Die Münchner Psychoanalytikerin Petra Holler über den Selbstoptimierungswahn, mit dem sich viele Studenten quälen

Die Studenten heute wollen vor allem gute Noten und haben mit Politik nicht viel am Hut. Im Gegenteil: Konsum ist ihnen wichtiger als Engagement. Mit der Studienorganisation sind sie mittlerweile recht zufrieden. Im Beruf möchten sie später zügig vorankommen. – Das sind die Botschaften aus zwei Studien zum Wesen der aktuellen Studentengeneration. Eine Studie hat das Bundespresseamt in Auftrag gegeben. Die andere, der "Studierendensurvey", wird vom Bundesbildungsministerium gefördert. Was steckt hinter diesen Zahlen? Warum kreist diese Generation so sehr um sich selbst? Die Münchner Psychoanalytikerin Petra Holler leitete mehrere Jahre lang die Psychosoziale Beratungsstelle des Studentenwerks München. Auch nach ihrem Rückzug behandelt sie noch viele Studenten.

DIE ZEIT: Frau Holler, wie würden Sie die Studenten des Jahres 2014 beschreiben?

Petra Holler: Sie sind sehr auf Sicherheit bedacht und in der Folge oft übermäßig vorsichtig und ängstlich. Ich sehe eine starke Orientierung nach außen. Immer wieder wird überprüft: Wie nehmen mich die anderen wahr? Viele sind sehr anfällig für Kritik.

ZEIT: Inwiefern?

Holler: Sie bekommen rasch starke Selbstzweifel, wenn die anderen ein anderes Bild von ihnen haben als sie selbst.

ZEIT: Vergleichen sich die Studenten mehr?

Holler: Viel mehr! Sie sind ständig eingebunden in Soziale Netzwerke, sei es Facebook oder WhatsApp. Ständig geht es ums Abgleichen und die Frage: Bin ich noch dabei?

ZEIT: Ist das nicht normal in einem Alter, in dem man noch nach seinem Platz in der Gesellschaft sucht?

Holler: Schwierig wird es, wenn aus sozialen Kontakten Druck entsteht. Oder sogar Angst, an Bedeutung zu verlieren, wenn man nicht kommuniziert.

ZEIT: Dem Studierendensurvey zufolge sind vielen Studenten gute Noten wichtiger als ein schneller Abschluss. Haben Sie die gleiche Erfahrung gemacht?

Holler: Ich bin eher mit den Folgen konfrontiert, wenn es nicht klappt. Allein die Vorstellung, in einer Prüfung durchzufallen, macht manchen sehr schwer zu schaffen.

ZEIT: Steckt dahinter die Angst, nicht zu genügen?

Holler: Die Studenten denken: Nur wenn ich immer dranbleibe, bringe ich Leistung. Aber ich kann nicht den ganzen Tag im Kontakt mit anderen Menschen sein. Ich kann nicht den ganzen Tag lernen und etwas vorbereiten. Ich brauche Zeit dazwischen, Pausen, Ruhe, in der sich Gedächtnisstrukturen bilden.

ZEIT: Hätten Sie ein Beispiel?

Holler: Einer der Studenten in meiner Praxis setzte sich vor der Zwischenprüfung so unter Druck, dass er schließlich absagte: Er könne nicht schreiben, er fühle sich nicht ausreichend vorbereitet. Er schob die Prüfung auf das nächste Semester, und wir redeten. Es ging darum, sein Lernverhalten anders zu gestalten. Er schaffte es nicht, Pausen auszuhalten. Er musste lernen, mit den eigenen Ressourcen umzugehen – und die Erwartungen an sich selbst zu senken.