fehrs Anatol Griese – "nicht immer von hier ist", stellt sich die Frage, was dieses "Hier" denn eigentlich mit einem selbst zu tun hat. Oft sind es dabei gerade die Nebenbemerkungen, die scheinbar kleinen Texte, die Verdrängtes zutage fördern; Experimente wie Hartmut Abendscheins Schellendiskursli (2013), das spielerisch das Bündner Kinderbuch als die neoliberale Schule der Nation zu entziffern versucht, oder Matto Kämpfs "Erbauungsschrift" Kanton Afrika (2014), die ganz zweifellos zu den größten Leistungen der neueren Schweizer Literatur gehört.