Die Straßen dieser Welt sind ein Schlachtfeld, ein Schauplatz des täglichen Gemetzels, die Waffen sind unsere Autos. Über eine Million Tote und 50 Millionen Verletzte im Jahr – weltweit fordert der Straßenverkehr mehr Opfer als alle kriegerischen Konflikte zusammen. 26.000 Menschen starben 2013 auf den Straßen der EU, in Deutschland waren es 3.339. Muss man sich mit diesem Preis für die Mobilität abfinden?

Man muss nicht. Zwar spielen technische Mängel an den Fahrzeugen in vielen industrialisierten Ländern so gut wie keine Rolle mehr, in Deutschland sind sie nur für 0,9 Prozent der Unfälle verantwortlich. Ein wirkliches Problem aber ist der Mangel an Technik. Speziell eine Technologie könnte ohne großen Aufwand sehr viele Leben retten – wenn sie denn endlich eingebaut würde: ISA, Intelligent Speed Adaptation.

So heißt ein schlauer Tempomat, der schon seit Ende der neunziger Jahre zur Verfügung steht – und genauso lange von der Boulevardpresse als "Zwangs-Bremse" beschimpft wird. Seine Technik ist in verschiedenen Varianten ausgereift. Alle Versionen unterstützen den Fahrer mehr oder weniger nachdrücklich dabei, sich an die vorgeschriebene Höchstgeschwindigkeit zu halten. Gezwungen wird er dazu nicht. ISA macht den Verkehr sicherer, flüssiger, leiser. Das Assistenzsystem spart Treibstoff, senkt die Feinstaub- und CO₂-Emissionen. Und niemand wird mehr geblitzt.

Dass ISA nicht längst in jedem Auto steckt, ist ein Skandal.

Die letzte vergleichbare flächendeckende Einführung einer Sicherheitstechnik liegt 40 Jahre zurück, sie wurde ähnlich hartnäckig bekämpft. Auch gegen die Ausrüstung der Pkw mit Sicherheitsgurten hatten sich die Automobilindustrie und ihre Lobby lange gewehrt. Einige oberschlaue Experten erklärten damals den Gurt sogar zum Sicherheitsrisiko, weil man nach einem Crash nicht schnell genug aus dem Auto herauskäme. Die Aufregung ebbte erst ab, nachdem das Angurten Mitte der achtziger Jahre strafbewehrte Pflicht geworden war. Hunderttausende Menschenleben hat der Sicherheitsgurt seitdem weltweit gerettet.

Eigentlich könnte ISA eine ähnliche Erfolgsgeschichte schreiben. Ein Dutzend Versuchsreihen in Australien, Japan und sieben europäischen Ländern hat in den vergangenen 15 Jahren die Praxistauglichkeit nachgewiesen. Hunderte Testautos waren mit ISA im normalen Verkehr unterwegs. Größere Probleme mit der Technik oder gefährliche Situationen sind nirgendwo aufgetreten. Und mit der Erfahrung stieg die Akzeptanz. Sogar Fahrer, die sich selbst als Raser bezeichneten, lobten das System und fuhren nach dem Ende des Tests zurückhaltender.

"Mit ISA sinkt die Zahl der schweren Unfälle um ein Viertel, die der tödlichen sogar um 30 Prozent", sagt der Verkehrssicherheitswissenschaftler Oliver Carsten von der University of Leeds. Er beschäftigt sich seit vier Jahrzehnten mit dem Thema, hat selbst mehrere Testreihen durchgeführt und kennt die weltweit gesammelten Forschungsergebnisse und Simulationsrechnungen genau. Jedes Prozent Tempoverringerung führt im Durchschnitt zu zwei Prozent weniger Unfällen und vier Prozent weniger Toten.

Auch volkswirtschaftlich wäre ISA ein großer Gewinn. Die Einsparungen durch vermiedene Unfälle, geringeren Treibstoffverbrauch und CO₂-Ausstoß überträfen die Kosten für den flächendeckenden Einsatz um das Siebenfache. Und dabei sind all die Bremsschwellen, Blumenkübel und Verkehrsinseln noch gar nicht berücksichtigt, die nur gebraucht werden, um Rasern in Tempo-30-Zonen Respekt abzuringen. Mit ISA ginge das einfacher.

Unter Fachleuten gelten die Argumente längst als Binsenweisheit. Der europäische Verkehrssicherheitsrat ETSC wirbt schon seit Jahren für ISA. Das Transport Research Laboratory, das britische Gegenstück zur Bundesanstalt für Straßenwesen (BASt), empfiehlt ISA auf Grundlage einer umfassenden Auswertung aller Studien. Und Euro NCAP, das europäische Neuwagen-Bewertungsprogramm, vergibt die maximale Punktzahl seit einem Jahr theoretisch nur noch für Fahrzeuge mit eingebautem ISA.

Praktisch gibt es die volle Punktzahl gar nicht mehr. Denn wer ein Auto mit schlauem Tempomat kaufen will, findet kein einziges Angebot. Nur in Australien bietet die Firma SpeedShield einen Nachrüstsatz an. Samt Einbau kostet er je nach Fahrzeugtyp zwischen 500 und 2.000 Euro. Als Serienausstattung in Neuwagen würde der Preis schnell auf ein- bis zweihundert Euro sinken.